Aprilheft 2003, Merkur # 648

Berliner Leben

von Gustav Seibt
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Als der damals längst weltberühmte Emile Zola im Oktober 1894 für sechs Wochen nach Rom kam, um seinen nächsten Roman vorzubereiten, da hatte er ein monatelanges Faktenstudium aus Büchern, Zeitungen, statistischen Unterlagen hinter sich und eine dicht gedrängte Folge von Gesprächen und Ortsterminen vor sich. Sein Roman Rome von 1896 wurde zum bis heute unerreichten Vorbild eines politisch-soziologischen Hauptstadtromans. Als die amerikanische Journalistin Jane Kramer zu Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts in das soeben wiedervereinigte Berlin kam, um einige längere Reportagen für den New Yorker zu recherchieren, da verfuhr sie nicht anders als Zola in der Ewigen Stadt hundert Jahre zuvor. Frau Kramer hatte sich sorgfältig vorbereitet und besuchte nun viele wichtige Leute: Bonner Politiker und Berliner Lokalgrößen, Bürgerrechtler des Ostens, Schriftsteller des Westens, Professoren, Satiriker, Studenten, Filmemacher, Liedersänger. Sie besichtigte die Reste der Mauer und die neuen Großbaustellen, ging in Hinterhöfe und Kellerlokale; ihre so einfühlsamen wie gerechten Reportagen gelangten sofort zu einigem Ruhm auch in Berlin, man übersetzte sie, machte ein Buch daraus − und besaß nun eine Übersicht über die großen Probleme der Stadt am Vorabend des deutschen Hauptstadtumzuges von Bonn nach Berlin. Trotz solcher unbestreitbarer Qualitäten wird kein Bewohner Berlins wohl die Empfindung haben, daß in den Reportagen der Amerikanerin das enthalten ist, was sein Leben in Berlin während dieser Jahre ausgemacht hat − Frau Kramer verlebendigt den Zeitungsstoff, ihr Interesse ist politisch, ideologisch, hochkulturell. Das Berliner Leben hat eine andere Färbung, und zwar seit sehr langer Zeit; es entspringt anderen Grundlagen und folgt anderen Gesetzen, die nur hier gelten. Um das zu erklären, muß man ein wenig in die Geschichte dieser Stadt und ihrer Selbstbilder zurückgreifen. Berlin ist die einzige europäische Metropole, die keinen umfassenden Großstadtroman hervorgebracht hat. Bilder vom Ganzen der städtischen Gesellschaft wie sie Dickens, Thackeray oder Wilkie Collins für London entworfen haben, fehlen ebenso wie Romane Balzacschen oder Zolaschen Zuschnitts; im 19. Jahrhundert sind Sankt Petersburg oder Kopenhagen literarisch breiter bezeugt als Berlin. Berlin hat Theodor Fontane hervorgebracht, der bezaubernde, aquarellzarte Genrebilder der Oberschicht, des Adels, des neureichen Bürgertums und seiner Bedienten malte. Nach dem Ersten Weltkrieg ist es bei Hans Fallada und Alfred Döblin die Berliner Unterschicht, vom Kleinbürgertum bis hinab zum kriminellen Lumpenproletariat, die im Zentrum der erzählerischen Aufmerksamkeit steht. Das einzige, was von Ferne an die soziologisch umfassenden Stadtromane des europäischen Realismus erinnert, sind die kürzlich wiederentdeckten journalistischen Berichte des Theaterkritikers Alfred Kerr aus der wilhelminischen Spaßgesellschaft um 1900. Kerr entwickelt sein Bild der Reichshauptstadt aus dem Amüsement, aus den Oberflächen der fortgeschrittenen Zivilisation wie Kaufhauskultur, Fahrradmanie und Frauenemanzipation. Treffpunkte dieser Gesellschaft sind das avantgardistische Theater, die Technikausstellungen und dieVolkslustbarkeiten sowie − nicht zu vergessen − die soeben eingeführte U-Bahn. In dieser Richtung arbeitete der Journalismus noch während der ganzen Weimarer Zeit weiter. Er lebte von der typisch deutschen Spannung zwischen der Metropole und den kleineren Landeskapitalen mit ihren bedeutenden Lokalblättern: Große Berlin-Journalisten wie Joseph Roth oder Siegfried Kracauer schrieben für die Frankfurter Zeitung, und natürlich hatten auch die Münchner, Kölner und Hamburger Blätter ihre Gewährsleute, die über die Politik und auch über die Kultur, das Theater, die Revuen, die moderne Architektur sowie das Leben des Volks berichteten. Diese tausendfältigen Darstellungen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß es aus dieser ganzen Epoche keinen Roman, überhaupt kein einzelnes Buch gibt, das die Berliner Gesellschaft so als gegliedertes, aber zusammenhängendes Ganzes schildert, wie es