Juliheft 1983, Merkur # 421

Der Eintritt in die Postmoderne

von Jürgen Habermas
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I

Weder Hegel noch seine unmittelbaren Schüler auf der Linken oder auf der Rechten haben je die Errungenschaften der Moderne − das, woraus die moderne Zeit ihren Stolz und ihr Selbstbewußtsein zog − in Frage stellen wollen. Das moderne Zeitalter steht vor allem im Zeichen subjektiver Freiheit. Diese verwirklicht sich in der Gesellschaft als privatrechtlich gesicherter Spielraum für die rationale Verfolgung eigener Interessen, im Staat als prinzipiell gleichberechtigte Teilnahme an der politischen Willensbildung, im Privaten als sittliche Autonomie und Selbstverwirklichung, in der auf diese Privatsphäre bezogenen Öffentlichkeit schließlich als Bildungsprozeß, der sich über die Aneignung der reflexiv gewordenen Kultur vollzieht. Auch die Gestalten des absoluten und des objektiven Geistes haben, aus der Perspektive des Einzelnen, eine Struktur angenommen, in der sich der subjektive Geist von der Naturwüchsigkeit traditionaler Lebensformen emanzipieren kann. Dabei treten die Sphären, in denen der Einzelne als bourgeois, citoyen und homme sein Leben führt, immer weiter auseinander und werden selbständig. Dieselben Trennungen und Verselbständigungen, die, geschichtsphilosophisch betrachtet, der Emanzipation von uralten Abhängigkeiten den Weg bahnen, werden aber zugleich als Abstraktion, als Entfremdung von der Totalität eines sittlichen Lebenszusammenhangs erfahren. Einst war die Religion das unverbrüchliche Siegel auf diese Totalität. Dieses Siegel ist nicht zufällig zerbrochen. Die religiösen Kräfte der sozialen Integration sind infolge eines Aufklärungsprozesses erlahmt, der so wenig rückgängig gemacht werden kann, wie er willkürlich produziert worden ist. Der Aufklärung ist die Irreversibilität von Lernprozessen eigen, die darin begründet ist, daß Einsichten nicht nach Belieben vergessen, sondern nur verdrängt oder durch bessere Einsichten korrigiert werden können. Deshalb kann die Aufklärung ihre Defizite nur durch radikalisierte Aufklärung wettmachen; deshalb müssen Hegel und seine Schüler ihre Hoffnung auf eine Dialektik der Aufklärung setzen, in der sich die Vernunft als ein Äquivalent für die vereinigende Macht der Religion zur Geltung bringt. Sie haben Vernunftkonzepte entwickelt, die ein solches Programm erfüllen sollten. Hegel konzipiert die Vernunft als versöhnende Selbsterkenntnis eines absoluten Geistes, die Hegelsche Linke als befreiende Aneignung produktiventäußerter, aber vorenthaltener Wesenskräfte, die Hegelsche Rechte als erinnernde Kompensation des Schmerzes unvermeidlicher Entzweiungen. Hegels Konzept erwies sich als zu stark; der absolute Geist setzt sich ungerührt über den zukunftsoffenen Prozeß der Geschichte und den unversöhnten Charakter der Gegenwart hinweg.

