Oktoberheft 1962, Merkur # 176

Bert Brechts Poesie und Politik. Zur Gesamtausgabe seiner Gedichte

von Werner Helwig
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Bert Brecht war so etwas wie ein verhinderter Jesuit. Er fiel, auf derselben Ebene bleibend, ins dialektisch Entgegengesetzte, weil seiner Meinung nach die Kirche mit der Lehre Christi nicht mehr identisch ist. Christus war für ihn Gestalt gewordenes Sozialgewissen. Und wie es eine nicht schwer aufspürbare Beziehung zwischen Ignatius von Loyola und Karl Marx einfach im Denkschema des Lehrgebäudes gibt, so auch eine solche des absoluten Christen zum absoluten Marxisten. Beiden handelt es sich darum, mit einem durchdachten Aufwand von verbaler Beweisführung den geistig Naiven, den Zukurzgekommenen, den Entmachteten oder auch den „Armut-ist-ein-Glanz-aus-innen-Menschen“ zur Hoffnung der Welt, zum eigentlich von Gott gemeinten Geschöpf, zum wahren Besitzer der Zukunft zu machen. Beide mit auseinanderstrebenden Voraussetzungen und Zielvorstellungen; beide aber unter der Devise des Mitleids und des Mitleidens, darin sie den Erfüllungsbereich der „Lehre“ sehen.

Brecht hat als Siebzehnjähriger ein religiöses Gedicht geschrieben, das unter dem Titel „Karsamstaglegende“ den „Verwaisten“ gewidmet ist und am 21. Juni 1915 in den Augsburger Neuesten Nachrichten erschien: Seine Dornenkrone nahmen sie ab, legten ihn ohne die Würde ins Grab. Als sie gehetzt und müde andern Abends wieder zum Grabe kamen, siehe, da blühte aus dem Hügel jenes Dornes Samen. Und in den Blüten, abendgrau verhüllt sang wunderleise eine Drossel süß und mild eine helle Weise. Da fühlten sie kaum mehr den Tod am Ort, sahen über Zeit und Raum, lächelten im hellen Traum, gingen träumend fort. Wenn man sich das gleichzeitige Profilfoto dazu anschaut (Band 2 der Suhrkampschen Gedichtausgabe), wo das Knabengesicht mit streng eingezogenem Mund über einem hochgeschlossenen Rock (wie er ihn ähnlich sein ganzes Leben lang zu tragen liebte) mit kleinem weißem Kragenrand (wie er zur Tracht der Geistlichen gehört) etwas starr, etwas verklemmt, ausgesprochen katholischen Blicks durch die Brille starrt (es gibt einen unverkennbar geistlichen Brillenblick), kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier der Zögling eines Priesterseminars seiner irdischen Bestimmung entgegenstrebt. Aus diesem, physiognomisch gleichsam vorgeprägten, jesuitischen Fanatiker, der mit der Lehre Christi bis in die Wurzeln hinab ernst machenwollte, wurde, da ihm das Christentum nicht radikal genug verfuhr, ein Marxist, der die Schulungsstrenge und Unerbittlichkeit des militantesten Ordens der Kirche auf die Erlösungsmethodik des Kommunismus übertrug. Es genügte ihm nicht, Anarchist zu sein (als welcher er sich in seiner früheren „Hauspostille“ vorstellt), oder Sozialist. Es mußte das äußerste Extrem sein: der aktive Kommunist.

