Aprilheft 1962, Merkur # 170

Der Romancier als Haruspex

von Hans Magnus Enzensberger
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Der Kriminalroman genießt in Italien kein Heimatrecht. Selbst die bekanntesten Markennamen der Branche werden nur halbherzig importiert; eine nennenswerte einheimische Produktion findet nicht statt. Dem abstrakten, industriell zubereiteten Verbrechen zieht ein jeder Italiener vor, was er als konkreten, individuellen Fall in der täglichen Zeitung findet: »Geschichten, die das Leben schrieb.« Die »schwarze Chronik«, fester und unentbehrlicher Bestandteil aller römischen Blätter, stellt in den Schatten, was Kolportage zu ersinnen vermag.

Das schier fieberhafte Interesse, das ihre Berichte bei der Concierge genauso finden wie beim blasiertesten Intellektuellen, erschöpft sich nicht in kruder, blutrünstiger Neugier. Was solche Leser am konventionellen Kriminalroman abstößt, ist die Tatsache, daß er von seinem Gegenstand eigentlich nichts wissen will: er spart das Verbrechen, das aufzuklären er sich anheischig macht, gleichsam aus, indem er es zum schematischen Ereignis degradiert. Der italienische Zeitungsleser sieht tiefer: er sieht, daß ein Mord nicht als die Eröffnungsfigur einer Schachpartie begriffen werden kann. Die verbrecherische Tat ist exorbitant und gewöhnlich zugleich; der Täter ist ein monströser Jedermann. Zu Unrecht schildert ihn der philiströse Kriminalroman als den schlechterdings andern, den unbegreiflichen Bösewicht, der wie ein Marsmensch sich unter die harmlosen Gäste im traulichen Landhaus mischt, bis ihm nach vollbrachter Tat die Maske vom Gesicht gerissen wird. In Wirklichkeit begeht er nur, wessen auch wir fähig wären und was wir uns versagen; er handelt gewissermaßen als unser Stellvertreter; er verrät, was wir verbergen; und dies, daß er uns so ähnlich ist, macht ihn bedeutsam; zugleich aber rätselhaft. Die Aufklärung des Verbrechens ist keine Belustigung des Verstandes, keine Denksportaufgabe; seine Spuren führen ins Unterholz unserer individuellen und gesellschaftlichen Existenz, eine kaum durchdringliche Macchia, zu deren Erforschung das Verbrechen auffordert. Ja man kann die Behauptung wagen, daß ein Mord nie und nimmer ausgeleuchtet und aufgeklärt werden kann, ungeachtet der immensen Anstrengungen, welche die Zivilisation an diese Aufgabe wendet. Gerade der Umfang und die Kompliziertheit des Polizei- und Justizapparates, den die Gesellschaft gegen den Mörder aufbietet, bezeugt, wie groß das Rätsel des Verbrechens ist, wie allgemein, nicht einzuschränken auf die unscheinbare Figur, die schließlich auf der Anklagebank Platz nimmt.


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