Dezemberheft 2008, Merkur # 715

Der amerikanische Freund

von Gustav Seibt
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Im Alter von siebzehn Jahren hatte ich 1976 die Gelegenheit, in der Independence Hall, also am originalen Ort in Philadelphia genau das Menü zu speisen, das die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika zu sich genommen hatten, bevor sie am 4. Juli 1776 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten. Eine sehr nahrhafte Mahlzeit, von der mir vor allem die dicken, auf Mehl basierten Soßen im Gedächtnis geblieben sind − das Ganze serviert von livrierten Kellnern im Kostüm des 18. Jahrhunderts samt weiß gepudertem Haarbeutel. Dieses spätnachmittägliche Mittagessen war der krönende und feierliche Abschluss eines langen Sommers, der ganz im Zeichen des Bicentennial, der Zweihundertjahrfeier der Unabhängigkeit Amerikas, gestanden hatte. Im Herbst 1975 hatte die Regierung der Vereinigten Staaten einen Aufsatzwettbewerb für deutsche Schüler ausgeschrieben. Das Thema lautete: »Der Einfluss der amerikanischen Besatzungsmacht auf das Grundgesetz«. Umfang: fünf bis zehn Seiten. Ich wälzte ein paar Handbücher und Quellensammlungen und brachte acht Seiten zustande. Damit gehörte ich zu den zwanzig Gewinnern, denen nun ein achtwöchiger Sommeraufenthalt spendiert wurde, dessen längste Zeit aus einem Gastaufenthalt bei einer amerikanischen Familie bestand. Am Beginn und am Ende bot man der deutschen Jugendgruppe Sightseeing: ein paar Tage New York, dann Washington mit seinen nationalen Monumenten (dabei auch eine Schießübung im Pentagon) und am Ende Philadelphia mit dem Unabhängigkeitsdinner und Besuch der Freiheitsglocke. Den Löwenanteil des durchauspädagogisch angelegten Aufenthaltes hatten die einzelnen Familien zu leisten, deren Obhut wir anvertraut waren. Und da hatte ich, so kam es mir beim Austausch mit den anderen Preissiegern auf dem Rückflug vor, das große Los gezogen. Ich landete in einem weißgestrichenen Holzhäuschen einer gartenhaften Vorortsiedlung zwischen Wilmington und Newark im kleinen Staate Delaware. Meine Familie war mittelständisch, der Vater Chemiker, die Mutter Hausfrau, ein älterer Sohn schraubte an Autos herum, woraus er bald einen Beruf zu machen gedachte. Der Ambitionierteste der Familie war mein gleichaltriger Gastbruder − ich nenne ihn hier Henry −, der Medizin studieren und Arzt werden wollte. Zusammen mit seiner Mutter hatte er den über die örtliche Verwaltung verbreiteten Vorschlag, einen Jungen aus Deutschland für ein paar Wochen aufzunehmen, gegen den skeptischen Vater durchgesetzt. Eine Gegenleistung, etwa durch Austausch, war nicht vorgesehen. Nur Gastfreundschaft und Neugierde konnten diesen Plan motivieren. Erste Briefkontakte vor der Reise müssen der Familie gleich klar gemacht haben, dass ich kein leichter Kandidat war. Ein Programm wollte geplant sein, also musste man etwas über meine Hobbys und Sportarten erfahren. Lesen, klassische Musik, Oper, Bergsteigen und Radtouren, lautete die Auskunft. Für Delaware fast unerfüllbare Bedingungen: Lesen tat man allein, Konzerthallen und Opernhäuser waren nicht in Reichweite, Berge gab es nicht, Radfahren war vorstellbar, aber nicht in der verkehrsreichen Umgebung, sondern eher in den Appalachen im Osten Richtung Pennsylvania. Ob ich Tennis spiele, fragte Henry verzweifelt. Nein, tat ich nicht. Ein ungeschickter dürrer deutscher Junge mit dicker Brille kam im August 1976 in Wilmington an, befangen und gehemmt, mittelmäßiges Schulenglisch, das ich durch regelmäßiges Hören des Münchner AFN nur notdürftig aufgebessert hatte. Innerhalb weniger Tage aber gelang das, wovon so viele Amerikareisende, Emigranten und Einwanderer immer wieder berichtet haben: Ich wurde mühelos integriert. Wenn ich