Augustheft 1960, Merkur # 150

Der Mensch und die Arbeit

von Hannah Arendt
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Je scheint es im Wesen der Bedingungen zu liegen, unter denen dem Menschen das Leben gegeben ist, daß der einzige Vorteil, den man aus der Fruchtbarkeit der menschlichen Arbeitskraft ziehen kann, darin besteht, jeweils die Lebensnotwendigkeiten für mehr als nur einen Menschen oder eine Familie zu bestreiten. (Der Text bringt zwei gekürzte Kapitel aus dem 1958 in The University of Chicago Press veröffentlichten Buch The Human Condition, das anhand einer grundsätzlichen Unterscheidung dreier Formen der vita activa: Arbeiten, Herstellen und Handeln eine geschichtsphilosophische, politische und soziologische Analyse der menschlichen Gesellschaft bietet. Durch eine neuartige Gegenüberstellung der Prinzipien des Homo faber und des sogenannten Animal laborans gelangt Hannah Arendt zu einer hoch bedeutsamen Kritik des Marxismus und der modernen technischen Zivilisation. Die deutsche Fassung des Buches erscheint demnächst unter dem Titel Vita Activa oder vom tätigen Leben im W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart, Die Red.) An sich sind die Arbeitsprodukte, die Erzeugnisse des Stoffwechsels des Menschen mit der Natur, nicht dauerhaft genug, um ein Teil unserer Welt zu werden; insofern achtet die Arbeitstätigkeit, die ausschließlich damit beschäftigt ist, das Leben zu erhalten, dieser Welt nicht. Das von den Körperbedürfnissen getriebene Animal laborans ist nicht Herr seines Körpers, wie Homo faber Herr seiner Hände ist − und aus diesem Grund meinte Plato, daß Sklaven und Arbeiter nicht nur der Notwendigkeit untertan und daher der Freiheit unfähig seien, sondern daß sie von dem »animalischen« Teil der Seele beherrscht würden (Staat, 590c). Eine arbeitende Massengesellschaft, wie Marx sie im Sinne hatte, wenn er von der »vergesellschafteten Menschheit« sprach, besteht aus Gattungswesen, aus weltlosen Exemplaren des Menschengeschlechts, gleichviel ob sie als Haushaltssklaven in diese Lage durch die Gewalt anderer versetzt wurden oder als »freie« Arbeiter ihre Funktionen freiwillig erfüllen. Selbstverständlich ist die »Weltlosigkeit« des Animal laborans ganz anderer Natur als die aktive Weltflucht, die Flucht aus der Öffentlichkeit der Welt. Das Animal laborans flieht nicht die Welt, sondern ist aus ihr ausgestoßen in die Privatheit des eigenen Körpers, wo es sich gefangen sieht von Bedürfnissen und Begierden, an denen niemand teilhat und die sich niemandem voll mitteilen können.

Daß Sklaverei und Verbannung in den Haushalt im großen ganzen die gesellschaftliche Lage der arbeitenden Klassen bis zur Neuzeit bestimmte, ist in erster Linie der »condition humaine« selbst geschuldet: das Leben, das für alle anderen Tiergattungen identisch mit ihrem Sein überhaupt ist, fällt für den Menschen wegen des ihm innewohnenden »Widerwillens gegen Vergänglichkeit« (Veblen) so wenig mit seiner Existenz zusammen, daß es ihm sogar als eine Last erscheinen kann, die ihn gerade am Menschsein hindert. Und diese Last ist um so schwerer zu tragen, als nichts von dem, was das sogenannte »Höhere« ausmacht, es je an unmittelbarer Dringlichkeit mit den elementaren Lebensbedürfnissen aufnehmen kann, unter deren Zwang alles »Niedere« besorgt sein muß, bevor das »Höhere« auch nur in Erscheinung zu treten vermag. Die gesellschaftliche Lage des arbeitenden Teils der Menschheit war Knechtschaft und Sklaverei, weil dies die natürliche Lage und Bedingtheit des Lebens selbst ist. Omnis vita servitium est (Seneca). Die Last des Lebens als eines biologischen Kreislaufs, der die spezifisch menschliche, biographisch erzählbare Lebenszeit zwischen Geburt und Tod zugleich antreibt und verzehrt, kann (auf Grund des von ihm erzeugten Überschusses) natürlich auf andere abgewälzt werden. So waren die Sklaven des Altertums im wesentlichen im Haushalt beschäftigt, wo sie ihre Herren von dieser Last, nämlich der Mühe des reinen Konsumierens, befreiten; nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl (zahlenmäßig zu unbedeutend und historisch ein zu spätes Phänomen, um die Einrichtung der Sklaverei zu erklären und zu rechtfertigen) war in der Warenproduktion oder als Staatssklaven in den Bergwerken tätig. Die außerordentliche Rolle der Sklavenarbeit in der antiken Gesellschaftsordnung kann überhaupt nur damit erklärt werden, daß es ihr so vielmehr auf Konsum als auf Produktion ankam − daß, in Max Webers Worten, die antiken Städte, im Unterschied zu den mittelalterlichen, primär »Konsum- und nicht Produktionszentren« waren. Der Preis dafür, daß die gesamte freie Bürgerschaft der Last des Lebens ledig sein durfte, war ungeheuer hoch, und er bestand keineswegs nur in der gewalttätigen Ungerechtigkeit, die denen angetan wurde, die man in das Dunkel der Notwendigkeit und der Mühsal zwang. Diese Dunkelheit selbst ist gewissermaßen noch natürlich, sie gehört unabweislich zu der Bedingtheit menschlichen Lebens; nur die Gewalt, mit der ein Teil der Menschheit sich auf Kosten eines anderen von diesen natürlichen Bedingungen befreit, ist Werk des Menschen. Und so ist der wirkliche Preis, den die Freiheit von der Notwendigkeit zu zahlen hat, in einem gewissen Sinn das Leben selbst bzw. seine Lebendigkeit. Innerhalb des biologischen Kreislaufs, dessen Rhythmus die gradlinige, unumkehrbare Zeitspanne menschlichen Lebens bedingt, liegen Lust und Unlust, die Mühsal der Erarbeitung und der Genuß bei der Einverleibung der Lebensnotwendigkeiten so nahe beieinander, daß die konsequente Ausmerzung der Mühsal unweigerlich auch das Leben seiner natürlichsten Genüsse berauben muß. Mühe und Plage können aus dem menschlichen Leben nicht entfernt werden, ohne die menschliche Existenz mit zu verändern; sie sind nicht Symptome einer Störung, sondern eher die Art und Weise, in welcher das Leben selbst mitsamt der Notwendigkeit, an die es gebunden ist, sich kundgibt. Das »leichte Leben der Götter« würde für die Sterblichen ein lebloses Leben sein. Nun hat zwar die ungeheure Verfeinerung der Arbeitsgeräte − z.B. die Erfindung der stummen Roboter, mit denen Homo faber dem Animal laborans zu Hilfe gekommen ist, um damit auf seine Weise das Problem der Freiheit zu lösen, dem der politisch handelnde Mensch nur durch Herrschaft und Knechtschaft, durch die Unterdrückung von Menschen in ein »stimmbegabtes Instrumentarium« (das instrumentum vocale, wie antike Haushaltssklaven genannt wurden) zu begegnen wußte − die zwiefache »Beschwer« des Lebens, die Mühsal von Arbeit und Gebären, leichter gemacht, als sie je gewesen sind. Aber das will ja nicht heißen, daß nun die Arbeit als Tätigkeit nicht mehr unter dem Druck der Notwendigkeit stünde oder das menschliche Leben des Zwangs und der Vordringlichkeit der Lebensnot durft frei und ledig wäre. Nur daß in einer Gesellschaft von Sklavenhaltern der »Fluch« der Notwendigkeit jedermann täglich in der Gestalt der Sklaven vor Augen stand, die deutlich bekundeten, daß »Leben Knechtschaft ist«, während in der heutigen Gesellschaft diese elementaren Lebensbedingungen sich nicht mehr voll manifestieren und daher leicht in Vergessenheit geraten. Natürlich liegt die Vermutung nahe, daß diese Vergeßlichkeit nur eine Art Vorspiel sein könnte zu den ungeheuer phantastischen Veränderungen der zweiten industriellen, der »atomischen Revolution«, die uns bevorsteht. Aber dies sind Vermutungen, die nicht sehr wahrscheinlich sind angesichts der Tatsache, daß uns bisher kaum etwas berechtigt zu meinen, die uns bevorstehenden Veränderungen beträfen nicht nur, wie auch die bisherige Technik, die von uns errichtete und bewohnte Welt, sondern in eins damit auch die Grundbedingungen menschlichen Lebens auf Erden. Solange aber diese Grundbedingungen anhalten, können Menschen nur frei sein, wenn sie von der Notwendigkeit wissen und ihre Last auf den Schultern spüren. Wenn die Arbeit so leicht geworden ist, daß sie kein Fluch mehr ist, besteht die Gefahr, daß niemand mehr sich von der Notwendigkeit zu befreien wünscht, bzw. daß Menschen ihrem Zwang erliegen, ohne auch nur zu wissen, daß sie gezwungen sind.