Brecht wollte seinen Anteil an der Demontage der alten und am Neubau der zu erhoffenden besseren Welt nicht schuldig bleiben. So schreckte er nicht davor zurück, sich schuldig zu machen, indem er in seinem Bekenntnis ausharrte, auch, nachdem einem so klugen und wachen Manne wie ihm aufgegangen seinmußte, daß die Verwirklichung der Neufassung der Welt mehr Blutkosten würde, als die Erhaltung der alten. Und daß die Benachteiligten auch dort wieder die „geistig Armen“ sein würden, von denen die Hoffnung auf die nächste Umkehr leben müßte, und so usque ad finem. Das Drama Brecht ist vielleicht bedeutsamer, „redender“ als alles, was er je dem Papier anvertraut hat. Aber das eine wäre ohne das andere nicht sichtbar geworden. Und der Idealist wiederum nicht ohne den Dogmatiker, unbeschadet all der merkwürdigen Rettungsversuche, die den Dichter solcher Verse wie: Ich gestehe es: ich Habe keine Hoffnung. Die Blinden reden von einem Ausweg. Ich Sehe.Wenn die Irrtümer verbraucht sind Sitzt als letzter Gesellschafter Uns das Nichts gegenüber ...für den Westen annektieren wollen. Die Beweisführung in diesem Betracht bedient sich immer raffinierterer Methoden, um deutlich zu machen, daß alles, was Brecht je vom Osten aus gegen den Westen gesagt hat, heute umzukehren wäre und treffender wie kein anderes Wort vom Westen aus gesprochen, den Osten demaskiere. Wir wissen nicht, was Brecht über die Niederwalzung des ungarischen Freiheitsaufstandes ge-sagt hätte. Er starb sozusagen rechtzeitig. So rettete es das Andenken Benns, daß ihn die Reichsschrifttumskammer nicht zum Oberhirten ihrer Poeten kürte. Sein Zorn darüber, daß die Nazis seine Fußwaschungen nicht akzeptierten, war zunächst größer als sein Entsetzen über das, was nach der Machtübernahme mit seinen jüdischen Freunden und Protektoren geschah. Das kam erst zum Durchbruch, nachdem er seine literarische Servitüde endgültig abgelehnt wußte. Brecht blieb nach dem Arbeitermord am 17. Juni 1953 in Ostberlin. Daß er sich den Protestverkniff, weil er sein geliebtes Theater nicht verlieren wollte, ist auch nicht gerade die glücklichste Verklärung seines Verhaltens.

Dies alles war vorauszuschicken, um von dem Dichter Brecht zu sprechen. Er hat uns oft genug versichert: „in mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen“. Denn seine Gefahr war, was er — wie ein Jesuit seine Versuchungen — bekämpfte: das Romantische. Die meisten seiner Gedichte erweisen es. Seine schönsten leben daraus. Seinen schwachen ermangelt sie. Aus der bekämpften Romantik wurde die travestierte. Mittels ihrer hoffte er, sich das dunkelbunte Geschwür aus dem Herzen zu brennen. Der Erfolg war, daß eine ganz neue Form des Romantischen entstand, nämlich eine, die sich selbst in jedem Wort halb verdächtigte, halb nachgab. Von dieser Brechtschen Fassung der Romantik sind wir alle, die wir in den Zwanzigerjahren seine „Hauspostille“ lasen, unausweichlich geprägt. Durch die klaren Wasser schwimmend vieler Meere Löst’ ich schaukelnd mich von Ziel und Schwere Mit den Haien ziehend unterm roten Mond. Seit mein Holz fault und die Segel schlissen Seit die Seile modern, die am Strand mich rissen Ist entfernter mir und bleicher auch mein Horizont. Wo uns dieser Ton erreicht, ergeben wir uns ihm. Er hat privatgeschichtliche Erinnerungsbedeutung für uns bekommen. Und sogar das Pseudo-Katholische an Brechts zentralstem Gedichtbuch „Hauspostille“, mit all ihren verräterischen Titeln, wie „Bittgänge“, „Liturgie vom Hauch“, „Exerzitien“, „Großer Dankchoral“, „Die kleinen Tagzeitender Abgestorbenen“, „Lied am schwarzen Samstag in der elften Stunde der Nacht vor Ostern“, sogar dieses Kaschiert- und zugleich Travestiert-Katholische hat sich für uns mit dem Klima sarkastischer Religiosität durchtränkt, indem es wie der Duft einer in sich umgekehrten Gläubigkeit von den Seiten aufsteigt, ein bayerisch-heidnischer Kapellenduft, etwas, das uns später aus den Kompositionen Orffs entgegenschlagen sollte und das mit noch stärkeren Akzenten aus den Gedichtbüchern des heute aus unserm Gedächtnis (zu unrecht) getilgten Jakob Haringer(1898-1948) als eine Art von Sommerkatholizismus aufräuchert und uns gefangen nimmt: O Welt du: Gottes verlassenes Schneckenhaus, Nur leise Traurigkeiten blieben zurück. Jesu besucht der Seele kleines Puppenzimmer. Aber kein Leid gräbt mehr einen tiefen Schacht.


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