Novemberheft 2000, Merkur # 619

Der Ingenieur

von Dirk Baecker
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Ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch des Sozialismus sind nicht nur Zweifel daran erlaubt, ob er wirklich zusammengebrochen ist – vielfach scheint es sich nur um eine Umstellung autoritärer Regimes auf technologie- und globalisierungstauglichere Formen zu handeln −, sondern kann man auch beginnen, sich darüber zu wundern, daß eine der frühesten Diagnosen zu Beginn der neunziger Jahre bis heute nicht eingetroffen ist. Der Sozialismus ist zusammengebrochen, ohne daß ein neues Feindbild an seine Stelle getreten ist. Denn das machte damals vielen Beobachtern mehr Sorgen als alles andere: Wo würde die moderne Gesellschaft ein neues Feindbild finden, das sie so verläßlich stabilisiert wie das Gespenst des Kommunismus? Man erwog den islamischen Fundamentalismus, sprach von drohenden cultural clashes, mußte jedoch bald feststellen, daß der Bedarf an Verständigung auf beiden Seiten jeden Bedarf an Inszenierung eines kulturellen oder religiös-moralischen Konfliktes überstieg. Sowohl in den »islamischen« wie in den »christlichen« Ländern ist man mit Stabilisierungsproblemen der Gesellschaft beschäftigt und sieht gerade nicht in der Dramatisierung der Differenz, sondern in der Pragmatisierung der Vernetzung eine der wenigen Möglichkeiten, Struktur- und Orientierungsprobleme zu lösen.

Alles spielt sich so ab, als hätte die moderne Gesellschaft endlich begriffen, daß nicht in Identität und Differenz, sondern in Differenzierung und Vernetzung ihr Funktionsprinzip zu finden ist. Dabei werden die Identitäten multipel und die Differenzen operativ. Aber nur so gewinnt die Gesellschaft einen Sinn für das eigene Spiel, der ebenso experimentell wie variabel ist. Ein Feindbild ist dafür nicht mehr nötig, weil die Gesellschaft den Mut findet, nicht am anderen sich selbst, sondern sich selbst als möglicherweise auch anderen zu beobachten. Nirgendwo fällt dies gegenwärtig beeindruckender auf als am neuen Mut zur Börse, der immer weitere Bevölkerungskreise befällt und der letztlich nichts anderes ist als ein Mut, auf die Zustände und die Entwicklungsmöglichkeiten der eigenen Gesellschaft Wetten abzuschließen. Vielleicht rechnet man noch zu sehr damit, daß diese Wetten fast immer gewonnen oder zumindest mit nur geringfügigen Verlusten abgeschlossen werden können. Der nächste größere Crash wird diese Rechnung korrigieren. Aber immerhin befindet sich der Eindruck eindeutig auf dem Rückzug, daß man den großen Entwicklungstendenzen der Gesellschaft hilf- und machtlos ausgeliefert sei und nur darauf hoffen kann, daß der Politik rechtzeitig einfällt, wie gegenzusteuern ist, und man nur dabei zuschauen kann, wie immer dieselben die großen Gewinne einstreichen. Man zockt mit, man rechnet mit Zockern auf allen Seiten (auch unter den emittierenden, »Geld machenden« Unternehmen) und man nimmt sein eigenes Geld in die Hand, um dieser oder jener Tendenz ein größeres Gewicht zu geben. Wenn dies zutrifft, und sicherlich gibt es dazu sehr unterschiedliche Interpretationen, hat diese Gesellschaft einen größeren Mut nicht nur zur Selbstbeobachtung, sondern auch zur Selbstimplikation des Beobachters in seine Beobachtungen gefunden.

Man meint nicht nur mehr die anderen, wie es in allen Formen der elaborierten oder populären Gesellschaftskritik der Fall war, sondern man meint auch sich selbst. Also eine Gesellschaft ohne Feindbild? Ich habe den Eindruck, daß die moderne Gesellschaft der Alternative des Sozialismus vor allem deswegen abgesagt hat, weil sie mehr Kapazitäten für die Selbstbeobachtung braucht. Man denkt nicht mehr in Kategorien von Freund und Feind, sondern von Aktualität und Potentialität oder von Möglichkeit und Alternative. Und man tut dies, weil man eingesehen hat, daß die Gefährdung dieser Gesellschaft nicht von außen, sondern von innen kommt. Man beobachtet die Gesellschaft als eine Gefährdung ihrer selbst; und das bedeutet, daß die Gesellschaft in dieser Selbstbeobachtung zweimal vorkommt, als Täter und Opfer, als Freund und Feind, als Quelle und als Gegenstand der Gefährdung. Das macht es schwer, in schlichten Schemata zu denken. Das zwingt zu einer höheren Komplexität der Informationsverarbeitung. Das scheinbare Abklingen der ökologischen Bewegungen ist in Wahrheit ihre Universalisierung. Das Verschwinden von Angst und Sorge ist in Wahrheit die Form der Einsicht in ihre Berechtigung und in den Umstand, daß mit Angst und Sorge keine Informationen gewonnen werden können. Diese Gesellschaft setzt sich selbst auf den Prüfstand. In Politik, Wirtschaft, Erziehung, Kunst, Recht und Wissenschaft geht es um nichts anderes als um die Frage, wie lange dies so weitergehen kann. Langsam, aber sicher spricht sich die Einsicht herum, daß diese Gesellschaft nur zu retten ist, wenn sie sich selbst als ihr wichtigstes Produkt begreift und alle ihre Absichten und Maßnahmen daran orientiert, sich selbst als Gesellschaft zu kontinuieren und zu propagieren. Nichts lenkt mehr von diesem Gedanken der » Autopoiesis« ab, keine Schöpfung, deren Absicht es erst noch zu entdecken gilt, kein Schicksal, dem es heroisch gerecht zu werden gilt, und kein Fortschritt, der gegen Widerstand erst noch durchzusetzen ist. All dies sind nur Figuren der Kontinuierung der Gesellschaft selbst. Ihre Teleologie zielt auf sie selbst. Ihre Ontologie sind ihre eigenen Zustände. Ihre Kosmologie ist die verwunderte Frage, wie lange die Einmalerfindungen der Welt, des Lebens, der Gesellschaft und unseres Bewußtseins noch aufeinander abgestimmt sein können.