Die Geräte und Instrumente, welche die Arbeitstätigkeit so außerordentlich erleichtert haben, sind selbst keineswegs Produkte der Arbeit, sondern, wie alle Werkzeuge, Produkte des Herstellens; sie spielen zwar eine Rolle im Prozeß des Konsumierens, gehören aber selbst zum Bestand der Gebrauchsgegenstände der Welt. Zudem erleichtern die Werkzeuge zwar die Arbeit, sie sind für ihren Vollzug aber nicht unbedingt notwendig, und ihre Rolle im Arbeitsprozeß ist sekundärer Natur, gemessen an ihrer Bedeutung für das Herstellen und Verfertigen von Gegenständen. Ohne Werkzeuge nämlich kann überhaupt nichts hergestellt werden, und die Erfindung von Geräten und Instrumenten fällt mit der Geburt des Homo faber und der Entstehung einer von Menschen hergestellten Dingwelt zusammen. Was die Arbeit hingegen anlangt, so verstärken und vervielfachen die Arbeitsgeräte nur die natürliche Arbeitskraft; und diese Arbeitskraft kann höchstens von Naturkräften wie Haustieren, Wasserkraft, Elektrizität usw., aber nicht von Werkzeugen teilweise ersetzt werden. In all diesen Fällen wird die natürliche Fruchtbarkeit des Animal laborans vervielfacht und ein Überfluß an Konsumgütern erzeugt. Aber diese Veränderungen sind quantitativer Art, wogegen hergestellte Gegenstände überhaupt nicht entstehen könnten ohne die Werkzeuge, die zu ihrer Hervorbringung angemessen sind, und dies gilt für die Entstehungsbedingungen des Kunstwerks nicht weniger als für die des einfachsten Gebrauchsgegenstandes. Hinzu kommt, daß der Konsumprozeß, den das Arbeitsgerät erleichtert, nicht unbegrenzt mechanisierbar ist; jede Hausfrau weiß, daß hundert Gadgets in der Küche und ein halbes Dutzend Roboter im Keller noch niemals die Dienstleistungen auch nur eines dienstbaren Geistes ersetzt haben. Dies scheint in der Natur der Sache zu liegen, wofür immerhin spricht, daß es vor Jahrtausenden hat vorausgesagt werden können, als die modernen Geräte und Werkzeuge noch im Bereiche des Märchens und der Fabeln schlummerten.