Gegen den quietistischen Rückzug des Priesterstandes der Philosophen von einer unversöhnten Realität klagen deshalb die Junghegelianer das profane Recht einer Gegenwart ein, die der Verwirklichung des philosophischen Gedankens noch harrt. Dabei bringen sie freilich einen Begriff der Praxis ins Spiel, der zu kurz greift. Dieser Begriff potenziert nur jene Gewalt verabsolutierter Zweckrationalität, die er doch überwinden soll. Die Neukonservativen können der Praxisphilosophie die gesellschaftliche Komplexität vorrechnen, die sich hartnäckig gegen alle revolutionären Hoffnungen behauptet. Sie wandeln ihrerseits Hegels Konzept der Vernunft so ab, daß gleichzeitig mit der Rationalität auch der Entschädigungsbedarf der gesellschaftlichen Moderne hervortritt. Aber dieses Konzept reicht wiederum nicht hin, um die Kompensationsleistung eines Historismus verständlich zu machen, der die Traditionsmächte durchs Medium der Geisteswissenschaften am Leben erhalten soll. Gegen diese kompensatorische, aus den Quellen antiquarischer Geschichtsschreibung gespeiste Bildung bringt Friedrich Nietzsche das moderne Zeitbewußtsein auf eine ähnliche Weise zur Geltung wie einst die Junghegelianer gegen den Objektivismus der Hegelschen Geschichtsphilosophie. Nietzsche analysiert in seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben die Folgenlosigkeit einer vom Handeln abgekoppelten, in die Sphäre der Innerlichkeit abgeschobenen Bildungstradition: »Das Wissen, das im Übermaße ohne Hunger, ja wider das Bedürfnis aufgenommen wird, wirkt jetzt nicht mehr als umgestaltendes, nach außen treibendes Motiv und bleibt in einer gewissen chaotischen Innenwelt verborgen ... und so ist die ganze moderne Bildung wesentlich innerlich: ... Handbuch innerlicher Bildung für äußerliche Barbaren.« Das mit historischem Wissen überladene moderne Bewußtsein hat die »plastische Kraft des Lebens« verloren, die den Menschen instand setzt, mit dem Blick auf die Zukunft und »aus der höchsten Kraft der Gegenwart ... das Vergangene (zu) deuten«. Weil die methodisch verfahrenden Geisteswissenschaften einem falschen, nämlich unerreichbaren Objektivitätsideal anhängen, neutralisieren sie die zum Leben notwendigen Maßstäbe und verbreiten einen lähmenden Relativismus: »in allen Zeiten war es anders, es kommt nicht darauf an, wie du (selbst) bist.« Sie blockieren die Fähigkeit, von Zeit zu Zeit »eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um (in der Gegenwart) leben zu können«. Wie die Junghegelianer wittert Nietzsche in der historistischen Bewunderung der »Macht der Geschichte« eine Tendenz, die nur zu leicht in die realpolitische Bewunderung des Erfolges umschlägt. Mit Nietzsches Eintritt in den Diskurs der Moderne verändert sich die Argumentation von Grund auf. Erst war die Vernunft als versöhnende Selbsterkenntnis, dann als befreiende Aneignung, schließlich als entschädigende Erinnerung konzipiert worden, damit sie als Äquivalent für die vereinigende Macht der Religion auftreten und die Entzweiungen der Moderne aus deren eigenen Antriebskräften überwinden könne. Dreimal ist dieser Versuch, den Vernunftbegriff auf das Programm einer in sich dialektischen Aufklärung zuzuschneiden, mißlungen. In dieser Konstellation hatte Nietzsche nur die Wahl, die subjektzentrierte Vernunft noch einmal einer immanenten Kritik zu unterziehen − oder das Programm im ganzen aufzugeben. Nietzsche entscheidet sich für die zweite Alternative − er verzichtet auf eine erneute Revision des Vernunftbegriffs und verabschiedet die Dialektik der Aufklärung. Insbesondere die historistische Verformung des modernen Bewußtseins, die Überflutung mit beliebigen Inhalten und die Entleerung von allem Wesentlichen läßt ihn zweifeln, daß die Moderne ihre Maßstäbe noch aus sich selberschöpfen könne − »denn aus uns haben wir Modernen gar nichts«. Wohl wendet Nietzsche die Denkfigur der Dialektik der Aufklärung noch einmal auf die historistische Aufklärung an, aber mit dem Ziel, die Vernunfthülse der Moderne als solche aufzusprengen. Nietzsche benützt die Leiter der historischen Vernunft, um sie am Ende weg zuwerfen und im Mythos, als dem Anderen der Vernunft, Fuß zu fassen: »denn der Ursprung der historischen Bildung − und ihres innerlich ganz und gar radikalen Widerspruches gegen den Geist einer »neuen Zeit«, eines »modernen Bewußtseins« − dieser Sprung muß selbst wieder historisch erkannt werden, die Historie muß das Problem der Historie selbst auflösen, das Wissen muß seinen Stachel gegen sich selbst kehren − dieses dreifache Muß ist der Imperativ des Geistes der »neuen Zeit«, falls in ihr wirklich etwas Neues, Mächtiges, Leben verheißendes und Ursprüngliches ist.« Dabei hat Nietzsche natürlich seine Geburt der Tragödie im Sinn, eine mit historisch-philologischen Mitteln durchgeführte Untersuchung, die ihn hinter die alexandrinische und hinter die römisch-christliche Welt in die Anfänge, in die »altgriechische Urwelt des Großen, Natürlichen und Menschlichen« zurückführt. Auf diesem Wege sollen sich überhaupt die antiquarisch denkenden »Spätlinge« der Moderne in die »Erstlinge« einer postmodernen Zeit verwandeln − ein Programm, das Heidegger in Sein und Zeit wieder aufnehmen wird. Für Nietzsche ist die Ausgangssituation klar. Einerseits verstärkt die historische Aufklärung nur die in den Errungenschaften der Moderne fühlbar gewordenen Entzweiungen; die in Gestalt einer Bildungsreligion auftretende Vernunft entfaltet keine synthetische Kraft mehr, welche die vereinigende Macht der überlieferten Religion erneuern könnte. Andererseits ist der Moderne der Weg zurück in die Restauration verlegt. Die religiös-metaphysischen Weltbilder der alten Zivilisationen sind selber schon ein Produkt der Aufklärung, zu vernünftig also, um der radikalisierten Aufklärung der Moderne noch etwas entgegensetzen zu können. Das moderne Zeitbewußtsein verbietet freilich jeden Gedanken an Regression, an die unvermittelte Rückkehr zu den mythischen Ursprüngen. Allein die Zukunft bildet den Horizont für die Erweckung mythischer Vergangenheiten, der »Spruch der Vergangenheit ist immer ein Orakelspruch: nur als Baumeister der Zukunft, als Wissende der Gegenwart werdet ihr ihn verstehen«. Diese utopische Einstellung, die sich auf den kommenden Gott richtet, unterscheidet Nietzsches Unternehmen vom reaktionären Ruf »Zurück zu den Ursprüngen«. Und weil Nietzsche das moderne Zeitbewußtsein nicht negiert, sondern zuspitzt, kann er die moderne Kunst, die in ihren subjektivsten Ausdrucksformen dieses Zeitbewußtsein auf die Spitze treibt, als das Medium vorstellen, in dem sich die Moderne mit dem Archaischen berührt. [WS, 23.09.2019] Während der Historismus die Welt als Ausstellung inszeniert und die genie-


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