Septemberheft 1987, Merkur # 463

Die Formen der Historie. Zu einer »Theorie der modernen Geschichtsschreibung«

von Gustav Seibt
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Die gegenwärtige, fast gewaltsame Rückkehr des Historischen ins westdeutsche Bewußtsein hat nicht nur zu einer Erneuerung nationalgeschichtlicher Fragen und Besorgnisse geführt. Auf längere Sicht weit folgenreicher ist, daß die Überwindung der nationalhistorisch bedingten Geschichtsfremdheit auch in der Bundesrepublik einem Prozeß zum abrupten Durchbruch verholfen hat, der sich in den westlichen Ländern langsamer und gründlicher seit Jahrzehnten angebahnt hatte: die Historisierung der Alltagswelt. Daß Gefühle und Gebrauchsgegenstände, die Kindheit, das Sterben, die Sexualität geschichtlich sind, ist nun keine wissenschaftliche Weisheit mehr, die von Randdisziplinen wie der alten Kulturgeschichte verwaltet wird; vielmehr ist die historisierte Lebenswelt erstmals zum eigentlichen Zentrum eines intellektuell-informierten Geschichtsbewußtseins geworden.

Die historische Sensibilität des allgemeinen Publikums orientiert sich − allen politischen Mahnungen und Gegenwarnungen zum Trotz − nicht mehr an der Kontinuität eines nationalen Kollektivsubjekts, sondern an der Fremdartigkeit vergangenen Lebens. Diese Verwandlung hat mit dem Inhalt auch die Form des Geschichtsbewußtseins verändert: geschichtlicher Sinn erscheint heute dezentralisiert, fragmentarisch, in Deutschland nicht selten sogar privatisiert. Das Ganze der Geschichte droht sich in ein Inventar alternativer Lebensformen aufzulösen. Auf diesen langfristigen Vorgang hat die seit einigen Jahren in Deutschland neu erblühte Geschichtsschreibung noch kaum reagiert. Viele ambitionierte Darstellungen treten noch immer im traditionellen Gewand der Nationalgeschichte auf; allerdings sehen sie sich − zumal für Epochen vor dem 19. Jahrhundert − genötigt, ausgiebige alltags- und gesellschaftsgeschichtliche Passagen aufzunehmen, für welche die nationale Abgrenzung des Stoffs ganz offenkundig unsinnig ist. Solche Kompromisse und Ungereimtheiten zeigen, daß das historiographische Formproblem, das von dem neuen, anthropologisch gewendeten Geschichtsbewußtsein aufgeworfen wird, bei uns noch nicht genügend ernst genommen wird. Daß dies so ist, belegt auch die Orientierungslosigkeit einer Kritik, die sich historiographischer Literatur fast ausschließlich mit den Kriterien der fachlichen Solidität und der stilistischen Gefälligkeit nähert. Die Einsicht, daß die Form der Geschichtsschreibung − verstanden als der Modus ihrer Gegenstandskonstitution − zu ihren Erkenntniselementen gehört, ist noch kein wirksamer Teil des öffentlichen Urteils geworden. Angesichts solcher Unsicherheiten kann die von dem Turiner Geschichtsphilosophen Pietro Rossi herausgegebene Theorie der modernen Geschichtsschreibung Aufmerksamkeit beanspruchen (Pietro Rossi (Hrsg.), Theorie der modernen Geschichtsschreibung. Frankfurt: Suhrkamp1987). Von vergleichbaren deutschen Unternehmen unterscheidet sich der Sammelband nicht nur durch die Konzentration auf die zeitgenössischen Probleme, sondern vor allem dadurch, daß in ihm alle international bedeutsamen Positionen der Kritik/ Marginalien letzten zwanzig Jahre vertreten sind (Reinhart Koselleck/Wolf-Dieter Stempel (Hrsg.), Geschichte − Ereignis und Erzählung. Poetik und Hermeneutik. München: Fink 1973; Jürgen Kocka/Thomas Nipperdey (Hrsg.), Theorie und Erzählung in der Geschichte (1979) und Reinhart Koselleck/Heinrich Lutz/Jörn Rüsen (Hrsg.), Formen der Geschichtsschreibung (1982), die als Band 3 und 4 der Theorie der Geschichte bei dtv in München erschienen sind.) Die rasante Entwicklung des historischen Marktes erfordert den Hinweis, daß der soeben erschienene Band auf eine Turiner Tagung des Jahres 1982 zurückgeht. Aber die Lektüre belehrt schnell darüber, daß sich die Lage der theoretischen Diskussion in den letzten fünf Jahren trotz der exzentrischen Bemühungen amerikanischer Dekonstruktionisten und trotz der deutschen Auseinandersetzungen um die Alltagsgeschichte kaum wesentlich verändert hat. Man gewinnt den Eindruck, daß die Debatte, die vor zwei Jahrzehnten mit Schriften wie Arthur C. Dantos Analytical Philosophy of History (1965), Roland Barthes’ Le discours de l’histoire (1967) und Reinhart Kosellecks Historia Magistra Vitae (1967) eröffnet wurde, inzwischen einen vorläufigen Endpunkt erreicht hat. Umso verlockender muß die Möglichkeit anmuten, anhand der Beiträge der durchweg hochrenommierten Autoren − vertreten sind unter anderen Arthur C. Danto, Hayden White, François Furet, Wolfgang Mommsen und Reinhart Koselleck − herauszufinden, was die komplizierten theoretischen Bemühungen für die Praxis erbracht haben: für die Wissenschaftler, die historische Darstellungen verfassen und für die Leser, die in den Büchern ein Bild der Vergangenheit suchen.


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