Juniheft 2003, Merkur # 650

Das brechende Herz des besseren Mannes. Rudolf Borchardt während des Dritten Reiches

von Gustav Seibt
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Am 27. August 1936 erklärte Rudolf Borchardt in einem Brief an den Königsberger Literaturhistoriker Josef Nadler seinen Austritt aus der deutschen Literatur. »An dem bittern Tage, an dem ich nach langen Jahren des Widerstandes mit dem Rücken zur Wand den englischen Kontrakt unterschreibe, der meinen vier Kindern Brot geben wird, nehme ich Sie zum Zeugen der Umstände dieses Verlassens meiner Lebensbahn.« Einer zumindest solle, wenn die Urteile der Nachwelt gefällt würden, wissen, wie es stand. Borchardt gibt einen Überblick zu seiner persönlichen und wirtschaftlichen Lage; er, der im Reichsgebiet nicht mehr publizieren kann, wo zwei Jahre zuvor mehrere seiner Freunde beim Röhm-Putsch umgebracht wurden, dem die Schweiz nicht genügend abnimmt, der es stolz ablehnt, »diejenigen Herkunftsbeweise materiell zu erbringen, an deren Ausweis das Existenz-Minimum geknüpft ist« (es geht um den Ariernachweis für die Reichsschrifttumskammer), muß auf seiner oberhalb von Lucca gelegenen Villa mittlerweile von zahlenden Sommergästen leben; als Familienvater steht ihm auch der Weg Kleists in den Selbstmord nicht offen, den sein Bremer Schwiegervater ging, »der am Tage der Verkündung jenes ›Rechts‹ das ›dem deutschen Volke nützt‹ sich als alter hanseatischer Jurist und Erbe langer Reihen von Juristen für abgelöst erklärte und von uns ging«! Entscheidend aber ist ein geistiger Gesichtspunkt. »Mein Lebenswerk und meine nationale Sendung ist die Wiederherstellung der deutschen Tradition. Darum kann zwischen meinem Deutschland und dem heutigen nur die Geschichte entscheiden, ich habe so wenig zu wählen wie Dante und Erasmus. Hier ist auch die Grenze meiner Deutschheit gegen Menschheit und Christenheit. Alle meine Kräfte gehören einem menschlichen, christlichen, deutschen Vaterlande, und noch mein letzter Atem wird ihm gehören.« In dieser verzweifelten Lage also unterschreibt Borchardt einen Vertrag über ein in englischer Sprache abzufassendes Buch mit dem Titel Interregnum, Being an Inguiry into the Causes of German disorders past and recent. »Aber«, so setzt er hinzu, »es ist kein Emigrantenbuch, nur unbesorgt! Es hätte deutsch geschrieben werden müssen, das ist alles.« (Zitate aus den Briefen nach der von Gerhard Schuster betreuten großen Ausgabe Gesammelte Briefe der Edition Tenschert im Hanser Verlag, hier vor allem die Bände für 1931−1935 (1996) und für 1936−1945 (2002). Dazu in derselben Ausgabe der Briefwechsel zwischen Rudolf Borchardt und Rudolf Alexander Schröder 1901−1945 (2 Bände, 2001). Borchardts Anabasis erscheint noch in diesem Jahr in der Schriftenreihe der Rudolf Borchardt Gesellschaft. Teilweise abweichende Interpretationen entwickelt Martin Walser in dem Essayband Aus dem Wortschatz unserer Kämpfe (Frankfurt: Suhrkamp 2002) aus Anlaß des Briefwechsels Borchardt/Schröder.)

