Septemberheft 2010, Merkur # 736

Die Europäische Freiheit. Friedrich von Gentz und der Liberalismus des Staatensystems

von Gustav Seibt
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Das Äquivalent zur Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft ist in der Staatengesellschaft der Friede. Und zwar Friede nicht als bloßer, mit Gewalt bewehrter und dauerhafter Waffenstillstand, sondern der vertraglich geordnete, rechtsförmig ausgestaltete Verzicht auf Gewaltmittel zwischen den Staaten eines zusammenhängenden geopolitischen Raumes. Erst eine solche, wenn auch unvollkommene und vorläufige Friedensordnung sichert ihren Teilhabern die elementare Rechtssicherheit schon in ihrer Existenz, ohne die auch jede freiheitliche Entwicklung im Inneren so gut wie ausgeschlossen scheint. Der längste und mit den gewaltigsten Mitteln geschützte Waffenstillstand der Geschichte, der Kalte Krieg, wurde erkauft mit diktatorischer Knechtung in einer ganzen Welthälfte; er verletzte in Marionettenregimen und von außen gelenkten Demokratien auch die Freiheitsrechte in der angeblich freien Welthälfte. Freiheit in der Staatenwelt ist zunächst die Freiheit der Staaten, überhaupt zu existieren; dann die Freiheit zu autonomer Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Inneren, die Selbstbestimmung, die man besser nicht mit dem Attribut »national« versieht. Permanente Existenzbedrohung und dauernde kriegerische Alarmiertheit setzen der Freiheit selbst in wohlbefestigten Demokratien fühlbare Grenzen: Das heutige Israel mit seinen Mauern, Grenzkontrollen, gesicherten Wohngebieten, mit seinen zurückgesetzten arabischen Bürgern und seinen enthemmten Kriegen gegen feindliche Zivilbevölkerungen ist ein tragisches Beispiel. Der Zusammenhang von innerer Freiheit und äußerem Frieden wurde im Denken der Aufklärung meist umgekehrt verstanden: Eine »republikanische«, also die Gewalten teilende Verfassung war für Kant die Voraussetzung glaubwürdiger Friedensschlüsse und friedlicher Politik; während absolute Monarchien, in denen der Staat und seine Machtmittel Privatbesitz kriegslüsterner, unter Kriegen jedoch persönlich nicht leidender Herrscher war, dem Frieden ebenso abträglich erschienen wie reine, repräsentationslose und daher despotische Demokratien mit ihren tyrannischen Mehrheiten. Das späte 18. Jahrhundert glaubte darüber hinaus an die pazifizierende Wirkung eines Handelsgeistes, bei dem der Wohlstand der Nationen nur im Austausch und für alle gemeinsam gesteigert werden konnte: Kein reiches Land könne unmittelbar neben anderen ärmeren bestehen und reich bleiben, so lauteten Überlegungen, die das merkantilistische Wirtschaftsdenken ablösten. Auch hier wurde eine Parallelität von inneren und äußeren Fortschritten angenommen, in der ausgleichenden Wirkung eines auch kulturell zivilisierenden geselligen Weltverkehrs, dessen sittliche Wirkung bis in Staatsspitzen ausstrahlen sollte. Mäßigung in Zielen und Mitteln der internationalen Politik, vertragliche Verlässlichkeit, Kabinettsklugheit, am Ende auch eine auf zivile Leiden Rücksicht nehmende, eingehegte Kriegsführung sollten die Folge sein. Zwar war die Staatenwelt nicht definitiv rechtlich zu ordnen, weil weder eine zwangsläufig erstickende Universalmonarchie, gar ein Weltstaat, noch die komplette Absonderung staatlicher Einheiten von einander möglich oder auch nur wünschenswert erschienen; doch immerhin glaubten Viele an die zivilisatorische Milderung des aus der Welt nie ganz zu verbannenden, im Übrigen sekundäre Tugenden wie Erfindungsgeist, Kraftentfaltung und Vaterlandsliebe befördernden, am Ende die wettstreitenden Gesellschaften einander sogar annähernden Krieges. Im skeptischen Denken der spätesten Aufklärung erwies sich der Krieg sogar als notwendiger Naturrand der menschlichen Zivilisation, die sich auf allen übrigen Feldern der Natur entrungen hatte; ganz ohne Krieg gäbe es keinen Frieden. Selbst ein oberster Gerichtshof über den Staaten − ein Völkerrechtsregime, wie es unsere Gegenwart anstrebt − müsste seine Schiedssprüche mit Gewaltmitteln, also Polizeikriegen, durchsetzen; ebenso wie es keinen ganzgewaltfreien Staat geben kann − der Staat monopolisiert nur die Gewalt −, ist auch keine vollkommen kriegslose internationale Ordnung denkbar. So hat es der Kant-Schüler Friedrich von Gentz in seinem Traktat Über den ewigen Frieden, der dessen Unmöglichkeit bei aller Wünschbarkeit nachwies, im Jahre 1800 dargelegt. Gentz war es auch, der tiefer als jeder seiner Vorläufer und Zeitgenossen über die Wechselwirkungen zwischen den inneren Verhältnissen der Staaten und dem Zustand der internationalen Politik nachdachte. Den Gedankenstoff zu dieser bis heute nicht überholten Reflexion bot selbstverständlich die Französische Revolution. Unter ihrem Eindruck verschmolz Gentz die systematischen Gedanken Kants zum Ewigen Frieden mit Motiven von Edmund Burkes historisch-anthropologischer Kritik an der Revolution zu einem außenpolitischen Konzept der Europäischen Freiheit; dieses Gedankenamalgam hat Gentz dann unter dem Eindruck der katastrophischen napoleonischen Erfahrung so zugespitzt, dass es in etlichen Zügen selbst in der von Totalitarismen, Terrorismen und neuen Religionskriegsgefahren gezeichneten Situation unserer Gegenwart noch anregend wirkt. Denn die Frage, was Freiheit als Zustand, als Ziel und als Motiv internationaler Politik überhaupt heißen könne, stellte sich zwar jeder Generation seit 1789 neu, aber doch so, dass auf die vergangenen Erfahrungen seit der Sattelzeit bis heute nicht verzichtet werden kann! (Dieser Essay bezieht sich auf folgende Schriften von Burke und Gentz: Edmund Burke/Friedrich Gentz, Über die Französische Revolution. Betrachtungen und Abhandlungen. Berlin: Akademie Verlag 1991. Gentz’ Schrift zum Ewigen Frieden (1800) ist am leichtesten greifbar in Kurt von Raumer, Ewiger Friede. Friedensrufe und Friedenspläne seit der Renaissance. Freiburg: Alber 1953. Die späteren Schriften von Gentz gegen die Revolution und Napoleon wurden seither nicht mehr zusammenhängend ediert, man muss auf die Urausgaben beziehungsweise fotomechanische Nachdrucke zurückgreifen: Ueber den Ursprung und Charakterdes Krieges gegen die Französische Revoluzion (1801) und Fragmente aus der neusten Geschichte des Politischen Gleichgewichts in Europa (1806).)

