Augustheft 1962, Merkur # 174

Die Edda der Azteken

von Werner Helwig
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Daß es eine indianische Edda gäbe, also eine nachträglich und unter veränderten (oder beerdigten) nationalen Verhältnissen aufgezeichnete Götter-, Helden- und Kultusgeschichte, die uns glaubwürdige Aufschlüsse über Hoch-Zeit, Niedergang und Ausmordung der Azteken vermittelte, erfuhr ich 1927 zum ersten Male in Friedrichsegen an der Lahn. Dort hatte der rheinische Großindustrielle Multhaupt dem Forscher und Dichter Ernst Fuhrmann ein Haus zur Verfügung gestellt. Ernst Fuhrmann, zweifellos eine der bedeutendsten geistigen Persönlichkeiten unserer Zwanzigerjahre und neben Spengler, Frobenius oder Hermann Keyserling durchaus memorabel, aber durch zeitliche Überholungen in Verlust geraten – und dank der Tatsache, daß er der Stilisierung der Sprache in seinen ethnologischen und biologischen Schriften keine Bedeutung beimaß, auch literarisch durchgefallen − war der Überzeugung, daß seine Lehre von so eigentümlicher Potenz sei, daß sie nicht untergehen könne. Besagte doch diese Lehre nichts Geringeres, als daß einmal errungene Werte, im Natur- wie im Geisteshaushalt, ihre Stufe behielten und von ihr aus weiterwirkten. Ernst Fuhrmanndarf sich also damit zufriedengeben, daß seine Anregungen, bewußt oder unbewußt, in der neueren Biologie, vor allem auch in der neueren Ethnologie ihre Fortsetzung oder Übersetzung oder sonst wie geartete Aufarbeitung erleben. (Er starb in der Emigration in einem Zimmer in New York, wo sich die Manuskripte an den Wänden häuften, während ihr Kompilator von Tee und Butterbroten lebte.) Ich war damals Gast − oder wenn man so sagen will: Schüler Ernst Fuhrmanns und erlebte in diesem Zusammenhang die Ankunft eines höchst aufregenden großformatigen Buches, das von Fuhrmann mit sozusagen fürstlichen Ehren empfangen wurde. Das war die »Edda« der Azteken, die wir nach dem Namen des Mannes, dem sie zu danken war, das »Sahagún« nannten. Der Franziskanerpater Bernardino de Sahagún kam 29-jährig, acht Jahre nach der Usurpation des Aztekenreiches durch den spanischen Abenteurer Hernán Cortés, nach Mexiko. Er gehörte zu den wenigen, die damals zu erkennen vermochten, daß hier der blutige Schlußpunkt hinter Entwicklung und Bestand einer völlig jenseits aller christlich-abendländischen Vorstellungen beheimateten Hochkultur gesetzt worden war. [WS, 16.09.2019] In der 1535 von Kaiser Karl V. auf dem


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