Juniheft 1966, Merkur # 219

Die entzauberte Osterinsel

von Werner Helwig
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Der drei Tonnen schwere Ballastkiel aus Blei hatte unsere 10 m lange Yacht zuverlässig durch den Sturm gerettet, der uns am 5. Tag nach Verlassen der Marquesas-Inseln ansprang und trotz allen Lavierens weit vom Kurs abtrieb. Wo wir uns befanden, wußten wir nicht mehr. Als Wetterberuhigung eingetreten war und wir mithilfe einiger Sonnenhöhen unseren Lagepunkt bestimmen konnten, machten wir alle Segel auf, um schleunigst auf unsere alte Fährte zurückzukommen, denn wir wollten den »Nabel der Welt« genau so auftauchen sehen wie der holländische Admiral Roggeveen, als er am 5. April 1722, dem heiligen Ostertage, das einsamste aller Eilande inmitten des Stillen Ozeans als erster Europäer entdeckte. (Auch ein Deutscher fand sich unter der Besatzung. Er notierte seine Eindrücke. 160 Jahre später war es ein deutsches Kanonenboot, das dort Forscher absetzte. Sie brachten eine große Sammlung von Altertümern und Gegenständen für die Museen in Berlin, Hamburg und Dresden mit.) Am Morgen unseres 22. Segeltages bekamen wir, immer wenn uns die walfischnackige Dünung emportrug, die Osterinsel in schwach gezeichneten Umrissen vor das Glas. Sie unterschied sich, was ihre vulkanische Gestalt betraf, deutlich von anderen Inseln des polynesischen Archipels. Das waren nicht die gleichen hochgezipfelten Berge wie in Tahiti oder Rapaiti, die im Flor eines moosigen Grüns emporstrebten, sondern langgestreckte Gebirgsmassen, gehobenen Ebenen gleich, von nackten dunklen Kuppen markiert.

Ein kahler Kleinstkontinent, mit seiner dreieckigen Gestalt an Sizilien gemahnend, aber nicht von einem Aetna inmitten beherrscht, sondern von mehreren erloschenen Vulkanen, deren größte wie in beabsichtigter Symmetrie die drei Küstenecken bilden. Nichts Tropisches, keine Palmendickichte. Und Haufenwolken, wie über den flachen Kratern aufgetürmte Schlagsahne, glitten mit kaum wahrnehmbarer Fahrt westwärts. Wir hatten uns Repanui, wie die Insel heute von ihren Eingeborenen genannt wird, anders vorgestellt. Eine mit Enttäuschung gemischte Erregung bemächtigte sich unser. Das Vorgefühl bestätigte sich, als wir mit den Eingeborenen Kontakt nahmen. Wo auch immer wir anlegten, ob in der schön geschützten Bucht von Anakena, oder in Hotuiti, oder Vinapu, direkt unterm Krater des Rano Kao, der, wie alle Vulkane der Insel, sich als Regenwasser-Reservoir nützlich macht, überall begegnete man uns mit geschäftiger Neugier, aber menschlich indifferent. (Es gibt keine Quellen auf der Insel. Was hier an Wasser gebraucht wird, dankt sich den Niederschlägen. Es hat einen tonigen, stumpfen Geschmack. Wir fragten uns, was es auf Menschen für Wirkungen üben müsse, wenn sie generationenlang nur darauf angewiesen sind.) Nur die Mädchen, Frauen und Kinder zeigten freundliche Teilnahme; von den Männern nur jene, die Aufseherfunktion in der von Chile her in gigantischen Ausmaßen betriebenen Schafzucht versehen. Wir sollten bald erfahren, was der Grund der Zurückhaltung war. 1955 und 1956 war der norwegische Kontiki-Fahrer und Ethnologe Thor Heyerdahl mit einem Expeditions-Schiff hier gewesen. Seine Mannschaft, seine Helfer hatten Spuren auf der Insel gelassen, wie sich das ja in solchen Fällen von selbst ergibt. Wir nun glichen jenen in Typus und Gestalt. Mein Kamerad Gunnar sogar auch in der Sprache. Das alles aber wäre, nicht anders als auf jeder beliebigen Südseeinsel, ohne Belang gewesen, wenn nicht − doch um das zu erklären, müssen wir auf eine andere Ebene umsteigen. Der vorgeschichtliche Schauer ist ein heute gern und oft bemühtes Narkotikum. Es verbindet uns mit »natursichtigen« Kulturen, in denen das Kleinhirn herrschte und der zaubertätige Mensch die Differenzen mit der Schwerkraft möglicherweise auf magischem Wege bereinigte. Wir erholen uns beim Anträumen dieser paradiesischen Seinslage von den Gewaltsamkeiten unserer Großhirnepoche, trauern dem Homo divinans nach und meinen, die Menschheit hätte, angeführt von Europa, bei schlechter Gelegenheit zwischen den zwei Wegen − Magie oder Technik − den letzteren gewählt und damit Herrliches preisgegeben. Etwa: von Seele zu Seele drahtlos zu telepathieren oder ungeheure Lasten nicht mittels kostspieligen Kranen, sondern, viel billiger, durch Levitation zu bewegen.

