Maiheft 1979, Merkur # 372

Alfred Mombert: Visionär auf eigene Rechnung

von Werner Helwig
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Er war ein Denkfahrer durch alle Zeiten und Räume, die mit dem Wort der menschlichen Sprache beschworen, beschrieben werden können, Sein »Brennstoff« war die Phantasie. Das große Spiel, das der Vorrat an gewordenen, fertig ausgereiften Worten gestattet, hat er bis zuletzt gespielt, ein ernstes Kind mit dem Antlitz seiner Heldgestalten: Aeon und Sfaira. Der erste als Genius seiner Jugend dargestellt, der zweite als das Altern dieses ewig Jugendlichen in der Zeit. Sein Lebenslauf ging bruchlos in Dichtung − wie er sie verstand − auf. Und vom Untergang (er würde sagen Übergang) des Dichters her will sein Werk betrachtet, aufgenommen, nachgeprüft werden.

1940, noch im Besitz seiner persönlichen Freiheit, schreibt Mombert mit Bezug auf die politischen Ereignisse den seltsamen Satz: »Das heutige aktuelle Werden habe ich − wie ich mit immer neuem Staunen bemerke − von »Aeon« bis zum »Held der Erde: und weiter endgültig vorgelebt...« − Ein gefährlicher Satz. Fast ein archimedischer Punkt. Könnte man doch von ihm aus den ganzen Mythosbau des Mombertʼschen Werkes ins Tagespolitisch-Verpflichtete hinüberhebeln. Und zwar im Sinne eines durchaus deutsch-völkisch zu verstehenden Ethos. Das von ihm selbst angeführte Gedicht-Werk »Der Held der Erde«, erschienen 1918 im Insel-Verlag, würde sich als die maßgebliche Mitte solcher Gesinnung verstehen. Dieses durch Momberts Vorspruch: »Der Held der Erde wurde vollendet im Frühling 1914« als Prophetie in Bezug auf den Ausbruch des 1. Weltkriegs (August 1914) in Anspruch genommene Werk spart denn auch mit den deutlichsten Bezügen nicht. Es geht Mombert »um die Menschheit der Urjahre 1914/18«, und er feiert das so verheerend unser Lebensjahrhundert einleitende Vernichtungsgeschehen als: »Geist befunkelt die Waffentänze auf einer glühenden Menschheit Macht-Traum-Fest. Dann heran tritt Aeon. Der mit dem Sieglächeln auf seinem Mythen-Antlitz tauft die Zeit, die jetzt von uns gelebte − »Strahlendes Sagen-Alter: − Dann wird es geschehen −: Dann singt mein ewiges, mein deutsches Herz in diesem Buche«. Das Buch endet mit dem befehlenden Ausruf: »Schlacht«. Im antiken Sinne vates sein zu wollen und als Dichter-Prophet wortursächlich mit einzugreifen in das, was sich da als weltpolitischer Wahnsinn begibt, war, seit Nietzsche, ein Dichterleiden, das nicht nur Deutsche betraf (Barlach, Benn, Däubler, Carossa, Ina Seidel −, in eingeschränktem Maße auch George), sondern sozusagen in der »Erwartungs«-Luft lag. Maurice Barres (1862−1923) mit seinen chauvinistischen Hetzreden in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg, Gabriele D’Annunzio, der dem italienischen Patriotismus mit Hymnen huldigte, kriegsbejahend, und später dem Faschismus zustimmend, wenn auch mit Mussolini im Konflikt, Saint-John Perse, als französischer Diplomat extrem rechtsstehend und in seinem berühmtesten Gedicht-Werk »Anabase« (1924) den Alexanderzug (ganz ins esoterisch Undurchsichtige gewendet) verherrlichend. Knut Hamsun, der auf den wuchtigen Aufbruch der Nazis hereinfiel. Der große amerikanische Poet und Poetologe Ezra Pound, der seine Stimme Mussolinis kriegshetzerischen Radiosendungen lieh. Sie alle hatten sich in ihren angemaßten vates-Eigenschaften vertan. Und ihr Werk, einschließlich der darin mit enthaltenen Großheit, böse belastet. Jene Literatoren, die heute versuchen, in rückblickender Wertung das eine vom andern zu trennen, haben es schwer. »...endgültig vorgelebt...«, Momberts katastrophaler Irrtum! Er ging in seiner Überzeugung sogar so weit, daß er wähnte, er sei so sehr Deutscher (wenn auch geborener Jude), daß er den Häschern der Nazis gegenüber gefeit sei. Richard Benz, sein getreuer Verkündiger, auch anfangs den Nazis zustimmend, wandte jede Mühe auf, um Mombert-Aeon aus der allgemeinen Judenverfolgung auszuklammern. Seine Gänge zu den Ämtern, bis in die höchsten Stellen hinauf, sind nicht zu zählen. Mombert mußte nach Südfrankreich ins Lager Gurs, konnte von dort in letzter Sekunde noch, schwer erkrankt, von seinem Schweizer Mäzen Werner Reinhardt freigekauft und nach Winterthur gerettet werden, wo er, nach Abschluß seines letzten Werkes (»Sfaira der Alte«) 1942 seinen Leiden erlag. Bis zuletzt seinem Deutschlandmythos, wenn auch auf verwandelten Ebenen, treu. Unbegreiflich nur, daß die Nazis, sonst so gut von ihrer Schläue beraten, sich solche hohe Fürsprecherschaft entgehen ließen. Auch ja im Falle Gottfried Benns, dessen Nachruhm sie dadurch ungewollt retteten, daß sie sich seine Bekenntnis-und Werbebereitschaft nicht zunutze machten. Und dem Ansehen des Dichter-Visionärs Mombert kamʼs auch zugute, daß etwa ein Göring ihn nicht zum Ehrenjuden, nach seiner Devise »Wer Arier ist, bestimme ich«, ernannte. Das will mitvertragen, mitverdaut sein.

Bei dieser Aufrechnung darf allerdings nicht vergessen werden, daß man als Mensch und Geist durchaus einer Zeitstimmung erliegen kann. Wissen wir, wie man in fünfzig Jahren unsere stramme Links-Gerichtetheit beurteilen wird? In welchem Safe liegt die Gewißheit, daß wir die geschichtlich richtige Entscheidung getroffen haben? Ohne die Nazi-Kataklase (Zerreiben oder Zerbrechen der in einer Gesteinsschicht enthaltenen Mineralien durch tektonische Kräfte) hätten wir alle diese Weltanschauungsunfälle gespart. Mombert wäre mit seinem in der Stille musizierenden Genius einem natürlichen Ablaufvorbehalten geblieben: nämlich nur noch Klang, nur noch Stimme, nur noch Sage zu sein. Der alte Mann mit dem Antlitz seiner Heldengestalten wäre in ein Jenseits eingegangen, das seiner (und unserer) Vorstellung entsprochen hätte. Daß er die (wenn auch von uns aus gesehen relative) Unbedingtheit seiner Schau bis ins KZ-Lager hinein durchzuhalten vermochte, gehört zu den erschütterndsten Momenten seiner Spät-Dichtungen.


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