etwa zwei Jahre nach seinem Rom-Buch Emile Zola noch einmal in dem Roman über seine eigene Stadt Paris tat. Dieser literarische Umstand beruht auf sozialen Tatsachen, zuvörderst aber ist er selbst eine solche Tatsache: Das moderne, nachbiedermeierliche Berlin hat kein Selbstbild entwickelt. Das spiegelt die ungewöhnlich starke Zusammenhangslosigkeit der Berliner Gesellschaft seit Reichseinigung und Gründerboom. Das preußische Berlin hatte kein nennenswertes historisches Bürgertum, auch nicht die Ansätze eines die Stadt prägenden Patriziats wie selbst Frankfurt am Main. Der Adel, der im Winter in seine Stadthäuser kam, war ganz auf den Hof fixiert und blieb der städtischen Gesellschaft fremd; die neue, nach 1870 während der Gründerjahre − die ein wesentliches Berliner Phänomen waren − rasch zu Geld gekommene Bourgeoisie war parvenue, und ihre Stillosigkeit blieb berüchtigt. Sie hatte so gut wie nichts zu tun mit dem alten deutschen Bildungsbürgertum, das auch in Berlin wunderbar blühte − die Briefe und Journale der Varnhagens haben es bezeugt −, und das sich an den Größen der ortsansässigen Wissenschaft, an Humboldt, Helmholtz, Ranke, Treitschke, Mommsen, später Wilamowitz, Harnack, Troeltsch und Meinecke orientierte. Das beste Berliner Bürgertum, eine bald verfeinerte, kulturell anspruchsvolle, zuweilen wählerische Schicht rekrutierte sich aus dem selbstbewußten, frühzeitig emanzipierten Berliner Judentum. Das jüdische Bürgertum trug und brachte hervor, was ästhetisch zukunftsbildend in der Stadt war, das naturalistische Theater, die neue Musik, die impressionistische Malerei, die moderne Architektur, die liberale Presse, später den Film. Seine führenden Familien wohnten teils in Tiergarten, teils in Grunewald. Es dürfte kaum eine große Stadt in Europa gegeben haben, deren Bourgeoisie vor 1933 so weitgehend vom Judentum hervorgebracht und geprägt worden wäre. Das erklärt auch, warum es selbst nachdem dieses Bürgertum Reichtum und Kultur in höchstem Maße erworben hatte, nie zu einer Amalgamierung mit dem preußischen Adel gekommen ist, der im übrigen in seinem Durchschnitt trotz glanzvoller Ausnahmen kulturell beschränkt und ganz militärisch orientiert blieb. Die Sphären von Hof und Stadt blieben getrennt.

Ohne Berührung mit dieser Oberschicht vollzog sich auch das gigantische Bevölkerungswachstum Berlins seit der wilhelminischen Zeit. Zwischen 1871 und 1914 wuchs die Stadt von 800 000 auf 4 Millionen Einwohner − das ist schon die heutige Zahl. Die Hauptstadt des wirtschaftlich expandierenden Deutschen Reiches zog vor allem den Bevölkerungsüberschuß der östlichen Provinzen, Schlesiens, Pommerns und Westpreußens, darunter zehntausende Polen, an sich. Um 1900 glaubte man feststellen zu können, Berlin sei zu einem Drittel eine Stadt romanischen Ursprungs − abstammend von den französischen Hugenotten −, die anderen beiden Drittel aber seien »Slawen« und »Germanen«. Diese enorme, in amerikanischer Geschwindigkeit zunehmende Bevölkerung wurde in jenen gleichförmigen Karrees von Mietskasernen untergebracht, in denen ein Großteil der Berliner noch heute lebt: schnell hochgezogenen Stuckbauten, mit schematischen bildungsbürgerlichen Kunstzitaten an den Vorderfassaden, düsteren Rück- und Seitengebäuden und oft vielen Hinterhöfen, die Raum für eine immer tiefer absteigende Klassenschichtung boten. Das klassische Berliner Mietshaus beherbergte vorne kleines Beamtentum und Handwerk, hinten ärmeres Handwerk, Proletariat und nicht selten das bare Elend. Übrigens wurden noch in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Kreuzberger Hinterhöfen Kühe gehalten.Was war das für eine Bevölkerung? Sie war genau das, wofür sie im Rest des Reiches, das sich grauste und davor schauderte, galt: traditions- und wurzellos, das heißt ganz und gar städtisch, unbeeindruckbar, vorurteilsfrei bis zum Sittenlosen, formlos im Umgang, im Gemüt sentimental, jammrig, bockig, schlagfertig, zuweilen verlogen, im Kern nicht unrecht, dem politischen Exzeß meist abgeneigt, leicht zu unterhalten, in Nahrung und Amüsement so anspruchslos wie es beispielsweise in einer kultivierten Stadt Sachsens oder des deutschen Südens unvorstellbar wäre. Berliner Bäcker können bis heute keinen anständigen Kuchen