Aprilheft 1966, Merkur # 217

Der christliche Papst. Bemerkungen zum »Geistlichen Tagebuch« Johannes XXIII.

von Hannah Arendt
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Welch ein merkwürdig enttäuschendes und merkwürdig faszinierendes Buch! Zum großen Teil während geistlicher Exerzitien geschrieben, besteht es aus endlos wiederholten frommen Ergüssen und Selbstermahnungen, »Gewissenserforschungen« und Aufzeichnungen über »inneren Fortschritt«, mit nur ganz seltenen Hinweisen auf wirkliche Ereignisse, so daß es sich Seiten und Seiten lang liest wie ein elementarer Leitfaden über das Thema »wie man gut sein und das Böse vermeiden kann«. (Die deutsche Ausgabe erschien im Herder-Verlag, 1964. Hannah Arendt zitiert nach der englischen Ausgabe des Giornale dell’Anima (Journal of a Soul, Mc Graw-Hill), nach der auch übersetzt wurde.) Und dennoch gelingt es ihm, auf seine eigene merkwürdige und ungewohnte Art, eine klare Antwort auf Fragen zu geben, die viele Menschen vor nun mehr fast drei Jahren bewegten, als » Angelo Giuseppe Roncalli, der den Namen Johannes XXIII. angenommen hatte«, im Sterben lag. Ein römisches Zimmermädchen brachte sie mir damals ganz einfach und unmißverständlich zum Bewußtsein: »Gnädige Frau«, sagte sie, »dieser Papst war ein wirklicher Christ. Wie ist das möglich? Und wie konnte ein wirklicher Christ auf den Heiligen Stuhl zu sitzen kommen? Mußte er denn nicht zuerst zum Bischof und Erzbischof und Kardinal ernannt werden, bevor er schließlich zum Papst gewählt wurde? Hatte denn keiner eine Ahnung, wer er war?« Die Antwort auf die letzte ihrer drei Fragen kann wohl eindeutig mit »nein« beantwortet werden. Er gehörte nicht zu den papabile, als er das Konklave betrat; kein Gewand, das ihm gepaßt hätte, war von den Vatikanschneidern vorbereitet worden. Er wurde gewählt, weil die Kardinäle sich nicht einigen konnten und überzeugt waren, wie er selber schrieb, daß er »ein provisorischer Übergangspapst sein würde«, ohne besondere Bedeutung. »Aber da bin ich nun«, fuhr er fort, »schon am Anbruch des vierten Jahres meines Pontifikats, mit einem ungeheuren Arbeitsprogramm vor mir, das unter den Blicken der ganzen Welt geleistet werden muß, die zusieht und wartet.« Das Erstaunliche ist nicht, daß er nicht unter den papabile war, sondern daß irgendwer ihn für eine Gestalt ohne Bedeutung hatte halten können. Aber das ist nur im Rückblick erstaunlich. Die Kirche predigt zwar seit fast zweitausend Jahren die imitatio Christi, und keiner vermag zu sagen, wie viele unbekannt gebliebene Gemeindepfarrer und Mönche in all den Jahrhunderten sich wie der junge Roncalli sagten: »Hier also ist mein Vorbild: Jesus Christus«, wobei er schon mit achtzehn Jahren genau wußte, daß »dem guten Jesus gleich« zu sein nur bedeuten konnte, als »Verrückter behandelt« zu werden: »Man sagt und glaubt, ich sei närrisch. Vielleicht bin ich’s auch, aber mein Stolz erlaubt mir nicht, so etwas zu glauben. Das ist das Komische an der Sache.« Aber die Kirche ist eine Institution und befaßt sich, besonders seit der Gegenreformation, mehr mit der Aufrechterhaltung dogmatischer Glaubenssätze als mit schlichter Frömmigkeit. Sie öffnete die kirchliche Berufslaufbahn nicht leicht denen, die die Aufforderung: »Folge mir nach« wörtlich nahmen. Nicht daß sie bewußt zurückschreckte vor den deutlich anarchistischen Elementen in einer unverwässerten, authentisch christlichen Lebensführung; sie glaubte einfach, daß »Leiden und verachtet sein für Christus und mit Christus« falsche Politik ist. Und gerade dies meinte Roncalli nicht. Er hat sein Leben lang diese Worte des Hl. Johannes vom Kreuz mit leidenschaftlicher Begeisterung zitiert. Von der Zeremonie der Bischofsweihe trug er »den klaren Eindruck der Ähnlichkeit... mit dem gekreuzigten Christus« davon, um sich dann wieder und wieder zu beklagen, daß »ich bis jetzt zu wenig gelitten habe«; er hoffte und erwartete, daß »der Herr mir Prüfungen besonders schmerzlicher Art schicken wird«, »irgendein großes Leiden und eine Betrübnis des Körpers und der Seele«. So hieß er den schmerzhaften Tod auch eine große »Betrübnis der Seele«, da das vorzeitige Ende ihn aus der geliebten Arbeit riß, aber zugleich als Bestätigung seiner Berufung willkommen: das notwendige »Opfer« für das große Unternehmen, das er unvollendet zurücklassen mußte. Vielleicht gab es eine Zeit, da man in der Kirchenhierarchie im Sinne des Großinquisitors von Dostojewskij dachte und, in Luthers Worten, fürchtete, daß »die Welt um Gottes Wortes willen immer wieder in Aufruhr versetzt wird, denn die Lehre Gottes will die ganze Erde ändern und neubeleben«, also Unordnung stiften »in dem Maß, in dem die Welt sich von ihr angehen läßt.« Solche Zeiten aber waren längst vorbei. Man hatte vergessen, daß »Sanftmut und Demut ... nicht dasselbe sind wie Schwäche und Nachgiebigkeit«, wie Roncalli gelegentlich anmerkt. Diesen Unterschied hat er seiner Umgebung schnell beigebracht, und war auch die Feindschaft gegen diesen einzigartigen Papst in gewissen Kreisen groß, so spricht es doch für die Kirche und die Hierarchie, daß sie nicht noch größer war und daß er so viele der hohen Würdenträger, der Kirchenfürsten, für sich gewinnen konnte.

