Februarheft 1982, Merkur # 404

Der Bär singt

von Werner Helwig
Ihnen stehen 20% des Beitrags kostenlos zur Verfügung

In den nordöstlichen Randzonen unseres Kontinents haben sich bis »vorgestern« sozusagen kleine Völkerschaften halten können, die als ethnische Varianten eines vermutlich mongolischen Ur-typus gelten dürfen. Unter ihnen sind es besonders die Ostjaken, Wogulen, Lappen, Eskimos und Alaska-Indianer, die sich als locker zusammenhängende Glieder einer größeren, im ganzen aber nicht mehr deutlich wahrnehmbaren Kette darstellen. Sie spiegeln in Sitte und Gebrauch eine noch fast intakte barbarische Vorzeit, die Rückschlüsse zuläßt auf eine teilweise auch europäische Vorzeit. Sie zeigen dies allerdings mit der Unbeteiligtheit eines wirklichen Spiegels an, der ja auch kein »Verhalten« zu den Bildern zeitigt, die er uns sehen läßt. Das heißt, das Verhalten ist in diesem Falle unsere Angelegenheit, in dem wir die dargebotenen Bilder zu fixieren versuchen. Soweit nämlich die alten Kulte beiden genannten Völkern gelegentlich noch geübt werden, haftet der Begehung etwas Mechanisches an.

Die Ostjaken, deren Bärengesänge wir hier in möglichst genauer Übertragung zur Kenntnis bringen, werden mit den Wogulen zusammen der Völkergruppe der Ob-Ugrier zugerechnet. Ihr heutiges Wohngebiet befindet sich an den Ostabhängen des Ural. Durch rapide Umerziehung im Kontext einer allfälligen Industrialisierung ist es allerdings gelungen, sie innerhalb kürzester Zeit ihrer urtümlichen Kultur zu entfremden. Die jungen Leute wandern in die neu entstandenen Großstädte ab, und den angestammten Gepflogenheiten, der Jagd also, dem Fischfang und der Rentierzucht obliegen eigentlich nur noch die Großväter, die zu nichts anderem mehr zu gebrauchen sind. Sie leben wie vormals: während der warmen Monate in oben offenen Lederzelten mit innerem Feuerplatz und winters in halb in die Erde eingetieften Hütten aus Torfsoden. Auch das wird immer seltener. Besonders der Bolschewismus hat die uralte Blutschrift ihres barbarischen Daseins mit dem Löschblatt der Sachlichkeit aufgetrocknet. So wenig, wie es noch »brauchtümliche« Lappen in Skandinavien gibt, so wenig gibt es noch einen offiziell praktizierten Schamanismus bei den Jugra-Völkern. Die Tatsächlichkeiten, die wir mitteilen wollen und die sich auf den sehr rätselhaften Bärenkultus der Wogulen und Ostjaken beziehen, könnte die Forschung heute kaum mehr feststellen. Sie sind vor gut hundert Jahren von dem bedeutenden ungarischen Sprachgelehrten Reguly an Ort und Stelle festgestellt worden. Wobei schon Reguly lebhaft beklagt, wie schwer es ihm fiel, unter den wenigen Zauberpriestern solche ausfindig zu machen, die die Beschwörungsformeln noch im Kopf hatten. Da wird nämlich der Bär als heiliges Wesen, ja als Gottheit, Schöpfer, Urahn, Vor- oder Überform des Menschen verehrt. Wie weit dieses Totemtier, dieses Idol, in die Zeit zurückreicht, wird ersichtlich, wenn wir uns an die in den Lehm hineingeformten Bären in den auf französischem Boden erschlossenen Höhlen der Steinzeitjäger erinnern. Man könnte das scherzweise als eine Bären-Monarchie des Paläolithikums bezeichnen. In Nordamerika waren es die Potawatomi-Indianer, die noch vor wenigen Dezennien ausgeklügelte und in ihrem Verlauf vielfach unterteilte Bärenspiele, wahre Bären-Messen, oder, wir sind versucht zu sagen: Bären-Opern aufführten.


Weitere Artikel von Werner Helwig