an die pragmatische Gutartigkeit denke, die dabei von meiner Gastfamilie fast spielend geübt wurde, steigt bis heute gerührte Dankbarkeit bei mir auf. Ja, es gab auch Programm, und nicht zu knapp. Henry hatte schon den Führerschein − in Delaware ab sechzehn erlaubt −, und so machten wir uns als erstes auf eine lange Fahrt zu einer »German Convention« in einem Nest hinter Chicago, wo sich deutschstämmige Amerikaner trafen, um sich ihrer Wurzeln zu vergewissern. Meine Gastfamilie war nicht im engeren Sinn deutschstämmig, es soll ein paar Vorfahren aus dem Hannoveranischen gegeben haben, aber das lag Generationen zurück. Der Kongress war nur der Anlass für eine zehntägige Autoreise zu zweit, die uns auf der Rückfahrt zu den Niagarafällen, nach Kanada und zurück über den Staat New York führte. Dabei hatten wir Gelegenheit, uns aneinander zu gewöhnen. Zu meiner Erleichterung konnte ichfeststellen, dass auch Henry längst nicht so cool und geschickt war, wie ich befürchtet hatte. Unsere ersten Campingabende im kanadischen Flachland gerieten dilettantisch. Als wir auf der Heimfahrt im Abendlicht bei lauter Radiomusik durch die Kornfelder brausten, waren wir Freunde geworden. Das änderte nichts daran, dass ich furchtbares Heimweh bekam − es war das erste Mal, dass ich so lange und soweit von zu Hause entfernt war. Ich saß stundenlang bei der Mutter in der Küche und erzählte von München und Bayern. Irgendein guter Geist hatte mir noch zugeflüstert, ein Heft mit Eichendorff-Gedichten mit auf die Reise zu nehmen. Sie wurden mein Trost. Im benachbarten Supermarkt kaufte ich mir dazu ein Taschenbuch mit Werken von Robert Frost, die es auf Anhieb neben Eichendorff schafften. Das Heimweh in Amerika machte mich zum Lyrikleser. Dazu entstaubte ich eine uralte Schallplattenkassette, die auf vier Scheiben die Eroicain einer dickflüssigen Aufnahme des Boston Symphony Orchestra enthielt. Die Familie war überrascht, was für ein klangvoller Schatz unbeachtet in ihren Schränken geschlummert hatte. Meine Neigung, immer mit einem Buch herumzulaufen, wurde fast ohne Spott akzeptiert. Nur als Henry den Titel eines Reclamhefts entzifferte − es enthielt Tocquevilles ersten Reisebericht Aus der nordamerikanischen Wildnis −, ließ er mich auf den Apfelbaum im Garten klettern und fotografierte mich mit dem gut sichtbaren Büchlein; Wilde wohnen schließlich auf den Bäumen wie die Affen. Wir fuhren weiter viel herum, besuchten der Reihe nach Henrys Schulfreunde in der Vorortsiedlung − alles sah aus, wie ich es später in den Romanen und Storys von Cheever und Updike wiederfand − und reisten auf meinen dringenden Wunsch noch einmal weit weg, um Thomas Jeffersons Villa in Monticello (Virginia) zu sehen, über deren italienisch-englische Vorbilder ich gelehrte Auskunft gegeben hatte. Immer dabei war eine Sammlung mit Texten der amerikanischen Verfassungsväter, die ich mit innigem Behagen studierte. Abends beiden einsam gelegenen Motels spielten wir die damalige Modesportart Frisbee − endlich etwas, was auch der unbeholfene Deutsche schnell lernte − und sahen danach im Fernsehen Wahlkampfreden von Jimmy Carter und Präsident Ford. Ich lernte ein höfliches und kultiviertes Land kennen, offen, herzlich und selbstkritisch. Henry schleppte mich in den Film All the President's Men, der die Watergate-Affäre aufarbeitete. In der Highschool, die ich bald mitbesuchte, sprach ich jeden Morgen wie alle stehend den Fahneneid mit − der Lehrer hatte es mir freigestellt, ob ich dabei sein wollte −, und fand in der gigantisch reichhaltigen Schülerbibliothek ein von Thomas Mann signiertes Exemplar von The Beloved Returns, der englischen Übersetzung von Lotte in Weimar. [WS, 13.09.2019]

