Märzheft 2006, Merkur # 683

Der verlorene Plot. Das Leben des Historikers Hans Rothfels

von Patrick Bahners
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Es sah nur aus wie ein Angriff. Niemand hatte dem Pferd den Befehl gegeben, auf die feindlichen Linien loszupreschen. Der Reiter saß nicht im Sattel. Mit dem Fuß hing er im Steigbügel fest, das wildgewordene Tier schleifte ihn mit, bis es erschossen werden konnte. Für den dreiundzwanzigjährigen Hans Rothfels war mit diesem 21. November 1914 der Waffendienst beendet, der nur drei Monate gedauert hatte. Die Todesgefahr wurde durch Beinamputation abgewendet. Es ist charakteristisch für die Lebensbeschreibung, die der Freiburger Historiker Jan Eckel, geboren 1973, Hans Rothfels gewidmet hat, der sich aus dem Freiburger Geschichtsstudium an die Front gemeldet hatte und Professor in Königsberg, Chicago und Tübingen wurde, daß man nicht erfährt, welches Bein Rothfels abgenommen wurde (Jan Eckel, Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert. Göttingen: Wallstein 2005.) Das Buch möchte, wie der Untertitel verkündet, keine vollständige, sondern nur eine intellektuelle Biographie sein. Nun mag sich der Biograph bei diesem Absehen vom leidensgeschichtlichen Detail an der Haltung orientieren, die der Versehrte selbst gegenüber seinem Schicksal an den Tag gelegt hat. In der Sparsamkeit brieflicher Selbstoffenbarungen erkennt Eckel den Gelehrtenhabitus asketischer Sachlichkeit.

Was die schärfste Zäsur in seinem Lebenslauf bedeutete, umriß Rothfels durch Abgrenzung von der Kriegsverletzung, die ihm anderthalb Jahre im Lazarett, Depressionen und Selbstzweifel eingetragen hatte. Die »Erfahrung einer körperlichen Amputation« sei eine Kleinigkeit, schrieb er im Mai 1933 an seinen Kollegen Gerhard Ritter, verglichen mit der durch den nationalsozialistischen Staatsumbau eröffneten Aussicht, aus der deutschen Nation ausgestoßen zu werden. Rothfels demonstrierte seine Zugehörigkeit zur deutschen Bildungswelt in dem Augenblick, da sie ihm bestritten wurde: Die moralische Kränkung löscht die Erinnerung an den physischen Schmerz aus und bezeugt im Moment der Machtlosigkeit des Individuums die Souveränität des Geistes. Eckel schildert Rothfels als einen Zeithistoriker aus Mitleidenschaft: Mehrfach stellten Umwälzungen der öffentlichen und privaten Verhältnisse seine Begriffe von der Entstehung der Welt, in der er lebte, auf die Probe. Im neugegründeten Reichsarchiv war er nach seiner Promotion mit der Widerlegung der im Versailler Vertrag festgeschriebenen deutschen Kriegsschuld beauftragt; in Amerika publizierte er die erste Monographie über den Widerstand gegen Hitler; der Bonner Republik vermittelte er die Idee ihrer Staatsräson. Verluste gaben ihm zu denken: der verlorene Krieg, das verlorene Recht, der verlorene Osten. Spekulationen über den Phantomschmerz des Patrioten verbieten sich. Aber über die Gestalt des Einbeinigen kann nicht einfach hinwegsehen, wer sich für Rothfels als geistige Erscheinung interessiert. Eckel zitiert einen Brief von 1917, in dem Rothfels, mittlerweile mit seiner Dissertation über Clausewitz befaßt, seine Invalidität als Kraftquelle beschreibt. Im Rückblick auf seinen Fronteinsatz will es ihm erscheinen, wie er dem Kommilitonen! Siegfried A. Kaehler anvertraut, daß »ich überall nur Schönes und Erhebendes erlebt habe« und daß »das wenige Schwere, was ich zu tragen bekam, obwohl es durch eine brutale Äußerlichkeit entstand und mit der Idee der Handlung verflucht wenig zu tun hatte, mir doch die liebste und stärkendste Erinnerung ist«. Eckel hebt in seiner Auslegung dieser Stelle hervor, daß sich das »Kriegserlebnis« erst nachträglich ein- und herstellte: Es erhielt, indem Rothfels in Gedanken immer wieder auf das Schlachtfeld zurückkehrte, »rückwirkend eine neue Bedeutung« und wurde »in der aktuellen Zwangssituation« des Jahres 1917, als der Doktorand sich Vorwürfe machte, weil er am Schreibtisch saß und nicht im Schützengraben, »zum bestärkenden Erinnerungskapital«. An der Quelle bestätigt sich die Prämisse der in der Einleitung ausgebreiteten Methode, durch die sich Eckels Studie von der Wissenschaftshistorie alter Schule abheben möchte. Eckel schreibt Erfahrungsgeschichte. Erfahrung, so erfahren wir, »wird in neueren erfahrungsgeschichtlichen Ansätzen als eine Form der Aneignung von Wirklichkeit verstanden«. Sie besteht demnach »in dem Prozeß der Zuweisung von Sinn oder Bedeutung an bestimmte Ereignisse oder an ein bestimmtes Geschehen, ist also nichts Unmittelbares, sondern enthält bereits ein Moment der Deutung«. Nun ist das Absägen eines Beines zweifellos ein hinreichend bestimmtes Geschehen, dem, wenn überhaupt, erst im Nachhinein und unter Aufwendung erheblicher psychischer Energie Sinn oder Bedeutung zuzuweisen ist. Merkwürdig, daß sich Eckel mit dem Nachweis der Mittelbarkeit der Kriegserfahrung begnügt und den Prozeß der Sinnzuweisung gar nicht näher betrachtet. Wie nämlich erzeugt hier der Erinnernde das Kapital? Durch Umwertung des Erlebniswertes, indem er den Erlebnisgehalt kurzerhand mit dem umgekehrten Vorzeichen versieht. Stärkung zieht er aus der Behinderung, er weidet sich an den hinter ihm liegenden Schmerzen, als bedürfte er des Beweises, daß er überlebt hat beziehungsweise überleben durfte. Daß diese seelenökonomische Rechnung nicht so einfach aufgeht, wie sie auf dem Briefpapier steht, mag man schon daraus schließen, daß Rothfels der so heftig geliebten Erinnerung an das Schwere, das ihm zugestoßen war, gar nicht bedurfte: Wie hätte er es vergessen können, wenn er an sich herabsah?