Die Revolution in Frankreich war nicht nur angetreten, Freiheit und Menschenrechte im Inneren zu verwirklichen; sie nahm auch den aufklärerischen Gedanken, dass Republiken friedliebend seien, wörtlich und versprach der Welt in einem Beschluss der Nationalversammlung am 22. Mai 1790 in aller Form den Verzicht auf Eroberungskriege. Und doch mündete die Revolution schon im Frühjahr 1792 in einen Krieg, der dreiundzwanzig Jahre dauern sollte, dessen Schauplätze zunächst Deutschland und Oberitalien waren und der sich am Ende bis in die riesenhaften Diagonalen von Ägypten, Spanien und Russland ausdehnte. Schon in den neunziger Jahren begann man von einem »Weltkrieg« zu sprechen; Gentz gebraucht den Begriff in seiner Friedensschrift von 1800. Die Menschenverluste waren so gewaltig, dass sie umgerechnet auf die damaligen Bevölkerungszahlen bereits die Dimensionen des Ersten Weltkriegs erreichten. Allein in Russland kamen 1812 über dreihunderttausend Soldaten um; und allein in der Schlacht von Leipzig ein Jahr später noch einmal mehr als hunderttausend. Die Verbreitung der liberalen Einrichtungen der Revolution aus Frankreich nach Europa, Hegel zufolge die Funktion des welthistorischen Individuums Napoleon, kostete vor allem gegen Ende auch Hunderttausenden durch verheerende kriegsbedingte Seuchen das Leben. Zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Epoche der Weltkriege im 20. Jahrhundert musste Europa zu keiner Zeit fürchterlicher bluten als während der Kriege von Revolution und Napoleon. Sonderbarerweise aber haben Europa und selbst Deutschland das heute weitgehend vergessen; der Eroica-Glanz Napoleons und eine beispiellose deutsche Geistesblüte überstrahlen für die Nachwelt oft einen bitteren und mühseligen Kriegsalltag, der sich eher in niederen Quellengattungen wie Kirchenbüchern und Tageszeitungen zeigt. Dass der elegante, unaufdringliche Möbelstil der Epoche von Empire und Biedermeier an der bürgerlichen Basis eine Gestalt der materiellen Verarmung anzeigt, dafür haben wir den Sinn verloren. Zu diesem Vergessen mag beigetragen haben, dass der eindrucksvollste literarische Niederschlag dieser Erfahrungen, Tolstois Krieg und Frieden, auf russischem Boden spielt, den westlichen Leser also exotisch anmutet, während die französischen Nachkriegsautoren Stendhal und Balzac ganz von Napoleon geblendet sind. An den Eskalationen trugen nun die Revolution und ihre Generale, nicht einmal Napoleon, keineswegs allein die Schuld, sondern auch die unberatenen Regierungen des Alten Europa. Selten wurde vor den dreißiger Jahrendes 20. Jahrhunderts auf eine neue, existentielle Herausforderung so kopflos reagiert wie vorallem in Wien und Berlin um 1800; dazu kamen die tatsächlich unhaltbaren staatlichen Strukturen auf dem Gebiet des Alten Reichs, die jede Reaktion lähmten. Trotzdem war für den Zeitdiagnostiker und Geschichtstheoretiker Friedrich von Gentz klar, dass die Quelle der neuen, unerhörten Totalisierung des Krieges um 1800 bei der Revolution in Frankreich lag, bei der Neuartigkeit der von ihr hervorgebrachten Regime, die ganz neue Möglichkeiten und Formen der Kriegsführung eröffnete (Vgl. Ute Planert, Der Mythos vom Befreiungskrieg 1792−1841. Paderborn: Schöningh 2007). Die heutige Unbekanntheit dieser Diagnosen − trotz Golo Manns literarisch glanzvollem, systematisch allerdings rhapsodischem Versuch, die Figur Gentz durch eine Biographie wiederzubeleben − gehört zur allgemeinen Amnesie der Kriegserfahrungen um 1800. Die flammendste Darstellung dessen, was er unter Europäischer Freiheit und ihren Voraussetzungen verstand, lieferte Gentz in seiner auch von Goethe bewunderten Schrift Fragmente aus der neusten Geschichte des Politischen Gleichgewichts in Europa. Sie erschien in dem angespannten Intervall zwischen den Schlachten von Austerlitz und Jena, im Moment der Liquidation des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Das erklärt ihren erhitzten Tonfall, der allerdings bemerkenswert frei von nationalen Anwandlungen bleibt. [WS, 13.09.2019]