backen, die Metzgereien sind bekanntermaßen schauderhaft, der Friseur arbeitet am liebsten mit der Maschine, Nationalgerichte sind Bulette, Eisbein, Sauerkraut, Kartoffelbrei, die Spreegurke, später die Currywurst. Das Berliner Bier ist eine würzlose Flüssigkeit, die gern mit Schnäpsen abgerundet wird. Das Berliner Volk − nur hier hat diese Bezeichnung heute überhaupt noch einen Sinn −, der »Proll«, wie er so kurz und treffend genannt wird, ist die einzige Konstante des Berliner Lebens, die alle Umbrüche und Abgründe der Geschichte von 1914 bis heute überstanden hat. Er strotzt noch immer von Saft und Kraft, läuft mit Hund durch sein Viertel und läßt die häufig geübte Kritik an seinem verwahrlosten Aussehen an der berüchtigten Fallschirmseide seiner Trainingshose abtropfen. Das bessere Bürgertum hingegen wurde, eben weil es so weitgehend jüdisch war, fast vollständig vertrieben und vernichtet; von der Berliner Vorkriegsgesellschaft hat seltsamerweise bis heute mehr Adel als Bourgeoisie überlebt. Vom Bürgertum gibt es nur noch versprengte Reste in Westberlin, deren öffentliche Repräsentanten eine donquijoteske, zuweilen karikaturhaft anmutende Form der Bürgerlichkeit vorleben, publizistisch, aber auch gesellschaftlich, durch Einladungen und »Salons«. Die Wissenschaft stieg ab, ihre großen Organisationen wie die Preußische Akademie versanken in der Bedeutungslosigkeit oder zogen fort − so die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Institut), die Monumenta Germaniae und die Deutsche Forschungsgemeinschaft; die Industrie − AEG vor allem − floh ins sichere Westdeutschland, und wenig Neues wuchs nach. Naziverfolgung, Bombenkrieg, Teilung, Blockade, Mauerbau haben die oberen Schichten des Vorkriegsberlin immer tiefer abgetragen. Die Berliner Politik im Westen wurde kleinbürgerlich bis zum Laubenpieperhaften, sie organisierte sich in den Parteien klientelistisch und verteilte die reichen westdeutschen Subventionen auf Interessengruppen, Verwaltungen und Baumafien; im Osten der Stadt entwickelte sich eine Funktionärskaste, deren Spitzen streng abgesondert in einem Reservat vor den Toren der Stadt lebten. Ineffizienz als Lebensform: Das ist die Erbschaft dieser Zeit, vor allem in Verwaltungsapparaten und Kulturinstitutionen. Es blieb das Volk, das gleichmütige, maulende, faule Berliner Volk, das, reduziert an Zahl, die Stadt notdürftig wiederaufbaute und vor allem die steinernen Gerippe der ausgebrannten wilhelminischen Stadtviertel wiederherstellte und vor dem Untergang bewahrte. Mit dem Volk überlebte die wichtigste Institution seines Lebens, die Berliner Eckkneipe, an den Kanten und Kreuzungen der Häuserblocks von vornherein eingeplant, ein düsterer, mit Holzmöbeln eingerichteter, trübe beleuchteter, rauh gemütlicher Ort von L-förmigem Grundriß, der mit seiner kurzen und seiner lange Seite die Gestalt eines Tresens räumlich nachbildet. Hier trifft sich die Bevölkerung aus der nächsten Umgebung, dem Kiez, und das gastronomische Angebot hat sich in den letzten hundert Jahren kaum verändert: Bier, Schnäpse, Röstkartoffeln, Spiegelei, Boulette. Die rustikale Eckkneipe hat, wenn der Eindruck nicht trügt, seit der Vereinigung vor allem im Osten der Stadt sogar einen gewissen Aufschwung genommen durch die starke Präsenz der oft ländlichen Bauarbeiter und Handwerker, die die zehntausenden während der DDR-Zeit verfallenen Häuser wiederherstellen. Ostberlin wimmelt von Maurern, Malern und Tischlern, die eine kalorienreichere Nahrung benötigen als die postmaterialistische Dienstleistungsgesellschaft westdeutscher Wohlstandszentren. Die ohnehin traditionell wenig zusammenhängende Berliner Gesellschaft hat also im Gefolge des Zweiten Weltkriegs äußerlich ihr Zentrum − durchdie Zerstörung von Mitte und Tiergarten − und soziologisch ihre Spitze verloren. Die verbliebene Bevölkerung zerfiel noch weiter in ihre Stadtviertel und Kieze, wobei die Ostwestgrenze sozial bis heute nur einen älteren Graben vertieft hat zwischen den proletarischen Bezirken des Ostens und den eher bessergestellten bürgerlichen Bezirken im Westen. Berlin, so hat man gesagt, zeige die Struktur der Parataxe − des Nebeneinanders sozial gleichgeordneter, nicht hierarchisch nachgeordneter Segmente.