Gleich zu Beginn seines Pontifikats, vom Herbst 1958 an, hatte die ganze Welt und nicht nur die katholische um eben der Gründe willen auf ihn geblickt, die er selber anführt: erstens, weil er »einfach und unbefangen die Ehre und die Bürde annahm«, nachdem er immer »höchst bedacht« gewesen war, »... alles zu vermeiden, was die Aufmerksamkeit auf mich hätte lenken können.« Zweitens, weil er »fähig war, gewisse Ideen, die ... ganz einfach, aber in ihrer Wirkung weitreichend und voller Verantwortung für die Zukunft waren, sofort zu verwirklichen«. Und wenn ihm auch, seinem eigenen Zeugnis zufolge, »der Gedanke eines Ökumenischen Konzils, einer Diözesan-Synode und die Revision des Codex des kanonischen Rechts« »ohne jede vorherige Überlegung« eingefallen war, ja, sogar »in völligem Gegensatz zu (seinen) früheren Überlegungen ... zu diesem Thema« stand, so erschienen diese Gedanken den Außenstehenden doch als die beinahe logische oder zumindest natürliche Wesensäußerung dieses Mannes und seiner erstaunlichen Glaubensstärke. Jede Seite dieses Buches legt von diesem Glauben Zeugnis ab, und doch ist keine davon, und ganz gewiß nicht alle zusammen, so überzeugend wie die zahllosen Geschichten und Anekdoten, die während der langen vier Tage seines Todeskampfs in Rom die Runde machten. Das war zu einer Zeit, da die Stadt wie gewöhnlich unter der Invasion von Touristen erzitterte, zu denen sich nun um dieses Sterbens willen, das früher als erwartet eintraf, noch Legionen von Seminaristen, Mönchen, Nonnen und Priestern aller Farben und Länder gesellten. Jeder, den man traf, vom Taxifahrer zum Schriftsteller und Redakteur, vom Kellner zum Kleinhändler, Gläubige und Ungläubige jeglicher Konfession, sie alle wußten eine Geschichte darüber zu erzählen, was er getan und gesagt, wie er sich bei dieser oder jener Gelegenheit verhalten habe. Einige von ihnen hat Kurt Klinger unter dem Titel Ein Papst lacht (Scheffler Verlag, Frankfurt 1965) gesammelt, und andere sind in der anwachsenden Literatur über den »guten Papst Johannes« veröffentlicht, alle mit dem nihil obstat und dem imprimatur versehen. Aber diese Art von Hagiographie hilft einem nur wenig, wenn man verstehen will, warum die ganze Welt ihre Blicke auf diesen Menschen richtete; denn sie vermeidet ängstlich, wahrscheinlich um »Ärgernis« zu vermeiden, mitzuteilen, wie sehr die gewöhnlichen Maßstäbe der Welt, die der Kirche einbegriffen, den geistigen und praktischen Vorschriften widersprechen, die Jesus von Nazareth gelehrt hat. Mitten in unserem Jahrhundert hatte dieser Mann es fertig gebracht, alles was ihm je als Glaubensartikel angeboten worden war, wortwörtlich zu glauben, ohne alle symbolischen Fisematenten. Er wollte wirklich von der Welt »zermalmt, verschmäht, mißachtet werden um der Liebe Christi willen«, und hatte darum sein Selbstbewußtsein und einen beträchtlichen Ehrgeiz in den langen Exerzitien nicht unterdrückt, aber doch so gebändigt und verwandelt, daß ihm schließlich »die Urteile der Welt, auch der kirchlichen Welt nichts« mehr bedeuteten.

