Märzheft 1967, Merkur # 228

Die Denkspiele des Jorge Luis Borges

von Werner Helwig
Ihnen stehen 59% des Beitrags kostenlos zur Verfügung

Dem jetzt 67jährigen argentinischen Schriftsteller J. L. Borges steht das allmähliche Erblinden gut zu seiner geistigen Figur. Es läßt ihn uns umso mehr als Seher empfinden. Das Geheimnis, mit dem er sich zu umgeben wußte, scheint durch dieses (menschlich betrachtet bittere) Verhängnis bestätigt. Die Nachwehen des Surrealismus wurden durch ihn in eine Form gebracht, den Ultraismus, dem sich unter seiner Führung seinerzeit eine ganze Gruppe argentinischer Schriftsteller verschrieb. Er ist in seinen Geschichten, Legenden, Essays der Schöpfer einer sozusagen intellektuellen Mystik, durchblitzt von ironischen Lichtern. Als solcher hat er uns mit jedem seiner, inzwischen auf Deutsch erschienenen Bücher zu fesseln vermocht. Borges, das ist für uns zum Kennwort einer ganz bestimmten Form von magischer Satire geworden. Wenn man das Gesamtwerk von Rudolf Kassner, besonders den frühen Kassner, zum Vergleich heranzieht, könnte man vermuten, daß eine gewisse Parallelität der Denklinien besteht. Wen würde es wundern, Kassners großartiges Wort »Das Magische ist, wenn man uns richtig versteht, die Idee des Dekorativen« (aus Zahl und Gesicht) in einer der Schriften von Borges zu finden. Daß Borges sich mit den Geschöpfen der »phantastischen Zoologie« beschäftigt, paßt gut zu dieser Vermutung. Ein »Handbuch«, wie der Untertitel seiner Fabeltierschau »Einhorn, Sphinz und Salamander« (übersetzt von Ulla H. Herrera bei Hanser 1965) verheißt, ist es freilich nicht. Dazu fehlt ihm die Systematik. Borges scherzt vielmehr in dunkler Weise mit dem Symbolwesen der alten − und heutigen Welt. Er hat die Tiererfindungen Kafkas und Poes mit in seine Sammlung gemischt. Traumschöpfungen teilweise eigener Observanz sorgen für geistreiche Unverbindlichkeit. So fehlt beispielsweise die Medusa als eines der drei Gorgonen ungeheuer, deren hintergründig-verrückte Beschreibung man doch von Borges a priori erwartet hätte. Im mittelalterlichen Volksbuch des »Physiologus«, dessen Ursprung bis nach Alexandria zurückdatiert werden kann, finden wir sie geschildert als »dicht-bemähnt«. »Von ihren Augenlide geht etwas aus in Gestalt von Flügeln. Ihre Augen sind nach der Tiefe gewendet.« Eben dort finden wir auch − was uns Borges in seinem Basiliskenporträt vorenthält − die ungeheuerliche Mitteilung: »Vom Pferd aus mit der Lanze angegriffen, dringt das Gift des Basilisken durch den Lanzenschaft aufwärts und tötet Reiter und Pferd gleichermaßen.« So wird uns das Buch zu einer fragmentarischen, zur eignen Ergänzung anregenden Sammlung von Skizzen. Wobei anzumerken ist: je mehr Borges, desto fesselnder. Je weniger, desto problematischer, da die Abschnitte, die einfach nur Zitat sind, nicht sorgfältig genug übersetzt wurden. Da wird etwa Platons unter dem Titel »Timaios« bekannte Naturphilosophie »Timeo« genannt. Nicht jeder besinnt sich gleich darauf, hier argentinisch umzudenken. Wenig gefällt uns auch, daß in Verbindung mit der Erörterung der Mandragora-Legenden eine Type wie Hans Heinz Ewers als Gewährsmann vorgestellt wird. Auch scheint es uns unzulässig, die »Versuchung des Heiligen Antonius« von Flaubert einfach nur »Versuchung« zu nennen; das gibt einen anderen Wortsinn. Und »eine Göttin der Mythologie William Blakes« schließlich schafft den falschen Eindruck, daß der Dichter Blake ein Werk über Mythologie geschrieben habe. Schönster, echtester Borges schwingt zweifellos in der Erfindung jenes Buchstabentiers mit, das er Á BAO A QU nennt. Wenn es nicht überhaupt reiner Borges ist. »Um die schönste Landschaft der Welt betrachten zu können« − heißt es da − »muß man zum obersten Stock des Victoria-Turmes in Chitor hinaufsteigen. Eine Wendeltreppe führt zur Terrasse, doch nur diejenigen haben Mut, sie zu besteigen, die nicht an die folgende Fabel glauben.