Borchardt schrieb diesen exaltierten Brief nicht an irgendeinen. Mit Nadler, dem Literaturhistoriker der deutschen Stämme und Landschaften, verband ihn, wie er glauben durfte, eine tiefe und verläßliche geistige Gemeinschaft, ja verständnisvolle Freundschaft. Gestiftet worden war sie von Hofmannsthal, einem der Entdecker Nadlers, der ihn in den frühen zwanziger Jahren berühmt gemacht hatte. Nadlers völkische, sich auf lokale Gegebenheiten und Lebensformen beziehende Literaturbetrachtung, eine Kulturgeschichte von unten, die kühn den Literaturbegriff auf alle Gattungen schriftlicher Äußerung erweitert hatte, korrespondierte sowohl mit Hofmannsthals großdeutschem Konservatismus wie mit Borchardts Idee einer reicheren, weniger abgeschliffenen, »mittelalterlicheren« deutschen Sprache, die in den oberdeutschen Dialekten aufbewahrt sei. Borchardt und Nadler hatten einander seit den zwanziger Jahren auch öffentlich beigestanden, eine intellektuelle Koalition gebildet, über einandergeschrieben, einander laudiert; bei dem vergeblichen Versuch, Nadler am Ende der zwanziger Jahre auf einen Münchner Lehrstuhl zu hieven, waren sowohl Hofmannsthal wie Borchardt vor und hinter den Kulissen tätig geworden. 1934 hatte Borchardt in einem feierlichen Brief zu Nadlers fünfzigstem Geburtstag festgehalten: »Wenn ich nach der eigentlich und innerlich heldenhaftesten Erscheinung und That meiner Epoche gefragt werden würde, derjenigen an deren unbeirrter und durchdringender Kraft ich selber mich aufgerichtet hätte, wo die Alten versagten und nur der Zeitgenosse meinem eigenen Verhalten und Ausharren zum Mitbürgen werden konnte, so würde ich nur das Werk, die Reformation der deutschen Literaturgeschichte nennen dürfen, die für die Ewigkeit an Ihren Namen geknüpft bleiben wird.« Borchardt wandte sich also zugleich an einen Freund und an den, den er für den größten Literaturhistoriker seiner Epoche hielt. Sein pathetischer Übertritt ins Englische ist so noch einmal als Akt der deutschen Literaturgeschichte inszeniert. »Mein Name tritt der langen Reihe derer hinzu, denen unser armes Volk alle Liebe eines Lebens mit dieser Galle eintränkt – über die Grenze weg, des Lebens oder der Sprache. Die Jahrhunderte vergehen, es ändert sich nichts.« Wer einen solchen Brief schreibt, der rechnet damit, daß sein Text dereinst in den Kanon der Tradition aufgenommen wird. Wir lesen ein Sendschreiben auf den Höhen erhabenster Geister, die für ihre Zeit und ihr Volk zu sprechen, ja zu handeln berufen sind. Das Dokument einer unbestreitbaren, auch materiell faßbaren Not, das kühl den Selbstmord erwägt, ist zugleich Zeugnis eines überspannten Stolzes, der weit über die schäbigen Bedingungen eines einzelnen Lebenslaufs hinauszielt. Gerade in der Zurschaustellung solchen Stolzes liegt, noch über die Darstellung einer demütigenden Lebenssituation hinaus, auch eine bemerkenswerte Selbstentblößung. Josef Nadler, der Literaturhistoriker und Freund, wurde in diesem Brief als Notar und als Beichtvater zugleich angesprochen. Das ist anrührend und ein wenig peinlich. Wie hat er, dessen »Menschlichkeit und Häuslichkeit« sich Borchardt, wie er in dem Geburtstagsbrief bekundete, »in so unzähligen Stunden der Verzweiflung an der deutschen Gegenwart mahnend ins Gedächtnis zurückgerufen« habe, das Geschenk solchen Vertrauens aufgenommen? Im Sommer 1936 saß Nadler schon an der Bearbeitung der dritten Auflage seines Hauptwerks. Zwei Jahre später erschien sie in prunkvoller, reich illustrierter Ausstattung. Im letzten Band wird auch Borchardts gedacht. In den Werken des Dichters aus jüdischer Familie zeigten sich, so schreibt Nadler da, »auf tragische Weise die unüberwindlichen Grenzen, die das Schicksal der Geburt dem Willen des Geistes entgegensetzt«, und es werde offenbar, »daß so viel Bildung Stilformen, Sprachwesen aus allen Zeiten und Räumen des Abendlandes in dieser Seele sich nur ins Spektrum zerlegte, die Seele aber volkhaft unberührt ließ«. Für Rudolf Borchardt ist in den Jahren des Dritten Reichs die Welt zusammengebrochen. Ein solches Schicksal − die