Theodor W. Adorno Jeremy J. Shapiro (CC BY-SA 3.0)

Theodor W. Adorno im Merkur

Theodor W. Adorno (geb. 1903-1969) war Philosoph, Musiktheoretiker und Sozialforscher und einer der prägenden Denker der Frankfurter Schule. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde ihm wegen seiner jüdischen Abstammung die akademische Lehrbefugnis entzogen. 1938 emigrierte Adorno in die USA, wo er unter anderem am Institute for Social Research in New York forschte. 1949 kehrte er nach Deutschland zurück. Er lehrte bis zu seinem Tod an der Universität Frankfurt.

Hans Paeschke, der Gründungsherausgeber des Merkur, nahm bereits 1946 brieflich Kontakt zu Theodor W. Adorno auf, um ihn ganz allgemein für die Mitarbeit an der geplanten neuen Zeitschrift, konkret aber für eine musiktheoretische Stellungnahme zum Jazz zu gewinnen. Adorno lehnte ab, bot Paeschke aber fünf Jahre später den Essay „Bach gegen seine Liebhaber verteidigt“ (Heft 40, Juni 1951) an. Darin polemisierte Adorno gegen die Vereinnahmung des Komponisten durch ein Publikum, das aus ihm "einen Orgelfestspielkomponisten für wohlerhaltene Barockstädte", also "ein Stück Ideologie" gemacht habe. (Adorno seinerseits vereinnahmte Bach ohne Weiteres als Kronzeugen für "ein Komponieren", das Bach "die Treue hält, indem es sie bricht", was er vor allem bei Anton von Webern, Alban Berg und Arnold Schönberg verwirklicht sah.)

Zwei Jahre später erschien dann doch noch ein Stück über den Jazz: In „Zeitlose Mode“ (Heft 64, Juni 1953) zelebrierte Adorno intime Kennerschaft, indem er die Entwicklung des Jazz von seinen Anfängen um das Jahr 1914 zu den elaborierten Formen der 1950er in wenigen Zeilen kondensiert vorstellte. Zugleich zeigte er sich als gnadenloser Kritiker der von ihm diagnostizieren "Immergleichheit, die das Rätsel aufgibt, wieso Millionen von Menschen des monotonen Reizes immer noch nicht überdrüssig sind". Der Beitrag endete mit dem Diktum: „Jazz ist die falsche Liquidation der Kunst: anstatt daß die Utopie sich verwirklichte, verschwindet sie aus dem Bilde.“

Nach sieben Texten zu musikalischen Themen erschien im Februar 1960 der Essay „Kultur und Verwaltung“ über die Aporien der öffentlichen Kulturförderung. „Kultur, als das über das System der Selbsterhaltung der Gattung Hinausweisende", hieß es darin, "enthält allem Bestehenden, allen Institutionen gegenüber unabdingbar ein kritisches Moment.“ Dieses kritische Moment aber werde durch staatliche Förderpolitik unweigerlich neutralisiert, wenn auch in bester Absicht.

Adornos letzter Beitrag für den Merkur ist zugleich der bekannteste: „Wozu noch Philosophie?“, erschien im Novemberheft 1962. Es ist eine entschlossene Apologie der eigenen Disziplin, die sich gleichwohl demütig gibt: „Einiges Recht […], die Frage aufzuwerfen, habe ich bloß deshalb, weil ich der Antwort keineswegs gewiß bin.“ Das war, bei aller Koketterie, an die ein solcher Satz denken lässt, wenn er von einem international gefeierten Star des Fachs kommt, durchaus ernst gemeint. Tatsächlich hatte Adorno alles andere als eine triumphale Ehrenrettung der Philosophie im Sinn: „Nur Denken, das ohne Mentalreservat, ohne Illusion des inneren Königtums seine Funktionslosigkeit und Ohnmacht sich eingesteht, erhascht vielleicht einen Blick in jene Ordnung des Möglichen, Nichtseienden, wo die Menschen und Dinge an ihrem rechten Ort wären. Weil Philosophie zu nichts gut ist, ist sie noch nicht verjährt; und selbst darauf dürfte sie nicht sich berufen."


12 Artikel von Theodor W. Adorno

Die Funktion des Kontrapunkts in der neuen Musik. Für Rudolf Kolisch in treuer Freundschaft

Die Wahl eines kunsttechnischen, dem Ansatz nach handwerklichen Gegenstandes an Stelle eines geradewegs philosophisch-ästhetischen ist selber Ausdruck einer philosophischen Intention. Arnold Schönberg, dessen Werk den eigentlichen Schauplatz des »funktionellen Kontrapunkts« abgibt, der seiner Deutung noch harrt, hat in seinem Buch über Harmonielehre diese, als eine Handwerkslehre, von der Ästhetik kategorisch unterschieden. Das war möglich, weil (… lesen)

Heft 119, Januar 1958

Bach gegen seine Liebhaber verteidigt

Die heute herrschende musikwissenschaftliche Ansicht von Bach trifft zusammen mit der Rolle, die ihm Stagnation und Betriebsamkeit der auferstandenen Kultur zuweisen. Es soll sich in ihm, mitten im aufgeklärten Jahrhundert, nochmals die traditional verbürgte Gebundenheit, der Geist der mittelalterlichen Polyphonie, der theologisch überwölbte Kosmos offenbaren. Seine Musik sei dem Subjekt und seiner Zufälligkeit enthoben; sie (… lesen)

Heft 40, Juni 1951