« Und dann kommt die Schilderung eines Nichtwesens, das erst Wesen wird, wenn Menschen sich ihm nähern, um die Wendeltreppe zu ersteigen. Es folgt dem Treppenpilger unsichtbar, wird aber mit jeder erklommenen Stufe sichtbarer. Auf der obersten ist es dann »vollkommen geformt und strahlt ein lebendiges blaues Licht aus«. Steigt der Pilger wieder herab, verliert es im gleichen Maße Gestalt und wird schließlich wieder unsichtbar. [WS, 17.10.2019] »Im Lau-fe der Jahrhunderte ist das A BAO AQU nur einmal zu seiner Vollendunggekommen«, versichert Borges, der esvielleicht, je blinder er wird, je höherer steigt, wirklich gänzlich sehen wird.Ein Teil seiner philosophischen Es-says erschien inzwischen auch bei unsunter dem reizvoll vieldeutigen Titel»Geschichte der Ewigkeit« (übersetztvon K. A. Horst, Hanser 1965). Ge-meint ist die Wandlung des BegriffesEwigkeit in der Geschichte des Men-schen. Der knapp 25 Seiten umfassen-de Titelaufsatz beginnt mit dem Auf-takt: »In jenem Passus der »Ennea-den«, in dem die Frage nach dem We-sen der Zeit und wie sie zu definierensei, gestellt wird, heißt es mit Nach-druck, es sei unumgänglich, zuvor dieEwigkeit zu erkennen, die — wie jeder-mann bekannt — die Musterform undder Archetyp der Zeit sei.« Die Wen-dung »wie jedermann bekannt« be-müht uns sofort auf das Roß der ho-hen Bildung. Aber erst auf Seite 3 er-fährt der eifrige Leser, daß es sich umdas Werk des Neuplatonikers Plotinus(205-270) handelt. Die schriftliche Dar-stellung seiner Lehren wurde von sei-nem Schüler Porphyrios in sechs Enne-aden zu je neun Abteilungen, dassind insgesamt 54 Abhandlungen, zu-sammengefaßt. Enneade will also Neu-nergruppe bedeuten, wobei zahlenkul-tisch die stufenweise zu vollziehendeEinweihung in die Lehre mit gemeintist. Das aber steht alles nicht da beiBorges.Das heiter-dunkle Spiel mit demgroßen Ungefähr narrt den Leser auchmit der Behauptung, daß »eine philo-sophische Schule Indiens« die Gegen-wart negiere, indem sie deren Ungreif-barkeit ins Feld führe. Bitte, welcheSchule, wann und wo? Das alles ge-mahnt an die Gepflogenheit der Sym-bolisten unserer Spät- und Nachroman-tik, ihre Schriften mit prunkhaftenMotti aus der gnostischen Antike aufzu-schmücken, deren Ursprung nirgendsnachzuweisen ist. Wahrscheinlich fän-de man bei ausführlichem Herumsu-chen doch noch Borges’ Ausgangspunk-te bei Plotin. Die Frage erhebt sichjedoch: erschwert Borges das absicht-lich? Spielt er lächelnd den Herme-tiker? Hat er sich darauf kapriziert,uns unterhaltende Metaphysik zu lie-fern? Das Nachwort des Übersetzersnennt verschiedene Veröffentlichungen,aus denen die vorliegende Auswahlgespeist wurde. Es wird auch daraufhingewiesen, daß die »ausgesprochenliterarischen Essays« in einem geson-derten Band folgen werden. Nun, »li-terarisch ist hier alles«, wie ein klugerKritiker dazumal über die Bilder desChiricos urteilte, die übrigens gele-gentlich als bildnerische Erläuterungzum Werk Borges’ zu verstehen wären.Kurzum: Wir können uns nicht rechtvorstellen, wie die einen Essays »aus-gesprochen« von den anderen solltenunterschieden werden können. Grenz-fälle werden es immer sein. Wie etwadie im Band der philosophischen Essaysanzutreffenden scharfsinnigen Unter-suchungen zu Coleridge und Keats, dieebenso in den nun auch erschienenenEssays zur Literatur (»Der Eine unddie Vielen«, ebenfalls in der Über-setzung von K. A. Horst bei Hanser)stehen könnten. Denn die Untersu-chungen, die Borges literarischen Ge-genständen angedeihen läßt, habenihren Hauptsinn in der Absicht, eineneue, sozusagen nicht-literarische Po-sition zu begründen.Diese Position ist nicht leicht »be-ziehbar«. Sie hat ihre Mitte ausschließ-lich in der Persönlichkeit des Autorsselbst. Man müßte also Borges sein


Weitere Artikel von Werner Helwig