In mindestens vier Hinsichten ist die moderne Gesellschaft auf einen Ausbau ihrer Kapazitäten zur Selbstbeobachtung angewiesen: mit Blick auf ihre ökologische Selbstgefährdung, mit Blick auf ihre Tendenz zur Exklusion wachsender Teile der Weltbevölkerung, mit Blick auf die Entstehung einer Weltkultur als Form der Kommunikation unterschiedlicher Regional- und anderer Subkulturen und mit Blick auf ihre wachsende Abhängigkeit von der Technik. Diese Überlegungen kümmern sich nur um den vierten Punkt, doch darf dabei nicht übersehen werden, daß die wachsende Abhängigkeit von der Technik selbstverständlich im Zusammenhang mit Ökologie-, Exklusions- und Kulturproblemen steht. Denn die Technik produziert nicht nur ökologische Gefahren, sie trägt auch die Hoffnung auf deren Bewältigung. Mit der Technik verstärken sich nicht nur die Tendenzen zur Exklusion derer, die an den Verkehr, die Nachrichten, den Informationsaustausch, die Energieversorgung der modernen Gesellschaft nicht angeschlossen sind, sondern auch die Suche nach Möglichkeiten, sie doch noch anzuschließen. Und nicht zuletzt zählt die Technik selbst zu einem jener Phänomene der Weltkultur, die als Glaubenssymbol für die Fähigkeit der modernen Gesellschaft stehen, ihre Probleme selbst und mehr oder weniger nach bewährten Schemata zu bewältigen − oder eben genau dies in Zweifel zu ziehen erlauben.

Die moderne Gesellschaft ist von der Technik so allgegenwärtig abhängig geworden, daß dies kaum stärker auffällt als der Umstand, daß wir zum Atmen auf einen in bestimmter Form vorliegenden Sauerstoff angewiesen sind. Haben wir angesichts eines Computervirus wie des Loveletter-Virus noch den Eindruck, daß wir fein raus sind, wenn wir nicht jedes Update gleich mitmachen, so brauchen wir uns nur an die mittlerweile fast vergessenen Aufregungen um den Jahr-2000-Bug zu erinnern, um zu sehen, daß die Fehler auch in den ganz alten Programmen lauern. Man schaue sich um und überlege, welche uns völlig selbstverständlichen Leistungen ausbleiben, wenn auch nur der Strom ausfällt, der den Großteil aller Techniken antreibt, und selbst nur technisch bereitgestellt werden kann. Die Technik ist nicht nur das Symbol, sondern auch das Faktum schlechthin für den Beleg der »Artifizialität« (Heinrich Popitz) der modernen Gesellschaft, das heißt des Ausmaßes, in dem sie davon abhängig geworden ist, daß die Strukturen, auf die sie sich stützt, nach wie vor von ihr selbst bereitgestellt, »gemacht« und »gesichert« werden können. Das stimmt, seit die Griechen den Technikbegriff in die Nähe des Kunstbegriffs gerückt haben. Und das ist seit Heideggers Verweis auf die Technik als »Gestell« selbstverständlich nicht anders geworden. In Frage steht nur und nach wie vor, wie die Gesellschaft gedenkt, mit dieser Abhängigkeit umzugehen. Denn die Option ist ja nicht, angesichts der Abhängigkeit den Rückwärtsgang einzulegen und zu versuchen, dort wieder unabhängig zu werden, wo man Abhängigkeiten feststellt. Auch diese Option wird gesellschaftlich wahrgenommen, freiwillig von den puritanischen Sekten Nordamerikas und von anderen Zivilisationsaussteigern aller Art, unfreiwillig von denen, denen die ökonomischen, politischen, erzieherischen und wissenschaftlichen Mittel fehlen, sich überhaupt abhängig zu machen. Und es ist gut, daß diese Option evolutionär verfügbar bleibt. Wer kann schon wissen, auf welche Lebensstile und Geschicklichkeiten im Umgang mit Natur und Gesellschaft wir eines Tages wieder angewiesen sein werden? Aber eine Option für den Mainstream der modernen Gesellschaft ist dies nicht. In ihren vielen Zentren kann die moderne Gesellschaft nur versuchen, auf einer Ebene zweiter Ordnung ihre Abhängigkeit von der Abhängigkeit zu verringern, das heißt: in ihren Abhängigkeiten wahlfähig zu werden.


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