Aristoteles nämlich hat sich, als er halb scherzend seiner Einbildung einmal die Zügel schießen ließ, die Sache recht gut vorstellen können; er meinte, man könnte sich wohl eine Welt denken, in der »jedes Werkzeug auf Befehl sein Werk verrichten würde ... wie die Statuen des Dädalus oder die Dreifüße des Hephästus, die ja auch, in den Worten des Dichters, ›ganz von allein die Versammlung der Götter betraten‹«. Dann würde eben das »Weberschiffchen weben und das Plektron die Lyra schlagen ohne eine Hand, die sie führt«. Dies, fährt Aristoteles fort, würde in der Tat bedeuten, daß das Handwerk ohne den Handwerker auskommt; aber es würde nicht heißen, daß der Haushalt ohne Sklaven bewirtschaftet werden könnte (Politik, 1253b 30−1254a 18). Denn die Sklaven sind nicht Werkzeuge für das Herstellen von Gegenständen, sondern lebende Arbeitsgeräte, deren Dienste sich so erneuern und so verzehrt werden wie der Lebensprozeß, dem sie dienen. Der Herstellungsprozeß ist zeitlich begrenzt, und die Funktion des für ihn benötigten Werkzeugs hat ein voraussehbares, kontrollierbares Ende, das mit der Fertigstellung des Gegenstandes zusammenfällt. Der Lebensprozeß hingegen, der die Arbeit benötigt, ist endlos, und das einzige ihm entsprechende Gerät müßte ein perpetuum mobile sein, also genau das, was das instrumentum vocale der Sklaverei wirklich war, nämlich so endlos »tätig« in seiner Lebendigkeit wie der lebendige Organismus, dem es dient. Weil sich der Nutzen der Arbeitsgeräte in ihrem Gebrauchtwerden erschöpft, kann die Arbeit der spezifischen »Produktivität« der Werkzeuge niemals gerecht werden, zu deren Wesen es gehört, daß »something more results from them than the mere use of the instrument« (Winston Ashley, The Theory of Natural Slavery, according to Aristotle and St. Thomas, Dissertation der Universität Notre-Dame 1941).Während also die Werkzeuge, die Homo faber dem Animal laborans zur Verfügung stellt, im Arbeitsprozeß immer nur von sekundärer Bedeutung sein können, weil sie in ihm ihre volle Wirksamkeit, das Hervorbringen eines von dem bloßen Benutztwerden ganz und gar Unterschiedenen und ihm Überlegenen, nie entfalten können, gilt das genau Umgekehrte von dem zweiten großen Prinzip, das die moderne Arbeit revolutioniert hat: nämlich von der Arbeitsteilung. Die Arbeitsteilung ist in der Tat ein dem Arbeitsprozeß inhärentes Prinzip, das nicht mit dem nur scheinbar ähnlichen Prinzip der Spezialisierung in Berufe, das den Herstellungsprozessen eigen ist verwechselt werden darf. Das einzige, was die Berufsspezialisierung mit der Arbeitsteilung gemein hat, ist das allgemeine Prinzip der Organisation, das weder aus dem Herstellen noch dem Arbeiten entspringt, sondern dem politischen Bereich bzw. der menschlichen Fähigkeit zu handeln entstammt. Die Phänomene der Berufsspezialisierung und der Arbeitsteilung können überhaupt nur im Rahmen politischer Gemeinschaften auftauchen, in denen die Menschen nicht bloß zusammen leben, sondern auch zusammenhandeln, und in denen daher das Prinzip der Organisation bekannt ist.

Spezialisierung in Herstellungsprozessen richtet sich im wesentlichen nach dem herzustellenden Gegenstand, für dessen Fabrikation mehr als nur eine Fertigkeit benötigt wird, so daß es sich hier immer um eine Vereinigung und Organisation bestimmter Spezialitäten handelt, die untereinander ganz verschieden sein können, aber aufeinander abgestimmt sind und miteinander cooperieren. Die Arbeitsteilung beruht umgekehrt darauf, daß jede der aufgeteilten Arbeiten qualitativ gleich ist und für keine von ihnen eine besondere Fertigkeit erforderlich ist; an sich selbst bringt keine dieser geteilten Arbeiten irgendetwas zustande, jede von ihnen entspricht lediglich einem bestimmten Quantum von Arbeitskraft, das sich mit den anderen Quanten zu einer Gesamtsumme addiert. Daß dies möglich ist, geht auf die Tatsache zurück, daß zwei Menschen ihre körperlichen Kräfte zugleich und in Übereinstimmung einsetzen können, wobei sie in der Tat »sich zusammen verhalten, als ob sie einer wären«!). Dies Einssein ist das genaue Gegenteil allereigentlichen Cooperation, die gerade auf der Verschiedenheit der Cooperierenden beruht; das Einssein in der Arbeitsteilung deutet auf die Gattungseinheit, in welcher jedes Exemplar jedem anderen bis zur Auswechselbarkeit gleicht. (Die Formierung von Arbeiterkollektiven, in denen die Arbeiter nach dem Prinzip der ihnen allen gleichermaßen zukommenden und daher teilbaren Arbeitskraft gesellschaftlich organisiert sind, steht im schärfsten Gegensatz zu den Handwerkerverbänden, von den Zünften und Gilden bis zu gewissen Typen moderner Gewerkschaften, deren Mitglieder sich auf Grund gewisser Fertigkeiten und Spezialisierungen zusammenfinden, durch die sie sich gerade von anderen Handwerkern unterscheiden.) Und da keines der aufgeteilten Arbeitsquanten an und für sich, unabhängig von der aufgeteilten Gesamtmenge, zweckvoll ist und mit dem erreichten Zweck zu einem Ende kommen kann, ist das »natürliche« Ende des Arbeitsprozesses in der Arbeitsteilung genau das gleiche wie bei der ungeteilten Arbeit: die Tätigkeitendet entweder, wenn die benötigten Lebensmittel reproduziert sind, oder wenn die Arbeitskraft erschöpft ist. In beiden Fällen jedoch ist das Ende nicht endgültig; die Lebensmittel müssen immer wieder von neuem reproduziert werden, und die Erschöpfung bildet nur einen Teil des individuellen Lebensprozesses, nicht des Kollektivlebens der Gattung, die im Falle der Arbeitsteilung als kollektive Arbeitskraft das eigentliche Subjekt des Arbeitsprozesses ist. Die kollektive Arbeitskraft ist unerschöpflich; sie entspricht der Todlosigkeit der Gattung, deren Lebensprozeß im Ganzen nicht durch Geburt und Tod der einzelnen Exemplare unterbrochen wird.