Gentz beklagt die »Unterdrückung Europa’s«, das »Hinsinkenseiner alten Verfassungen«, und unter dieser »alten herrlichen Verfassungvon Europa« versteht er das »Föderativ-System, was die Nazionen diesesErdtheils, zugleich so kunstreich geschieden, und so ruhmvoll vereinigethatte« und das nun ins Grab einer gemeinsamen Knechtschaft sinke, in einerungeheuren Monarchie, wo alles verwischt und vermengt wird, historischgewachsene Verfassungen, Gesetze, Urkunden und Grenzscheidungen, undwo sogar die Möglichkeit einer individuellen Existenz zu verschwinden dro-he, im Schlund einer neuen Universalherrschaft mit »alles-verwüstendem,alles-vergiftendem« Charakter.Das griff, nur rhetorisch übersteigert, immer noch einen Gedanken Kantsaus dessen Schrift Zum ewigen Frieden auf, wo es heißt, dass die Idee des Völ-kerrechts die Absonderung vieler voneinander unabhängiger Staaten voraus-setze; dieser Zustand sei besser als »die Zusammenschmelzung derselbendurch eine die andere überwachsende und in eine Universalmonarchie über-gehende Macht«, denn diese führe entweder in »seelenlosen Despotism«oder bei Ineffektivität in die Anarchie. Das war 1795 geschrieben, Jahre be-vor sich mit dem Aufstieg Bonapartes die Frage auch praktisch stellte. Kantgriff dabei immer noch auf die humanistische Kritik am Römischen Reichzurück, deren solide Tradition von Leonardo Bruni im frühen 15. Jahrhun-dert bis zu Johannes von Müller um 1800 reicht. Umso dringlicher wurdedie Alternative von Gentz in der Krise von 1806 wiederholt.Das »europäische Föderativ-System«, wie Gentz es dieser langen Tradi-tion folgend nannte, also die gleichberechtigte Koordinierung des Geschie-denen zu einer höheren Einheit, beruhte auf der Idee des Gleichgewichts.Dieses verlangte nicht gleiche Macht für alle Mitspieler, sondern Gleichheitan Rechten für alle, Große wie Kleine, in einem System, das nicht durch zen-trale Sanktionen, sondern durch wechselseitige Verträge gesichert wird. Essoll gerade auch Kleinstaaten und Republiken vor dem Zugriff der Groß-mächte schützen. Entscheidend für sein Funktionieren ist, dass keine einzel-ne Macht stärker als alle übrigen zusammengenommen wird; es muss immer3 Vgl. Gustav Seibt, Goethe und Napoleon. München: Beck 2008.


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