Zerstörung der moralischen und geistigen Grundlagen des eigenen Lebens − mußten in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts Ungezählte erleiden, und jedes Epochendatum ließ Heerscharen von getäuschten Glaubenden mit über Nacht entwerteten Lebensentwürfen zurück. Das Besondere im Falle Borchardts ist, daß es eine mit genialer Kraft der Phantasie und des Intellekts selbst gebaute Welt war − und nicht eine massenhaft verbreitete Parteiideologie −, der hier ihre Grundlagen entzogen wurden. Borchardts Ideen von Geschichte, Überlieferung und Nation bezogen sich auf zwar reale historische Gegebenheiten, also waren sie nicht autark; doch zugleich hatte er diese Traditionen so in sein Leben eingeschmolzen, mit Subjektivität so aufgeladen, die eigene Existenz als Schreibender, politisch Handelnder, ja als Mensch mit seiner ganzen Attitüde so zum Organ eines bedrohten, von ihm zu rettenden Vergangenen gemacht, daß ihn der Ruin Deutschlands als eines geistigen Wesens geradezu körperlich angriff. Er war weder ein Nationalist noch ein Traditionalist herkömmlichen Zuschnitts. Denn er hatte nicht sein Leben und Denken höheren Mächten unterworfen, sondern umgekehrt hatte er Nation und Geschichte zu Verlängerungen seiner Autobiographie, seiner inneren Existenz gemacht. Wer Borchardt liest, liest immer Borchardt, auch wenn es um Homer, um Dante, um den Ersten Weltkrieg oder die Geschichte der Altphilologie geht. Seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war sein Programm die Wiederherstellung der Überlieferung durch solches Nacherleben und Neuschöpfen gewesen. Zwar begriff Borchardt sich dabei durchaus als Medium, und er mag sich über die Stärke und Modernität seiner Subjektivität getäuscht haben; doch jedenfalls mußte es ein starkes Medium sein, das eine so titanische Aufgabe übernahm. Nation und Tradition waren, einfach gesagt, für Borchardt Mächte, die den Einzelnen, jeden Einzelnen, nicht nur aus seiner Vereinzelung lösen konnten, nicht nur sittliche Mächte eines menschlichen Zusammenhangs: sie überwanden die Sterblichkeit. Es war daher nichts Kleines, wenn er in einem Brief an Carl Jacob Burckhardt schon 1933 feststellen mußte: »Wir sind vollständig und unabsehbar ruiniert worden, nicht nur als politisches und gesellschaftliches Ganzes sondern auch, und diese Folgenmachen sich erst im heutigen Stadium geltend, als transzendenter Begriff«; oder wenn er 1935 fragte: »Wer wird es wagen das Wort ›national‹ in dessen Namen jedes teuflische Verbrechen den deutschen Boden geschändet hat, wieder auszusprechen? Welches Brot soll man der unglücklichen Jugend geben, das sie nicht zurück stossen wird wie einen Stein?« Er verzweifelt schon zu dieser Zeit ausdrücklich »am Sinne seines Lebens«. Es gibt in späten Briefen schreckliche Momente der Niederlage: »Dass ich nach Ihnen verlange«, schreibt er 1941 einem Freund, »liegt daran, dass ich den furchtbaren Weltmoment mir habe ins Herz treten fühlen wie eine Thrombose, und an ihm zu ersticken drohe wenn nicht ein Bruder zu mir tritt. In solchen Augenblicken hilft keine Gabe der Vorzeit. Eine Liebeskraft der Gegenwart muss das Gefühl des überwiegenden Guten in unsere sterbenden Adern flössen.« Das ist um so bewegender, als Borchardt sich und seine Briefpartner immer von neuem seiner guten physischen Konstitution versichert, seinen »alten steinharten Körper« rühmt oder erklärt: »An mir wetzt die Zeit bisher vergebens ihren Zahn, Du wirst mich unverändert finden, vielleicht mehr Landmann als früher, braunes Leder, etwas dichter genarbt, sonst der Alte Überlandläufer, Bergesteiger, Schwimmer, stets bereitnach einem Tag am Schreibtisch sich die Nacht um die Ohren zu schlagen«, und drastisch von seiner »Knochen-, Nerven- und Gehirnsparbüchse« spricht. Es geht ums Überleben, nicht erst im Krieg. Selten dürfte ein gegenwärtiger Weltlauf mit so viel Verzweiflung und verzweifelter Hoffnung von Tag zu Tag verfolgt worden sein wie die Geschichte Nazideutschlands von der Villa Bernardini Saltocchio aus − Borchardts Wohnsitz seit 1932. »Und wenn es tausend Mal feststünde, dass