Es gibt ernstzunehmende Leute, die das Wunder des Pyramidenbaues, die Mauern der Inkas, das Tor von Tiahuanaco und andere Gegebenheiten prähistorischer Kolossalarchitektur damit erklären, daß zu jenen Zeiten raffinierte, gleichsam naturgebundene Tricks bekannt waren, denen gegenüber unser Maschinenpark wie eine künstliche Wiedererweckung kreidezeitlicher Tiergiganten anmutet. Gemach. Wir haben es mit Wunschträumen zu tun, denen wir je nach Selbstbeschaffenheit diese oder jene Auslegung geben können. Es verhält sich mit der Wahrscheinlichkeit bei diesen Dingen durchaus so, wie mit den Aussagen jenes famosen Indianerhäuptlings, den eifrige Ethnologen mit Feuerwasserspenden und reichlichen Geschenken dahin brachten, ihnen ganz genau das als geheiligte Stammes-Überlieferung zu erzählen, was sie ihm eingaben. Zu den Pilgerzielen europäischer Wunschträumer gehört neben der steinzeitlichen »Sternwarte« Stonehenge, neben den Felsbildern in der Sahara, neben den präkolumbianischen Ruinen seit einigen Dezennien auch die Osterinsel. (»Eine seltsame Legende behauptet, daß Lhasa der weiße Pol der Welt ist, während der schwarze Pol auf der Osterinsel liegen soll. Die dort befindlichen riesenhaften Monolithe sollen die schädlichen Wellen abfangen, um den Gegenpol Lhasa davor zu schützen. Diese Statuen dürften gewissermaßen die »mineralische Wesenheit« der magischen Kreise gewesen sein und fingen die Gegenstöße auf, wenn die Zauberkünste der Hexenmeister die Person nicht trafen, auf die sie gerichtet waren«, vgl. Robert Charroux: »Phantastische Vergangenheit«, Herbig, 1966.)

Ein zum größten Teil belletristisch gestimmter Forschungseifer hat sich der insularen Rätsel angenommen. Keinem von uns sind jene sonderbar steilen, halbmondförmigen Profile, von den Eingeborenen Moais und Arikis genannt, unbekannt geblieben. Sie ragen allenthalben aus dem Boden, Schläfern gleich, die, vom Donnern der Vulkane geweckt, in gelassener Pose erstarrten. Was hat man diesen, gewissermaßen an die Holzschnittphysiognomien unseres Frühexpressionismus, eines Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff erinnernden Hochköpfen aus Tuffstein alles angedichtet? Das wurde anfangs der dreißiger Jahre deutlich, als der Wortführer der französischen Surrealisten, André Breton, für die mysteriösen Steinhäupter, die der Insel zu ihrem Ruhm verhalfen, die ganze abendländische Antike in Kauf gab: »La Grece n’a jamais existe«. Laienforscher traten mit phantastischen Behauptungen hervor, um Atlantis-Spekulationen (das Land »Mu«), illusionäre Abstammungslehren (Ortung des Paradieses) oder gar Marsmenschenlandungen mit der Osterinsel in Verbindung zu bringen. Sehr zum Leidwesen dieser Träumer haben wir heute die Möglichkeit, Gestein, an dem sich Spuren organischer Stoffe finden, durch C-Test zu datieren und damit jeder hypothetischen Mutmaßung zu entziehen.

