Juliheft 2007, Merkur # 699

Der Fürst im Gartenreich. Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740 bis 1817)

von Gustav Seibt
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Wer noch nie etwas vom Wörlitzer Gartenreich gehört hätte und es also völlig unvorbereitet beträte, der würde bei dieser ersten Bekanntschaft gleichwohl die zauberische Erfahrung plötzlichen Wiedererkennens machen − wenn er nur ein paar der großen Romane der klassischen deutschen Kunstperiode im Kopf hätte: Jean Pauls Titan, Goethes Wahlverwandtschaften, die Wanderjahre. Die symbolisch durchwirkte Kunstnatur dieser Bücher steht dem Besucher von Wörlitz leibhaftig vor Augen, wie aus einem Traum heraufgeholt in die greifbare Wirklichkeit. Dabei sind es nicht so sehr die als Zitate erkennbaren Einzelheiten − man entdeckt unversehens die Grabinsel Rousseaus, ein kleines Pantheon, einen Vesuv en miniature, ein gotisches Haus, das sich vorne venezianisch, rückseitig englisch zeigt, ja sogar ein veritables Weißes Haus −, denen dieser Anamnesiseffekt geschuldet ist, vielmehr beruht er auf der Zeichensprache einer literarisch überformten Landschaft insgesamt, die auf jedem Schritt mit jedem wechselnden Blick eine neue Bedeutung freisetzt. Goethes Landschaftsbeschreibungen kennen das charakterisierende Wort »bedeutend«, und »bedeutend« ist der ganze Wörlitzer Garten; daß man ihn lesen kann wie ein Buch, ist ausnahmsweise keine leichtfertige Metapher. Zwischen Weimar mit seinen um einen erstarrenden Hof kreisenden gelehrten Einsamkeiten und der quirligen adelig-bürgerlichen Berliner Salonkultur liegt Wörlitz um 1800 als etwas Drittes. Hier gingen Kunst und Landschaft, Empfindsamkeit und Aufklärung, Pädagogik und Spiel, fürstliches Mäzenatentum und bürgerliches Glücksstreben, das Schöne und das Nützliche überraschend harmonische Verbindungen ein. Wem dieses Wunder zu verdanken ist, das steht außerhalb der anhaltinischen Gebiete kaum jemandem vor Augen. Leopold Friedrich Franz, Fürst, später Herzog von Anhalt-Dessau, ist einer der unbekanntesten deutschen Regenten; während es mehrere gründliche Biographien von Goethes Herzog Carl August gibt, wissen wir bis heute nur wenig über den politischen Hintergrund des einzigartigen und vielsinnigen Gesamtkunstwerks Wörlitz. (Laienhaft und unpräzise ist leider: Kaevan Gazdar, Herrscher im Paradies. Fürst Franz und das Gartenreich Dessau-Wörlitz. Berlin: Aufbau 2006. Erste Blicke vor allem in die bisher wenig genutzten archivalischen Quellen wirft: Heinrich Dilly/ Holger Zaunstöck (Hrsg.), Fürst Franz. Beiträge zu seiner Lebenswelt in Anhalt-Dessau 1740−1817. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2005. Ich danke Holger Zaunstöck für die großzügige Überlassung noch unpublizierter Vorträge einer Fürst-Franz-Konferenz im Herbst 2006 in Wörlitz. Die umfassendsten bibliographischen Informationen bieten die Werke von Erhard Hirsch, zuletzt: Die Dessau-Wörlitzer Reformbewegung im Zeitalter der Aufklärung. Personen – Strukturen − Wirkungen. Tübingen: Niemeyer 2003. Unentbehrlich bleiben ältere Werke: als Quelle die Biographie, die Franz’ Vertrauter Friedrich Reil 1845 herausbrachte (mehrere Nachdrucke) und für den dieser Zusammenhang ist schon deshalb von Belang, weil das Dessauer Gartenreich nicht einfach einer Privatlaune diente wie beispielsweise die Schäferei von Marie-Antoinette in Versailles oder die Schlösser Ludwigs II. von Bayern.)