In allen Häu-sern der Wohnsiedlung von Henrys Fa-milie stand als Teil der Grundausstat-tung eine Serie der »Großen Bücher derwestlichen Welt« in zwanzig eng be-druckten Bänden - Deutschland vorzüg-lich vertreten mit Kant und dem Faust.Irgendwo kaufte ich mir ein Faksimileder »Declaration of Independence«, dasich mir daheim in München übers Betthängte, wo es bis in meine Studentenzeitblieb. Ich kam zurück, berauscht vonAmerika, durchdrungen von meinerFreundschaft zu Henry. Beim Abschiedversprach ich ihm, meine Eltern weich-zuklopfen, damit er im Jahr darauf beiuns sein könne. Das Kalkül der Wettbe-werbsausschreiber war aufgegangen.Und Henry kam. Wieder hatte einBündnis mit der Mutter sich gegen denRest der Familie durchgesetzt. Der Un-terschied war nur, dass Henry seinenFlug selbst bezahlen musste und nichtdie Unterstützung einer Regierung ge-noss. Was wir ihm bieten konnten, warnur Gastfreundschaft und Kulturpro-gramm. Zwar hatte ich beträchtlicheSorge, wir könnten uns blamieren, ande-rerseits hatten Henry und ich bereits ge-lernt, auch ohne Drumherum miteinan-der klarzukommen, und das gelang auchdiesmal. Henry musste ein paar Schulta-ge an einem Münchner humanistischenGymnasium über sich ergehen lassen -Griechisch, Latein -, wo er kein Wortverstand und sich niemand für ihn inte-ressierte, während ich in Amerika vonKurs zu Kurs geradezu herumgereichtworden war. Abends gab es dafür Opern-besuche bei den Münchner Festspielen,für die ich nächtelang um Karten ange-standen war. Ich fürchte, Henry hat eherden glanzvollen Aufwand als die Werkeselbst - Figaro, Elektra - genossen.Immerhin machten wir nun endlichdie große Radtour, die in Delaware dochnicht zustande gekommen war. So erleb-ten wir im Augustregen die barockeWieskirche und Neuschwanstein. Ichsehe uns noch auf Landstraßen Reifenflicken. Im deutsch-österreichischenGrenzgebiet verfuhren wir uns so tief imdicken Wald, dass wir froh waren, einenTiroler Lokalzug zu finden, der uns zu-rück nach München brachte.Der schönste Moment für Henry warder Besuch bei meiner Großmutter, diezwischen Bauernhöfen an der Isar im Ge-birge lebte. Um sie zu erreichen, muss-ten wir mit einer Fähre den Fluss über-queren und zu Fuß mit Rucksäckendurch die Felder laufen; einen Führer-schein durfte ich noch nicht haben, abge-sehen davon, dass meine Eltern gar keinAuto besaßen. Die Sonne eines warmenHochsommertags stand über der Alpen-kette, und meine Großmutter erwarteteuns auf der Terrasse mit Brotzeit, Brezeund selbstverständlich Bier. Unglaub-lich! Henry jubelte über den Land-schaftsglanz, das köstliche Bier, die ker-nige Brotzeit - alles war wie in einemWerbefilm über Germany. Und dann dieSachen meiner Oma: Ölbilder, Barock-kommoden, Nymphenburger Porzellan- vieles älter als die meisten der Staatenvon Amerika.Wir stiefelten weiter durch die Berge,besuchten ein paar meiner Freunde inRegensburg, wo sogar eine römischeBrücke steht, 1800 Jahre alt. Am Endewird Henry ein recht realistisches Bildvon Deutschland gewonnen haben: Vielungeselliger und schwerblütiger alsseine Heimat, aber auch hintergründig,komplex. Ich fand es angezeigt, ihn insKonzentrationslager von Dachau zu füh-ren, obwohl Nazizeit und Holocaust um1977 noch nicht das kanonische Themawaren, zu dem sie erst in den achtzigerJahren aufstiegen. Im Übrigen redetenwir wenig über Politik, viel mehr überGeschichte, Kultur, Musik. Aber vorallem hatten wir eine gute Zeit. Als ichHenry am Münchner Hauptbahnhof ver-abschiedete, wo er den Zug zum Frank-furter Flughafen nahm, umarmte ermich - ich war fast konsterniert, dennunter den derben bayerischen Gymnasi-asten, die sich natürlich duzten, aber mitNachnamen anredeten, waren solcheGesten unvorstellbar. Gefühlvoll, ja mitTränen in den Augen gelobten wir unsewige Freundschaft und rasches Wieder-


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