[WS, 19.09.2019] Viel bedenklicher als mögliche Begrenzungen der Arbeitskapazität er-scheint daher die Limitierung, die dem Arbeitsprozeß durch die Konsum-kapazität auferlegt ist, weil diese ja auch dann individuell gebundenbleibt, wenn die kollektive Arbeitskraft an die Stelle der individuellengetreten ist. Grenzenlos kann grundsätzlich nur die fortschreitende Akku-mulation sein, und zwar auch sie nur unter der Bedingung einer ‚‚ver-gesellschafteten Menschheit“, die ihren Produktionsprozeß von den Be-grenzungen des individuellen Privateigentums befreit und die begrenzteindividuelle Aneignung dadurch überwunden hat, daß aller Reichtum,der in unbeweglichem Eigentum, in dem Besitz „aufgehäufter“ und„aufgespeicherter“ Dinge bestand, in Geld bzw. in Konsumgüter um-gewandelt ist, die durch ihren Verzehr in die Wirtschaft zurückfließenund den Produktionsprozeß weiter anreichern. In einer solchen Gesell-schaft leben wir bereits, insofern durchschnittlich das Vermögen nichtmehr nach dem beurteilt wird, was einer besitzt, sondern was er ein-nimmt und ausgeben bzw. verzehren kann — also nach den beiden For-men, in denen sich der Stoffwechsel des menschlichen Körpers vollzieht.Das Problem dieser modernen Gesellschaft ist daher, wie man eineindividuell begrenzte Konsumkapazität mit einer prinzipiell unbegrenz-ten Arbeitskapazität in Einklang setzen kann.Da die Menschheit im ganzen noch sehr weit davon entfernt ist, dieseÜberflußgrenze erreicht zu haben, können mögliche Wege, auf denen dieGesellschaft vielleicht die natürlich gegebene Begrenzung ihrer eigenenFruchtbarkeit überwinden wird, nur im nationalen Maßstab beobachtetund nur versuchsweise angegeben werden; ob sie sich schließlich alswirksam erweisen werden, ist schon darum nicht zu beurteilen, weil jaein erheblicher Prozentsatz des gegenwärtigen Überschusses der imÜberfluß lebenden Länder zu ihrem und der anderen Heil in die Teileder Welt geht, deren Fluch noch die Armut ist. Der Fluch des Reich-tums ist daher erst andeutungsweise zu spüren — und mit ihm das Mittel,das eine im Überfluß lebende Gesellschaft bereitstellt, diesem Fluch zubegegnen. Es besteht darin, mit Gebrauchsgegenständen so umzugehen,als seien sie Konsumgüter, als sei das @ebrauchen überhaupt in ein Ver-brauchen umzuwandeln, so daß nun ein Stuhl oder ein Tisch so schnellverbraucht wird wie einst ein Kleid oder ein Schuh, während ein Kleidoder ein Schuh möglichst nicht viel länger in der Welt gelassen undähnlich „konsumiert“ wird wie ausgesprochene Konsumgüter. DieseArt und Weise, mit den Dingen der Welt umzugehen, ergibt sich ganz


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