Juniheft 1967, Merkur # 231

Als ihm die Stunde schlug

von Werner Helwig
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1927 erschienen zum erstenmal in New York unter dem Titel »The Fifth Column and the First Forty-Nine« jene kurz geschürzten Erzählungen, die in der Literatur des Westens eine Stil-Revolte ohnegleichen auslösten. Erst heute, vier Jahrzehnte später, legt uns endlich Rowohlt das damalige Gesamtwerk, vermehrt um »The old Man and the Sea«, in einem Bande vor (Sämtliche Erzählungen. Einmalige Sonderausgabe 1966) und erspart uns damit die antiquarische Suche nach dem »Schnee auf dem Kilimandscharo« oder »In einem anderen Land« oder nach dem Short-Story-Band, der bei Erscheinen in Deutschland nach dem Krieg in aller Hände war und uns wie ein Stück Autobiographie jenes Zeitmoments anmutet. Hemingway aber lebt nicht mehr. Er hat sich eine Elefantenpatrone in den Mund geschossen. »Die Art des Einschusses« − so hieß es im Dokument des den Tod bestätigenden amtlichen Arztes − »ist nicht mehr festzustellen«. Das heißt, der Kopf ist nicht mehr da. Die Fama hat Abenteuerlich-Inkommensurables um diesen Tod gesponnen. Aufgeregte Zeitgenossen versicherten damals, der amerikanische Geheimdienst habe ihn in dieses crude Ende gehetzt. Es hieß, ihm sei die Ausreise nach seiner Besitzung auf Cuba verweigert worden. Es hieß, FBI-Beamte hätten nach Ertönen des Schusses das Haus gestürmt, Papiere beschlagnahmt oder vernichtet, um Hemingways freundschaftliche Anfälligkeit für Fidel Castro zu vertuschen. Es hieß, seine katholische Konversion sei eine in letzter Minute aufgezogene Mache gewesen, die Einsegnung seines Grabes auf kahlem Feld mit nur 20 zugelassenen Trauergästen eine Farce, die hätte zudecken sollen, daß hier eine politische Willensbekundung anti-amerikanischer Art im Keim erstickt wurde. Es hieß, daß die Witwe sich der Überwachung hätte entziehen können und mit einem höchst gefährlichen politischen Manuskript nach Cuba entwichen sei, das in Havanna auf Englisch und Spanisch erscheinen und Amerika vor der ganzen Welt bloßstellen würde. Nichts davon hat sich bis heute begeben wollen. Castro erwähnte in seiner langen Rede weder Hemingway noch das mysteriöse Manuskript. Auch von der Witwe erschien nichts »Spanisches«, wie erwartet wurde. Der Ruhm des großen Schriftstellers litt weder von der einen noch von der andern Seite her. Die Westwelt feiert ihn. Der Ostwelt ist er unbequem. Aus der Hinterlassenschaft des Cuba-Häuschens, von Mary Hemingway dem Castro-Staat zu ehrenvoller Betreuung überantwortet, fanden sich Manuskripte und Erinnerungsstücke auf Auktionen westlicher Länder: die daraus zu gewinnenden Devisen waren Castro für seine Wirtschaft wichtiger als der angeblich obstinate Inhalt. Uns will scheinen, daß solche Dinge einfach mit zum Karma dieses durch allerlei (auch literarische) Gewalttätigkeit bestimmten Lebens gehören. Hemingway bleibt der Held seiner eigenen Blut- und Tod-Mysterien. [WS, 15.09.2019] SeinVerhältnis zur Metaphysik regelte sichin solchen Chiffren. Man erinnere sichder Vorbemerkung zum »Schnee aufdem Kilimandscharo«, wo es heißt: »DerKilimandscharo ist ein schneebedeckterBerg von 6000 Meter Höhe und sollder höchste Berg Afrikas sein. Derwestliche Gipfel heißt: Das Haus Got-tes. Dicht unter dem westlichen Gipfelliegt das ausgedörrte Gerippe einesLeoparden. Niemand weiß, was derLeopard in jener Höhe suchte.«


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