Juniheft 1961, Merkur # 160

Aus dem italienischen Pitaval II. Pupetta oder das Ende der neuen Camorra

von Hans Magnus Enzensberger
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Kolportage ist verzauberte Geschichte. Rinaldo Rinaldini und Mackie Messer, Franz Moor und Al Capone, die schöne Gangsterbraut und der Verbrecher aus verlorener Ehre − seit über hundertfünfzig Jahren bevölkern sie die böhmischen Wälder und das Dickicht der Städte, Palermo und Chicago, die Alb- und Wunschträume unsrer Phantasie mit Pulverrauch und Blutrache, wüster Freiheit und Knabenschrecken. Woher die Macht, die Kolportage über unsre Einbildungskraft bewahrt und übt? Sie enthüllt verhüllt die Wahrheit der Gesellschaft, indem sie vor Augen stellt, was unausgesprochen ihr zugrunde liegt, und treibt es auf die Spitze: Konkurrenz, Anarchie, Gewalt, Ausbeutung; Reichtum, Glanz und Macht gewonnen ohne Arbeit, zerronnen im jähen Sturz, zernichtet auf dem Blutgerüst. Und wenn dann der Kopf ab ist, sagen wir: Hoppla. Was sie so enthüllt, verhüllt Kolportage durch Übertreibung, schreiende Farbe, Theaterduft, Jahrmarkts- und Panoptikumsmagie. Indem sie ein Modell der kapitalistischen Gesellschaft als blutrünstige Lustbarkeit ausstellt, verführt sie uns, der Wirklichkeit, die sie verzaubert, als einer vorgespiegelten zu vergessen. Ihre Aufregungen beruhigen uns. Der Frosch mit der eisernen Maske und der Kitschengel mit den zwei Pistolen, der Sarg mit Samt und Veilchen, der Orang-Utan in der Rue Morgue und der Gorilla, der schön grüßen läßt − sie werden uns nie auf den Leib rücken, nie ihre Buchdeckel und Filmkulissen verlassen. (Dieser Darstellung liegen in der Hauptsache Berichte der italienischen Presse aus den Jahren 1955 und 1959 zugrunde. Benutzt wurden vor allem »Il Tempo«, »Il Giornale d’Italia«, »Giustizia«, »L’Espresso« und »Legge e Giustizia«. Auskunft über die Geschichte der Camorra gibt das gleichnamige Buch von Alberto Consiglio, Mailand 1959. Für die Beschaffung des Materials ist der Verfasser Fräulein Maria Luisa Lucarini in Rom zu besonderem Dank verpflichtet.)

Welcher Drehbuchschreiber, welcher Bänkelsänger aber hat sich die Geschichte ausgedacht, die wir hier schreiben wollen, die Moritat von Pupetta und der Neuen Camorra, der Braut in Weiß, dem Racheengel in Schwarz, den Neun Königen der Preise und dem Gangsterkrieg von Neapel? Die Wirklichkeit hat hier Regie geführt, und ihre Requisiten sind: wirkliches Blut, wirkliche Tomaten, wirkliches Verbrechen, wirkliches Elend. Wenn aus der Parodie tödlicher Ernst wird, wenn die Kolportage recht behält gegen die Tatsachen, gewinnt sie ihre verlorene Würde wieder. Wenn nach der Vorstellung Beifall den Vorhang hebt, wenn dann die Leichen der Akteure, statt zur Verbeugung zu erwachen, liegenbleiben in ihrem Blut, ist am Schock der Zuschauer abzulesen, daß die Kolportage Beweiskraft erlangt hat gegen die Schrecken der Gesellschaft, die zu unterhalten sie angetreten ist.

27. April 1955

Die Straße von Neapel nach Sorrent und Positano ist auf der Autokarte von Italien mit einer grünen Linie versehen. »Malerische Wegstrecke«, sagt die Legende, und zwischen Ostern und Pfingsten erlebt diese Wegstrecke ihre Vorsaison. Der europäische Tourismus geht auf diesen grünen Strich und genießt von den Parkplätzen und Hotelterrassen den Blick über den Golf, den Blick auf Capri, auf die blühenden Orangenhaine und Obstplantagen. Vor der Basilika von Santa Maria di Pozzano, gleich hinter Castellamare, klicken die Verschlüsse der Leicas. Aus dem dunklen, weitgeöffneten Kirchenportal tritt am Arm ihres Bräutigams eine zwanzigjährige Schönheit, ganz in Weiß. Ein Blumenkorso von Automobilen bringt die dreihundert Hochzeitsgäste die hundert Schritt weit zum Restaurant »Panoramico«. Dort können die Touristen sehen, wie es bei einem neapolitanischen Hochzeitsmahl zugeht. Es ist ein ländliches Fest, gemütlich und feierlich, unzählige Trinksprüche werden ausgebracht, das Mahl besteht aus Gnocchi, Pasta in Blätterteig, Hühnern im Topf, frischem Fisch aus dem Golf, man trinkt Wein aus dem nahen Gragnano. Zwei Bürgermeister und ein Abgeordneter sind unter den Geladenen, die Braut ist die Schönheitskönigin ihres Heimatstädtchens, Brautvater, Bräutigam und Zeugen machen den Eindruck biederer, angesehener Geschäftsleute. Nach dem Essen werden neapolitanische Canzonen gesungen. Die Stimmung ist fröhlich, beinahe ausgelassen. Ein zwanzigjähriger junger Mann, Sohn des Bürgermeisters von Marano, erhebt sich und stimmt ein Lied an, die »Guapperia«:

Scetàteve, guagliune ’e mala vita,

ca è ’'ntussecosa assai ’sta serenata:

i’ songo ’o nammurato ’e Margarita

ch’è ’a femmena cchiu bella d’ ’a Nfrascata.

 

L’aggio purtato ’o cuncertino,

p’ ’o sfizio ’e me fa sentere cantà...

M’aggio bevuto nu bicchiere ’e vino,

pecchè stanotte ’a voglio ntussecà ...

Scetàteve, guagliune ’e mala vita!

 

E accumparuta ’a luna all’intrasatto

pe’ lle dà ’o sfizio e’ me vedè distrutto:

pe’ chello ca ’sta femmena m’ha fatto,

vurria ca ’a luna se vestesse ’e lutto...

 

Quanno se ne venette a’ parte mia,

ero ’o cchiù guappo ’e vascio ’a Santià...

Mo c’aggio perzo tutta ’a guapperia


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