Fürst Franz, wie man ihn kurz und bündig nennt, verwandelte im Lauf seiner sechzigjährigen Regierung zwischen 1758 und 1817 sein ganzes Land in einen Garten, und diese kultivierende Tätigkeit erstreckte sich weit über den Bereich der Künste hinaus in die Felder dessen, was wir heute Sozial- und Bildungspolitik, ja Umweltpolitik nennen würden. Die Schlösser, Tempel, Kirchen und Monumente, die Auen, Baumgruppen und Gewässer ruhen in einem breiten Fundament reformerischer Landeskultur, sie haben äußere und innere Voraussetzungen. Anhalt-Dessau war im 18. Jahrhundert eines von vier anhaltinischen Fürstentümern (neben Anhalt-Zerbst, Anhalt-Köthen und Anhalt-Bernburg), die sich im frühen 17. Jahrhundert getrennt hatten und im 19. durch Erbgänge wieder zusammenfanden. Schon zu Lebzeiten von Fürst Franz kam ein Drittel von Anhalt-Zerbst zurück zu Anhalt-Dessau. Dieser Zwergstaat war siebenhundert Quadratkilometer groß und hatte laut einer Volkszählung von 1770 eine Bevölkerung von 30 625 Einwohnern. Die Hauptstadt Dessau zählte 3005 Einwohner, darunter 215 jüdische Familien. Da man für diese Zeit pro Familie fünf Köpfe rechnet, kommt man auf ungefähr tausend jüdische Einwohner, ein Drittel der Dessauer Bevölkerung. Schon dieser ungewöhnlich hohe Anteil mag sowohl die Fürsorge erklären, die Fürst Franz seinen jüdischen Untertanen widmete, wie auch die Restriktionen gegenüber weiterem jüdischen Zuzug, die er verfügte. Die wichtigste ökonomische Voraussetzung des Gartenreichs ist der Umstand, daß seit dem Großvater des Fürsten Franz, dem als preußischen General berühmten »Alten Dessauer«, der Fürst zugleich der weitaus größte Grundbesitzer des Landes war. Das heißt, daß er für das platte Land nicht nur als Landesherr, sondern vor allem auch als Eigentümer agieren konnte. Wer fragt, wie das Gartenreich eigentlich finanziert wurde, bekommt bis heute keine präzise Auskunft. Die Rechnungen für die Bauwerke im Gartenreich ließ Franz angeblich vernichten: Niemand sollte erfahren, was diese Schönheiten gekostet hatten. Doch weist ein älterer Historiker (Hermann Wäschke) darauf hin, daß die jährlichen Privateinkünfte des Fürsten 400 000 Taler betrugen, denen gegenüber die Steuern der Untertanen unbedeutend gewesen seien. Zu diesen Einkünften trugen auch ausgedehnte Besitzungen des Fürsten in Ostpreußen und Brandenburg mit 13 000 Einwohnern bei. Wir haben es unter ökonomischen Gesichtspunkten also eher mit einer sehr ausgedehnten Grundherrschaft als mit einem neuzeitlichen Flächenstaat zu tun. Im übrigen darf man annehmen, daß der Herr von Anhalt keineswegs vermögender war als ein betuchter Steuerpächter Ludwigs XV. (Den faktisch-politischen Hintergrund liefert Hermann Wäschkes dreibändige Anhaltische Geschichte von 1912. Reich an Abbildungen und Informationen sind die verschiedenen Dessau-Wörlitzer Katalogwerke, so Weltbild Wörlitz (zuerst 1996) und Schauplatz vernünftiger Menschen. Museum für Stadtgeschichte Dessau 2005.)

Frankreich oder ein englischer Großgrundbesitzer

Gleichwohl war Anhalt-Dessau natürlich doch weit mehr als eine Grundherrschaft. Fürst Franz regierte mit einem komplexen Ämterapparat aus Landesregierung, Rentkammer, Oberforstamt und Fachkommissionen für die Armen, die Witwen und die medizinische Versorgung. Es gab Polizeibehörden, eine Rechenkammer, ein Bauamt, Akziseämter. Im Verlauf seiner Regierung haben Franz und seine Behörden fast vierhundert Verordnungen erlassen, davon die meisten in der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit. Doch die eigentliche Regierungs-und Verwaltungsarbeit fand im Kabinett des Fürsten statt, dessen Protokolle die fast unvorstellbare Zahl von 170 780 bearbeiteten Anfragen, also mehr als acht pro Tag in sechzig Regierungsjahren, enthalten. Dabei ging es wohl in der überwiegenden Zahl von Fällen um konkrete Nöte der Supplikanten, die Versorgung einer Witwe, Baumaterial für ein neu zu bauendes Haus und ähnliches. Allerdings muß gesagt werden, daß diese enorme Verwaltungstätigkeit bisher noch nicht gründlich erforscht wurde. Wie sehr alles im Lande Anhalt-Dessau am Landesherrn hing, zeigt der Umstand, daß sich Franz, damals bereits Herzog, in der Krisenzeit der Befreiungskriege, am 1. August 1813, genötigt sah, Folgendes bekanntzumachen: »Eine lange Reihe von Jahren hindurch habe ich bewiesen, daß ich gern jede billige Bitte meiner Untertanen gewähre. Die letzten Zeitereignisse haben leider mich um die Mittel gebracht, ferner hierin den Wünschen meines Herzens zu folgen: Nur selten werde ich Hilfsbedürftige unterstützen können, wenn uns Gott nicht bald bessere Zeiten schenkt. Jedem meiner Dienerschaft und meiner Untertanen werde ich es Dank wissen, der im Lauf der gegenwärtigen Zeit mich, soviel als nur immer möglich, mit Bitten verschont, und meinem Herzen dadurch das schmerzende Gefühl erspart, eine Hilfe versagen zu müssen, die, wie ich zu gut weiß, wohl nie nötiger war als jetzt. Leopold Friedrich Franz. «Hier scheinen die äußeren − man wagt nicht zu sagen: die außenpolitischen − Bedingungen des Gartenreiches auf. Die Lebensdaten von Fürst Franz, geboren 1740, gestorben 1817, lassen sie unmißverständlich erkennen: Am Anfang stand Friedrich der Große, am Ende Napoleon. In diesen Jahrzehnten sind in Deutschland reihenweise Staaten von der Landkarteverschwunden, und es ist keineswegs selbstverständlich, daß sich Anhalt-Dessau ins 19. Jahrhundert retten konnte. 1740 leitete der Erste Schlesische Krieg die Revolution der Machtverhältnisse im Reich ein, die in den preußisch-österreichischen Dualismus mündete. Schon vorher konnte Anhalt-Dessau kaum eigene Politik betreiben. De facto befand sich das Fürstentum in einem Klientelverhältnis zur preußischen Monarchie, der die anhaltinischen Fürsten seit dem Urgroßvater von Fürst Franz, der wie der Große Kurfürst eine Oranische Prinzessin geheiratet hatte, als Heerführer dienten. Leopold I., Franzens Großvater, wurde einer der berühmtesten Feldherren seiner Zeit, und er war einer der Architekten der preußischen Armee samt ihrem maschinenartigen Drill. Auch Vater und Onkel von Franz dienten in den Kriegen des großen Friedrich, sein Onkel Moritz zählte zu den großen Generälen der friderizianischen Armee. [WS, 13.09.2019]


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