Augustheft 1967, Merkur # 233

Demeter mit der Peitsche

von Werner Helwig
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Zweifellos ist das universale Zusammenhangsgeflecht, das der Surrealismus bildet, in seiner Strahlungsintensität noch längst nicht erschöpft. Diese scheint vielmehr zuzunehmen. Die vom Surrealismus in unserem Jahrhundert zuerst neu inthronisierten Apokalypse-Dämonen sind Allgemeinbesitz des modischen Schrifttums geworden. Die Blumen des Bösen werden fleißig begossen. Und während wir eben noch beschämt und selbstanklägerisch über Nazi-Scheußlichkeiten verweilen, wie sie in zahllosen Gerichtsverhandlungen offenbar werden, bedienen sich einige sehr bekannte französische Schriftsteller der schlimmen Vorkommnisse mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der man auf die durch Zeitabstand entwirklichten Hexenprozesse zurückgreifen mag.

Ihrer aller Taufpate ist Marquis de Sade. Und es gilt unter Auguren nicht mehr als schicklich, in ihm den Prototyp aller Abscheulichkeiten zu erblicken. Hinzu kommt als verräterisches Moment, daß die meisten dieser Apologeten des Bösen ihre Wurzeln in den vertrackten Neunziger Jahren haben. Die gespenstischen Moden, Möbel und Maschinen jener Zeit bilden ihr immer wieder bemühtes Arsenal. Pierre Klossowski, 1905 in Paris geboren, ist der Bruder des 1908 ebendort geborenen Balthazar Klossowski, der unter dem Namen Balthus ein berühmter Maler des surrealistischen Erotismus werden sollte. Zwar zählt er nicht zu den Stammvätern dieser Schule, wohl aber ist er einer ihrer bemerkenswertesten Stammhalter. Georges Bataille, von dem wir später handeln werden, nimmt in seinem Essay »Les Larmes d’Eros« (Die Tränen des Eros) darauf Bezug. Die Brüder Klossowski erlebten im Knabenalter die leidenschaftliche Romanze ihrer Mutter mit Rainer Maria Rilke. Baladine Klossowski, Gattin des polnischen Malers und Kunsthistorikers, lebte damals (in den Jahren 1919/1921) mit ihren Söhnen am Genfer See. Der allzu stürmisch besitzergreifenden Liebe dieser mächtigen Frau entzog sich der um seinen inneren Bestand fürchtende Dichter. Immerhin lebte er, als er 1922 in dem bei gemeinsamen Ausflügen entdeckten Muzot endgültig Wohnung nahm, zunächst noch mit »Merline« − so taufte er sie seiner Impression gemäß um − zusammen; mit der ihr eigenen Energie sorgte sie dort für die Installationen. Der Briefwechsel der beiden Liebenden, zum größeren Teil französisch geführt, erschien 1954 bei Max Niehans (Zürich). In ihm ist naturgemäß auch von den Kindern die Rede. Für den Knaben Balthus setzte Rilke eine erste Veröffentlichung von Pinselzeichnungen, die Bildergeschichte vom Kätzchen Mitsou, mit einem Vorwort aus seiner Feder durch. Erfolg hatte das kleine charmante Werk trotzdem nicht; heute bestünden wahrscheinlich bessere Aussichten dafür. − Pierre wußte zu jener Frist noch nicht, daß er später namhafter Repräsentant der – nennen wir sie so − hermetischen Kaste des zeitgenössischen philosophierenden Schrifttums werden sollte, dazu ein Meister der Sprache konventioneller Observanz und gelegentlich Illustrator seiner eigenen Bücher. Der ahnungsvolle Rilke interessierte Andre Gide für das frühreife Kind, dank Gides Förderung konnte Pierre seine Studien in Paris aufnehmen. Diese lose gefügten persönlichen Konstellationen bedingen einander, blickt man heute auf sie zurück, auch im Werk: Das picturale Œuvre des Balthus, die Schriften Pierres und − ein Teil des Werkes von Rilke, dessen Einflußnahme hier gewißlich ziemlich viel zuzuschreiben ist. Vielleicht wäre überhaupt von hier aus ein verändertes Verständnis Rilkes möglich. Der Malte etwa, in diese Sphäre versetzt, verwandelt sich sofort in ein hermetisches Werk, das dem Surrealismus durchaus nicht fern steht. Auch wäre diese neue, ungewohnte Sicht geeignet, Rilke aus der Sphäre zu retten, in die ihn seine allzu vielen, allzu sonderbaren Verehrerinnen hineinversetzten.


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