Über das masochistische Moment dieser Memoria-Übungen geht Eckel hinweg: Der Biograph ist es, der die Harmonisierung der Erfahrungsdaten vornimmt, die er bei Rothfels diagnostiziert. Mit einer medizinischen Metapher stellt Eckel an der historiographischen Produktion seines Probanden »Züge der Selbstimmunisierung« fest. Genauer müßte er von Selbstanästhesierung sprechen. Eckel möchte Rothfels ja nicht bescheinigen, daß er sich gegen die Risiken ideologischer Ansteckung wappnete, sondern entziffert die Schriften des Wissenschaftlers als Protokolle der Schmerzabtötung: »Die realen historischen Zäsuren waren in der Geschlossenheit und Stringenz der geschichtswissenschaftlichen Erklärungen, also in einer Operation, die sich im Zusammenspiel von Deutungs- und Darstellungsebene konstituierte, praktisch zum Verschwinden gebracht.« So leicht soll sich ein Historiker seine Sache gemacht haben, dem es nach eigener Aussage bei Betrachtung seiner Lebensgeschichte das Liebste war, den Finger in die Wunde zu legen? Eckels erfahrungshistorischer Ansatz versteht sich als Anwendung des radikalen Konstruktivismus auf die Geschichtswissenschaft, ist aber nicht so radikal, wie er daher kommt. Ein konsequenter Konstruktivist dürfte die Zäsuren ebenso wenig als real gelten lassen wie die durch fachhistorische Schlußketten fingierte Kontinuität. Wenn Eckel behauptet, daß Rothfels »die gebrochene Gegenwartserfahrung im Medium der Geschichtsschreibung homogenisierte«, ist ihm aus seinem Methodenkapitel der Satz entgegenzuhalten, daß es keine authentischen Erfahrungen jenseits des Textes gibt. Außer einer: der »Erfahrung »moderner« Fragmentierung«.


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Heft 679, November 2005