Märzheft 1957, Merkur # 109

Die Dramaturgie der Entfremdung

von Hans Magnus Enzensberger
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Von einer Theaterkrise zu reden, hat die Kritik angesichts glänzend neu eröffneter Häuser, steigender Besucherzahlen, florierender Festivals sich in Deutschland abgewöhnt. Das Schlagwort, vom Schicksal aller Schlagworteereilt, ist aus der Mode gekommen. Geblieben ist die Misere einer Dramatik,die nicht mehr unserer Lage entspricht, einer Dramatik des Als-Ob.„Der Schauspieler verleiht sich zwar durch angeklebte Bärte noch dieGunst, seine existentielle Monotonie in sogenannte Figuren zu überlagern,dann hebt er den rechten Arm und dann den linken, das gibt sich als Aus-druck, fuchtelt er mit beiden Extremitäten, so ist das schon Schrei undkreatürliches Sichwinden, aber in Wirklichkeit nichts anderes als Leichen-fleddern und Angeberei.“ So schrieb Gottfried Benn schon 1945 im „Ptole-mäer“, und er fügte, weniger keß, aber präziser, hinzu: „Eine Konstruktionnach psychologischen Gesichtspunkten mit dem Ziel von Charakterumwand-lung, Zusammenprall aus familiären oder weltanschaulichen Gründen, kurz,was man Drama nennt, oder nach aristotelischen mit Raum und Zeit — daswäre heute wirklich primitiv.“ (Einleitung zu Wystan Hugh Auden, Das Zeit-alter der Angst.) Ärgerliche, sehr kategorische Sätze: doch haben unsere Dra-matiker sich mit ihnen nicht auseinandergesetzt. Ganz unabhängig von den

Axiomen der Ästhetik, aus der heraus sie Benn formulierte, können sie Gül-tigkeit beanspruchen, solange niemand sie Lügen straft. Was wir auf unserenBühnen konstatieren, ist öder Amüsierbetrieb, subventionierte Erbauung, ge-sellschaftliche Repräsentation. Wo Kritik als Dramaturgie sich zeigt, verbleibt sie im Gehäus herkömmlicher Form. Gemessen an den poetischen Standardsmoderner Lyrik ist das Schreiben von Stücken arg ins Hintertreffen geraten.Mag man uns um die Stabilität unserer Theaterstruktur immerhin beneiden,mag man Mut und Tüchtigkeit mancher ihrer Funktionäre rühmen: eineInstanz, welche die träge Masse des Betriebs überwände, welche aus einertiefern Krise als der des Kassenreports die Konsequenzen zöge, gibt es hier-zulande nicht. Frankreich besitzt sie in Gestalt des Avantgarde-Theaters.Avantgarde: ein ärgerlicher Begriff, scheel angesehen nicht allein vongähnend-gestrigen, sondern auch von fortschrittlichen Kritikern, die seineDialektik durchschauen. Es ist hier nicht der Ort, die Aporien der Avant-garde zu erörtern. So hülsenhaft das Wort sein mag, so echt ist die Nötigung,es hier in den Mund zu nehmen. Für das französische Theater ist es zu einertraditionell gefestigten Vokabel geworden, von der jedermann weiß, was siebesagt.Seit 1887, dem Jahr, da Antoine das Theätre Libre begründete, minde-stens aber seit 1893, seit Lugnes-Poes Aufführung von Ibsens „Rosmersholm“im Theätre de l’CEuvre, verfügt die Avantgarde in Frankreich über eigeneHäuser, eigene Autoren, eigene Regisseure, über Kritiker, die sie rühmenund beschimpfen, und über ein Publikum, das sie bejubelt, sowie über eins,das sie auspfeift. Die theatralischen Taten Alfred Jarrys und Antonin Ar-tauds (dessen noch zu gedenken sein wird) markieren weitere Wendepunktein der Entwicklung bis zum zweiten Weltkrieg hin. Daß diese Avantgardeunzählige Male totgesagt wurde, besagt wenig, ja, es gehört zu ihrem Lebens-gesetz; eine der Todesursachen, die in den letzten Jahren mit Vorliebe ge-nannt wurden: eben diese ihre Zählebigkeit, ihr hohes Alter, ihre Tradition,wird merkwürdigerweise gerade von jenen angeführt, die sich auf die Seitedes Herkömmlichen geschlagen haben. Ihr Argument, eine Avantgarde, dieTradition habe, ließe sich schlechterdings nicht denken, trifft freilich zukurz. Die logische Volte, die solche Kritiker vollführen, soll es ihnen ersparen,mit den erschreckenden und provozierenden Erscheinungen fertig zu werden,die ihnen die Avantgarde Jahr für Jahr beschert. Der salomonische Hinweis,es gebe nichts Neues unter dem Schnürboden, all das sei, vulgär gesprochen,schon mal dagewesen, dient dazu, die Phänomene gewissermaßen zu über-springen. Derartige Akrobatik ist auch in Deutschland nicht unbekannt; sieist hier gefährlicher, weil sie die Wiederherstellung eines literarischen Konti-nuums zu verhindern trachtet. Willman der Avantgarde den Prozeß machen,so kommt man nicht darum herum, ihre Produkte genauer zu betrachten.Jedes Avantgarde-Theater ist in seinem Ansatz nonkonformistisch. Es be-ginnt mit der Weigerung: mit jener Komplizität, die Geheimnis und Rezept


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