es Nacht wird, schulden wir es den heldenhaften Geschlechtern, von denen wir abstammen und deren Sprache in unserem Munde ist, bis zur letzten Minute so zu leben als müsse es Tag bleiben«, lautet die Parole in einem Brief vom Weihnachtstag 1938. Dieses seelische Drama ist erst jetzt, fast sechzig Jahre nach Borchardts Tod, durch die Publikation seiner Briefe ganz überschaubar geworden. Allerdings nicht eigentlich nacherzählbar, denn Borchardts Briefe bieten keine fortlaufende Chronik, sondern abrupte geistige Zustände. Die nur ihm eigene Schreibart, die gewitterartige Kumulation von gleichzeitig zusammenschießenden Gedanken, welche sich in den langen Kaskaden seiner Sätze rollend entladen, kommt im Genus des spontan hingeworfenen Briefes auf ihren Höhepunkt. Borchardts Briefe kennen kaum narrative oder argumentative Abfolgen, sondern sie zeigen gestaute Gleichzeitigkeiten, momentane Aggregatzustände des Geistigen, und sie erhellen ihren jeweiligen Moment blitzartig. In solchen plötzlichen, immer einseitigen und vorläufigen Erhellungen − zuweilen darf man ihre Emotionalität durchaus hysterisch nennen − beleuchten sie ganze, sonst im Dunkel liegende Landschaften. Der Betrachter sieht dabei sich immer wieder neu zusammensetzen, was in der chaotischen Werkausgabe, die seit den fünfziger Jahren entstand, zerstreut und scheinbar bruchstückhaft herumliegt. Unter meisterhaft ausgearbeiteten Einzelstücken, halbvollendet aus dem Boden ragenden Fragmenten, liegengelassenen und zerborstenen Entwürfen werden, wenn nicht ein Grundriß, so doch die verbindenden Konstellationen erkennbar.

Die dreißiger und vierziger Jahre sind in Borchardts Entwicklung als Schriftsteller und Lyriker eine Zeit staunenswerten Gelingens. Befreit von der Fron der Dante-Übertragung, nicht mehr hineingezogen in die publizistischen und akademischen Kämpfe der fernen haßgeliebten Heimat, sondern zurückgeworfen auf seine signorile italienische Einsamkeit, je länger desto mehr in seinen Gewißheiten erschüttert, erreicht Borchardts Kunst der universalhistorischen Vergegenwärtigung immer neue Höhepunkte. Das Pisa-Buch von 1932, das erst 1938 erscheinen konnte, resümierte sein Bild vom italienischen Mittelalter. Im Europa-Aufsatz von 1934 und im Gartenbuch von 1937 wird Weltgeschichte insgesamt in den Blick genommen. Eine ganze Serie von Abhandlungen zur griechisch-römischen Antike, zu Sappho, Cäsar, Kleopatra, Horaz zeichnen nicht einfach Porträts, sondern entwickeln eine Theorie der Überlieferung, die nach den Bedingungen der Möglichkeit von Geschichtsbildern fragt. Das gewaltige Ilias-Fragment, das Borchardt in den vierziger Jahren fast ausschließlich beschäftigt, mündet in eine originelle, bisher kaum rezipierte Historik, die zu klären versucht, wie es überhaupt möglich ist, in eine lebendige, imaginativ-schöpferische Verbindung zur Vergangenheit zu treten. In seinen politischen Jamben gegen das Dritte Reich hatte Borchardt, so muß man den Vorgang psychodynamisch wohl verstehen, das Deutschland seiner Gegenwart aus sich herausgespuckt: »Dies ist schlechterdings / Dreck. Trockener, angemachter, aufgeweichter Dreck, / Zerfallener Dreck, gepreßter Dreck, / Gedruckter, Scheißdreck, dreckige / Visage, frech wie Straßendreck, / Dreckseelen, Selbstverdreckung, Schund und darum Dreck«. Um so freier wurde sein immer noch deutsch-romantisch inspirierter Blick auf Menschheit und Weltgeschichte. Europa-Aufsatz und Gartenbuch zeigen eine von unablässigen Wanderungsströmen belebte Erdkugel, umhüllt von einer Atmosphäre aus Blütenstaub, in der sich Natur, Kultur und Anthropologie aufs schönste mischen. Solche neue Öffnung zur Welt jenseits der einen Nation zeitigt ihre kostbarste Frucht in der Entdeckung der amerikanischen Lyrikerin Edna St. Vincent Millay, deren raffinierte, gegenständliche Einfachheit in Borchardts eigenem Schaffen einen völlig neuen Ton entbindet: ein Zurücknehmen des Pathos, eine fast parlandohafte Unangestrengtheit, ein Leisewerden der Form, die zuvor mit so viel outrierter Virtuosität ausgestellt worden war. Die politischen