Inmitten der unhierarchischen, parataktischen Struktur mit ihrer proletarisch-weitherzigen, großstädtischen Basis erwuchs nun in der Nachkriegszeit, genauer seit den sechziger Jahren, eine ganz eigene, die Mauergrenzeübrigens schon vor 1989 übergreifende Stadtkultur, die zwar in vielen farbigen Einzelaspekten oft geschildert, aber selten in ihrem Zusammenhang begriffen worden ist: Denn auch die Nachkriegszeit und unsere unmittelbare Gegenwart haben trotz der großen modischen Attraktion, die Berlin auf ganz Deutschland seit der Wiedervereinigung ausübt, weder den oft geforderten großen Berlin-Roman noch eine filmische Totale hervorgebracht, und selbst unbefangenen ausländischen Beobachtern wie Jane Kramer entging die Form des heutigen Berliner Lebens, eben weil sie bewußt oder unbewußtvon dem klassischen Modell einer städtischen Gesellschaft ausgingen, wie es die realistische Großstadtepik zwischen 1850 und 1950 immer wieder durchgespielt hatte. Bleiben wir für einen Augenblick bei der literarischen Diagnostik. Denn gerade die letzten zehn Jahre haben durchaus eine lange Reihe vielbeachteter Romane, in denen unsere Stadt eine Rolle spielt, hervorgebracht. Dieses merkwürdige Genre zeigt in fast allen seinen Beispielen bei aller sonstigen literarischen Verschiedenheit einige grundlegende Gemeinsamkeiten: Die neuen Berlin-Bücher sind von Kindern der Provinz geschrieben, bei denen der Umzug in die große Stadt mit der Lösung vom Elternhaus zusammenfiel; sie sind selten mehr als dreihundert Seiten lang, meist erheblich kürzer; ihre besten Passagen betreffen nicht Berlin, sondern bestehen aus sentimentalen, bittersüßen Rückblicken auf die Kindheit in der westdeutschen oder ost-deutschen Provinz: Kurzum, es handelt sich um ganz kurze Anläufe zum Großstadtroman, nach denen dann nicht gesprungen wird. Ein junger Mann kommt aus der Provinz in die Metropole, das ist die Konstellation vieler dieser Bücher; nur geht es danach nicht weiter. Es ist so, als bestünden die Verlorenen Illusionen von Balzac bloß aus den ersten hundert Seiten. Nach der Ankunft passiert nichts mehr, obwohl man denken müßte, nun hat der Held oder die Heldin doch endlich die drückend enge Heimat hinter sind, nun müßte das Leben losgehen: Sex und Karriere, Verbrechen und Politik, Unterwelt und Glamour, Stadt eben. Doch wovon hören wir? Von Begegnungen mit Gleichaltrigen, die auch nicht vom Fleck kommen, von zartem Händchenhalten in romantischen Hinterhofwohnungen. Und auf den kahlen Stuckwänden malen sich die Bilder der Kindheit im fernen Schwarzwald, im fernen Ruhrgebiet, im Harz, im Erzgebirge. Das ist der moderne Berlin-Roman, der die alten Muster romantischer deutscher Aufbrucherzählungen wiederholt. Früher allerdings führten sie ihre Helden nach Italien, zum Theater oder an eine Residenz. Warum sieht der junge deutsche Berlin-Roman so überraschend romantisch aus? Weil er einer Wirklichkeit entspricht. Wer seit den sechziger Jahren nach Berlin kam, vertauschte nur eine Provinz mit der anderen, eine Idylle mit der anderen, er verließ das elterliche Nest, um sich selbst ein neues zubauen. [WS, 13.09.2019] Spätestens seit dem Mauerbau wurde Westberlin zum Rückzugsge-biet für Wehrdienst- und Wirtschaftswunderflüchtlinge, die sich im unüber-


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