Mit einundzwanzig sagte er sich bereits: »Auch wenn ich Papst würde, ... müßte ich doch vor dem himmlischen Richter bestehen, und was wäre ich dann wert? Nicht viel.« Und am Ende seines Lebens konnte er im »Geistigen Testament für seine Familie« zuversichtlich schreiben, daß »der Todesengel ... mich, wie ich sicher erwarte, ins Paradies tragen wird«. Die enorme Kraft dieses Glaubens war nirgends so offenbar, wie in den »Skandalen«, die sie unschuldig hervorrief. So sind denn die größten und gewagtesten Geschichten, die damals von Mund zu Mund gingen, nicht berichtet worden, und sie können, das versteht sich von selbst, nicht überprüft werden. Ich erinnere mich an einige und hoffe, daß sie authentisch sind; aber selbst, wenn ihre Authentizität geleugnet werden sollte, so wären sie doch, eben als Erfindungen, charakteristisch genug für den Menschen und dafür, wie man ihn sah, um sie zu erzählen. Die erste, unanstößigste Geschichte steht im Einklang mit den nicht sehr zahlreichen Stellen im Tagebuch, die bezeugen, wie leicht es ihm fiel, nicht herablassend, sondern wirklich von gleich zu gleich mit Arbeitern und Bauern zu verkehren, also sich in einem Milieu zu bewegen, aus dem er zwar herkam, das er aber verlassen hatte, als er im Alter von elf Jahren im Priesterseminar von Bergamo Einlaß fand. (Er erlebte seine erste direkte Berührung mit der »Welt«, als er seinen Militärdienst ableistete, und fand sie »häßlich, schmutzig und widerlich«: »Werde ich mit den Teufeln in die Hölle geschickt werden? Ich weiß, was das Leben in der Kaserne ist − schon beim Gedanken daran schaudert mir«.) Die Geschichte berichtet, daß Installateure im Vatikan etwas reparierten. Der Papst hörte, wie einer von ihnen im Namen der Heiligen Familie fluchte. Er kam heraus und fragte höflich: »Muß das sein? Kannst du nicht merde sagen, wie unser einer auch?« Meine drei nächsten Geschichten berühren viel ernstere Dinge. [WS, 19.09.2019] In demTagebuch gibt es einige, sehr wenige Stellen, die von den ziemlich gespann-ten Beziehungen zwischen dem Bischof Roncalli und Rom sprechen. DieSchwierigkeiten fingen anscheinend 1925 an, als er zum ApostolischenVisitator in Bulgarien ernannt wurde, was einer halben Verbannung gleichkam, in der man ihn zehn Jahre lang ließ. Er vergaß nie, wie unglücklicher da gewesen war — fünfundzwanzig Jahre später spricht er noch von der»Eintönigkeit jener Tage, die eine einzige lange Folge von täglichen Nadel-stichen und Verletzungen« waren. Damals bemerkte er fast sofort »vielePlagen ... (die) nicht von den Bulgaren, ... sondern von den Zentralstellen


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