Vorgänge beobachtete Borchardt mit apokalyptischem Entsetzen und zunächst angestrengter Hoffnung. Er hielt sich durch Verbindungen in die höheren italienischen Kreise seiner Umgebung und zur deutschen Diplomatie für gut informiert und extrapolierte phantastische weltpolitische Kombinationen. Zunächst setzte er seine ganze Hoffnung auf Mussolini, für ihn »ein Genie«, »der einzige europäische Staatsmann der eine klare Vision des Kräftefeldes der Welt hat«. Er sollte, wäre es nach Borchardt gegangen, im Auftrag der Versailler Vertragsmächte über die Alpen nach Süddeutschland vorstoßen, um nationalsozialistischen Ansprüchen auf Österreich entgegenzutreten − was die vorübergehend starke Stellung des italienischen Diktators im europäischen Mächtesystem nach Hitlers Machtergreifung doch gewaltig überschätzt. Nachdem Mussolini sich Hitler angenähert und Abessinien überfallen hatte, rechnete Borchardt ebenso bestimmt mit einer von England geführten europäischen Koalition gegen die Achsenmächte. »Der Faschismus und Mussolini stehen vor dem Sturz und werden in den nächsten Monaten verschwinden«, befindet er im Januar 1936. Nun ist Anthony Eden, dieser »außerordentliche, kaltblütige und bei äusserer Leichtigkeit gradlinig leidenschaftliche Mann«, für Borchardt das »grösste staatsmännische Talent und die grösste Arbeitskraft die Europa seit Bismarck gesehen hat«. Weltlagen schießen zu barocken Bildern zusammen: »Das abessynische Kriegstheater ist durch einen colossalen Armee- und Flottenaufmarsch vom Kenya zum Roten Meere über Ägypten und den Sudan strategisch bereits umgangen ehe eine Kugel aus dem Rohr fliegt, die italienischen Flotten fahren nur noch innerhalb eines von den verbündeten Flotten geschlossenen strategischen Kreises« − ach was: Mussolini läßt nicht Kugeln fliegen, sondern versprüht Giftgas, und England samt Völkerbund halten trotzdem still. Mit dem Jahr 1936 verschwinden tagespolitische Kommentare fast abrupt aus Borchardts Briefen.

Das große Schreiben an Nadler fällt in dieselben Monate, in denen durch die erfolgreiche Eroberung des afrikanischen »Impero«, durch die widerstandslos hingenommene Rheinlandbesetzung, mit dem Erfolg der Olympischen Sommerspiele in Berlin die inzwischen verbündeten Diktatoren Hitler und Mussolini konsolidiert und kurzfristig auch kriegerisch unbesiegbar scheinen mußten. »Alles ist anders gekommen als man mit Sicherheit annehmen durfte, wenn man von der Annahme eines im Grunde rationellen Weltwesens ausging, statt von einer Abgeschmacktheit, an die sich ein geordneter Geist praktisch so schwer gewöhnt«, muß der Dichter im Februar 1937 bekennen, obwohl er sicher ist: »Wer die Weltgeschichte gelesen hat, in der auf tausend Blättern steht, wie das Dauerhafte aussieht und wie das Ephemere, der würdigt das Gesindel weder eines Wortes noch eines Blickes«, denn »diese Mischung des höchst bösartigen und total absurden ist kein blosser logischer Schönheitsfehler, sondern das klinische Bild, das den Ablauf in sich enthält«. Aber dieser Ablauf führt erst einmal zum Anschluß Österreichs, er führt nach München, zur Eroberung des Sudetenlandes, zum Krieg − Großereignisse, deren die Briefe, vielleicht auch gehemmt von Postüberwachung, nicht mehr direkt Erwähnung tun. Borchardt kann in Deutschland, danach auch in Österreich, nicht mehr publizieren. Seine Kontakte zu dem Schweizer Verleger Martin Bodmer und dessen Adlatus Herbert Steiner gestalten sich quälend. Triviale Druckvorgänge ziehen sich über Jahre hin. Honorare bleiben aus. In den Sommermonaten empfängt Borchardt regelmäßig die Königin von Italien bei sich; den bayerischen Kronprinzen Rupprecht und die deutsche Kronprinzessinführt der Monarchist an das Pisaner Grab Heinrichs VII., des Dante-Kaisers. Borchardt aber ist arm, er muß um Pfennigbeträge kämpfen, »und wenn Tage kommen, an denen ich Mühe habe mein Antlitz nicht zu verbergen, so sind es nur solche, an denen die Armseligkeit Gäste lädt und zur Bettlerin wird dadurch dass sie vorgibt, sie könne schenken.« [WS, 13.09.2019]


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