Januarheft 1960, Merkur # 143

Afrikanische Unerschöpflichkeit

von Werner Helwig
Ihnen stehen 28% des Beitrags kostenlos zur Verfügung

Als vor Jahren der Slogan aufkam, Afrika müsse neu entdeckt werden, hätte niemand voraussagen können, wie wir heute in diesem Betracht dastehen. Ein Überangebot der Verlage antwortete auf die damalige Feststellung. Wir haben uns − jeder mehr oder weniger Laie und Liebhaber − zu Afrika-Ethnologen entwickelt und gehen mit Begriffen wie „Bantu-Philosophie“ oder „Neoafrikanische Kultur“ um, als wäre es kaum je anders um unsere Afrikakenntnisse bestellt gewesen. Diejenigen unter uns, die noch zu den Nutznießern des von Leo Frobenius erarbeiteten Afrika-Wissens gehören, entdeckten erstaunt, daß anscheinend die ahnungsvolle Kennerschaft dieses großen deutschen Forschers der Ergänzung bedürfe. Es gibt sogar Kühne, die glaubten, sich aufgrund der neuen zusätzlichen Einsichten ein abwertendes Urteil über ihn erlauben zu dürfen. Aber noch ist die Afrika-Erkundung, oder genauer, die Afrika-Vision von Leo Frobenius, wie sie auf der Basis seiner Kultur- und Sittenlehre „Paideuma“ zustande kommen konnte, ein unabdingbarer Bestandteil unserer Zusammenschau des Problems. Eine moderne Afrika-Bibliothek kann der Zeugnisse seiner Vorarbeit nicht entraten. Und auch die rein spekulative, anfechtbare, aber um ihrer Kühnheiten willen schätzbare Afrika-Erhellung, die Ernst Fuhrmann in einigen seiner Schriften unternommen hat, sollte in einer solchen nicht fehlen.

Nun aber das Überangebot, das uns der Moment beschert. Besonders ein Name ist es, der sich uns als Kenner afrikanischer Gegebenheiten bekannt gemacht hat: Janheinz Jahn. Seine Bücher, mit diesen Dingen einläßlich beschäftigt, fallen in schneller Folge vom Baum seiner Intuition, und schon sind auch Zweifler aufgetreten, die sich fragen, wie weit dieser leidenschaftlich für seinen Gegenstand eintretende Autor auf wirklichen, originären Kenntnissen fuße. Ob seine Gaben afrikanischer Dichtung nicht zum Teil Zweitübersetzungen wären, ob er überhaupt die Bantusprache, über deren Sinngehalt er so viel zu sagen weiß (vgl. seine Einführung in das Buch über Bantu-Philosophie von Placide Tempels, Wolfgang Rothe, Heidelberg 1957), wirklich erschöpfend beherrsche. Jedenfalls ist es keinem Autor bisher besser gelungen, der »Schwarzen Ballade« (E. Diederichs, Düsseldorf 1956) Hörer und Verehrer zugewinnen. Und ob es »Afrikanische Erzähler beider Hemisphären« sind oder die poetischen »Elfenbeinzähne« des Afro-Amerikaners Paul Vesey (Wolfgang Rothe, Heidelberg 1957) − eine ganz neue Terminologie wird uns da von der Übersetzung Jahns angewöhnt; ob es der »Palmweintrinker« Amos Tutuola (ebd. 1957) ist (tollstes der neuafrikanischen Märchen, dem er ein Nachwort beigibt) oder der Tam-Tam-Barde Leopold Sen-dar Senghor vom Senegal (Tam-Tam-Schwarz, ebd. 1958), − immer weiß er uns in den Bann seiner Passion zu ziehen. Seine Intonation kommt einem erwachten Bedürfnis entgegen und fördert es zugleich. »Muntu. Umrisse einer neoafrikanischen Kultur« (E. Diederichs, Düsseldorf 1958) heißt sein letztes Buch, in welchem sich seine Kenntnis der inner- und außerafrikanischen Negerprobleme zur Erkenntnis verdichtet.


Weitere Artikel von Werner Helwig