Dabei hat sich, nach den Ermittlungen des französischen Forschers Alfred Metraux’, der 1954 die Insel aufsuchte, ziemlich unumstößlich ergeben, daß die Steinplastiken bestenfalls ein Altar von 4−5 Jahrhunderten für sich beanspruchen dürfen. Auch das Wunder ihrer »Tonnage« hat sich eine Einschränkung gefallen lassen müssen. Metraux hat die Standbilder, bzw. den Tuff, aus dem sie bestehen, auf ihr spezifisches Gewicht hin untersuchen lassen. Die Dichtigkeit des Gesteins beträgt 2,48. Dementsprechend konnten auch die 10 m hohen Statuen nicht mehr als 25 Tonnen wiegen. Das war die erste ernste Einschränkung, die sich das poetische Mysterium gefallen lassen mußte. In Deutschland begann das erregende »Innenleben« der Osterinsel 1926 mit einer Publikation des Inselverlages. Damals versuchte der Journalist Friedrich Schulze-Maizier eine erste populäre Zusammenfassung der auf ihre Geschichte bezüglichen Daten, die er mit eigenen Mutmaßungen ergänzte. Die Fotos seines Buches halten fest, wie es auf der Insel aussah, bevor die neuen Ausgrabungen jenes draufgängerischen Norwegers den Sinnwert nicht nur der Statuen, sondern das Gesicht der archäologischen, historischen und ethnischen Gesamtheit der Insel veränderten. Damit sind viele frühere Überlegungen und Erklärungen nur noch Beispiele dafür, wie schnell scheinbar sichere Annahmen durch unerwartete Funde in Frage gestellt werden können. Seither wissen wir unzweifelbar, daß die Ruinen und Denkmäler der Insel einer enclavenhaft in das christliche Zeitalter hineinragenden Megalithkultur entstammen, also bedeutend »jünger« sind, als der auf Menschheits-Urgeschichte Erpichte hier gerne angenommen hätte. Der als Kontiki-Fahrer weltberühmt gewordene Thor Heyerdahl wollte, unter Einsatz seines Lebens, einer Theorie zum Siege verhelfen, die ihn überzeugte. Ihr zufolge sollten die Polynesischen Inseln nicht nur von Alt-Asien, sondern auch in einander ablösenden Wellen von Südamerika aus besiedelt worden sein. Den Einwand der Amerikanisten, daß es keine Schiffsverbindung mit Floß-Booten über derartige Distanzen hinweg gegeben haben könne, widerlegte er mit seiner geglückten Fahrt im Jahre 1947. Acht Jahre später – so viel Zeit wandte er an die Planung − gelang ihm mit eigenem Expeditionsschiff und einer vorzüglich zusammengesetzten Mitarbeiterschaft von amerikanischen und norwegischen Archäologen eine neue wissenschaftliche Erschließung der Osterinsel-Vergangenheit. Sie nahm ihn fast zwei Jahre in Anspruch. In seiner Taktik unbekümmert hielten ihn für einen wiedergekehrten Abkömmling des Urgeschlechts der Insel und nannten ihn halb im Spaß, halb ernst Seüor Kon-Tiki −, bewältigte er mit seiner typisch skandinavischen Nettigkeitsenergie die Aufdeckung verschütteter oder geheim gehaltener Überlieferungen. Was er zur Klärung der Geschichte Rapanuis beitrug, liegt nun in schriftbildlichen, sprachkundlichen und faktischen Zeugnissen vor. Darunter die merkwürdigsten Dinge: etwa Urnen, die einen genealogischen Kalender der Insulanerfamilien in Form primitiv datierter Haarlocken enthalten; sie wurden in tabuierten Familienhöhlen − Sippenverliesen gleichsam, voller ahnenkultischer Kunstwerke − aufbewahrt und von Heyerdahl ermittelt. Erweisbar indianische Keramiken (deren Nichtvorhandensein auf der Insel bisher das schlagende Argument der Heyerdahl-Gegner war) wurden gefunden. Schließlich konnten sitzende, kniende, hockende Kolossalstatuen, deren Formen auf Peru weisen und die bisher niemand auf der Osterinsel vermutet hätte, aufgespürt und (auch dies Experiment gelang) mit rekonstruierten steinzeitlichen Geräten wieder aufgerichtet werden. Im gleichen Zuge wurden alte rhythmische Arbeitslieder aufgezeichnet, wie sie heute noch bei den Insulanern gebräuchlich sind. Sie sollen denen der Pueblo-Indianer gleichen. Durch Fundamentausgrabungen schließlich brachte Heyerdahl an den Tag, daß viele Moais auf einem Unterbau basieren, der auf sepulkrale Bestimmung schließen läßt. Rufen wir uns kurz ins Gedächtnis, was bisher galt: a) Die mysteriösen Kolosse der Osterinsel sind Zeugen einer untergegangenen vorgeschichtlichen Kultur unermittelbaren Alters. b) Ein Zusammenhang dieser Kultur mit den Inkas und Vor-Inkas ist nicht anzunehmen. c) Die Insel wurde nach dem Erlöschen ihrer Urkultur zum ethnischen Bestandteil Polynesiens und blieb es mit den Resten ihrer Eingeborenenbevölkerung bis heute. d) Diese Restbevölkerung steht der Urkultur der Insel beziehungslos gegenüber. e) Die in ihrem Besitz befindlichen »Sprechenden Hölzer«, Rongo-Rongos genannt, belegen unerklärlicherweise das Vorhandensein einer nichtpolynesischen Bilderschrift, deren Charaktere möglicherweise auf das frühe China weisen. [WS, 15.09.2019] Heyerdahl riskiert demgegenüber weitgehende Korrekturen:1. Es bestand durchaus eine schiffahrtliche Verbindung der Osterinsel zu Süd-amerika. Es muß sogar ein reger Verkehr geherrscht haben.2. Die.einzig für die Osterinsel typischen Kolosse sind Ausdruck eines Ahnenkul-tes, der autochthone Züge trägt, sich aber auf die Landung, Landnahme undKultur- oder Kultbegründung eines sagenhaften Urkönigs bezieht, der heute nochvon den Insulanern unter dem Namen Hatu Matua gefeiert wird.


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