Aprilheft 1963, Merkur # 182

Die Furien des César Vallejo. Schwarzer Stein auf weißem Stein

von Hans Magnus Enzensberger
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Ich werde sterben in Paris, mit Wolkenbrüchen, schon heut erinnre ich mich jenes Tages. Ich werde sterben in Paris, warum auch nicht, an einem Donnerstag vielleicht, wie heut, im Herbst. Ein Donnerstag wird sein; denn heut, am Donnerstag, da ich dies sage, tun mir meine Knochen weh; noch nie wie heute hab ich mich allein und meinen Weg erblickt von unserm Ende her. (Die von H. M. E. übertragenen Gedichte Vallejos sind den folgenden Bänden entnommen: Los heraldos negros (1918); Poemas humanos (1939); Poesias completas (1949.) Eine zweisprachige Ausgabe wird im Sommer dieses Jahres im Suhrkamp Verlag erscheinen) Tot ist Cesar Vallejo. Eingeschlagen habt ihr auf ihn. Er hat euch nichts getan. Mit einem Stock gabt ihr ihm Saures, Saures mit einem Tau. Die Donnerstage sind seine Zeugen, Zeugen seine Knochen, der Regen, die Verlassenheit, die Straßen... Santiago de Chuco liegt dreitausendeinhundertundfünfzehn Meter hoch über dem Meer, in einem entlegenen Seitental der peruanischen Cordillera. Eine schmale, staubige Landstraße war vor siebzig Jahren die einzige Verbindung des Ortes mit der Außenwelt. Sie ist es heute noch; über ihre endlosen Haarnadelkurven kriechen die Lastwagen, die das Erz aus den primitiven Kupferminen, den Blei- und Wolframgruben der Provinz zur Endstation der Stichbahn bringen, die fast hundert Kilometer talwärts liegt. Die Bahn führt zu einem kleinen Erzhafen an der pazifischen Küste. Auch das Schlachtvieh von Santiago de Chuco wird dort verladen, der Weizen, der Schinken und der Käse; dazu ein paar Kisten voll Strohwerk, Sattler- und Töpferarbeit. Davon leben die Einwohner von Santiago; heute sind es viertausend, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren es halb so viel. Die Reise nach Lima ist weit, sie dauert vier bis fünf Tage; die Hauptstadt liegt fünfhundert Kilometer weit im Süden. Während der Regenzeit gleicht Santiago einer Falle: die einzige Landstraße ist dann wochenlang unpassierbar. Nur vierzehn Häuser haben elektrisches Licht, die allermeisten sind ohne Trinkwasser und Kanalisation. Auf den engen Dächern der Stadt − denn als Stadt fühlt sich Santiago − wächst Gras. Das nächste Telefon steht in Otuzco. Ein guter Reiter kann es in zwei Tagen erreichen.

Erwachen

Am Tage meiner Geburt war Gott krank. Alle wissen es, daß ich lebe, daß ich böse bin; und wissen nichts davon, daß dieser Januar einen Dezember hat. Denn am Tage meiner Geburt war Gott krank. Es ist ein Loch in meinem metaphysischen Wesen, daran soll keiner rühren; die Zuflucht eines Schweigens, das flammenhoch sprach. Am Tage meiner Geburt war Gott krank. Horch, Bruder, horch... Auch gut. Es ist besser, ich gehe und nehme mit die Dezember und lasse die Januare zurück. Denn am Tage meiner Geburt war Gott krank. Alle wissen es, daß ich lebe, daß ich kaue... Und wissen nicht, warum durch meine Verse, als dunkler Abergeschmack des Sarges, die verschlissenen Winde pfeifen, entrollt von der Sphinx, der ewigen Fragerin in der Wüste. Alle wissen es... Und wissen nicht, daß das Licht schwindsüchtig ist und der Schatten feist... Nicht, daß das Geheimnis alles Getrennte verbindet... daß es der traurige, musikalische Buckel ist, der von weitem verrät, wo die Grenzen im Mittag zur Grenze hinüber gehn. Am Tage meiner Geburt war Gott krank, schwer krank.

Cesar Vallejo hat seinen Geburtstag nie gefeiert. Er wußte Zeit seines Lebens nicht, wie alt er war. Eine zulängliche Biographie gibt es nicht; sie wird nie geschrieben werden. Weite Strecken dieses legendären und exemplarischen Daseins werden immer in jenem Dunkel liegen bleiben, in dem Vallejo gelebt hat: die im Dunkeln sieht man nicht. Als sein Name nach dem Zweiten Weltkrieg, nach zehnjähriger Vergessenheit, in einem jähen Nachruhm aufleuchtete, der ihn zuerst über Lateinamerika, dann über die ganze Welt getragen hat, machten sich die Literarhistoriker des Kontinents an die Arbeit. Schon das erste Datum, mit dem sie es zu tun hatten, zeigte sich widerspenstig. Zwischen 1892 und 1898 schwanken die Angaben über Vallejos Geburtsjahr. Ein zäher Gelehrtenstreit, geführt mit scharfsinnigen Hypothesen, komischer Akribie und pedantischer Erbitterung, heftete sich an dieses Detail; man scheint sich heute auf das Jahr 1892 geeinigt zu haben. Über Tag und Monat aber hadert die Vallejo-Forschung bis heute mit einem Eifer, der astrologisch anmutet. Es ist, als hätte sie sich von ihrem Gegenstand anstecken lassen, als wäre sie vom Dämon jenes Aberglaubens ironisch heimgesucht, den Vallejo, der Atheist, nie aus seinem Gemüt zu vertreiben vermocht hat. Er war ein Mestize wie die Mehrzahl seiner Landsleute, wie fast alle Einwohner Santiagos. Seine Großmütter waren Indianerinnen vom Stamm der Quechua, seine Großväter aber zwei spanische Priester: Vallejos Stammbaum ist der Stammbaum Perus. Sein doppeltes Erbe hat er nie verleugnet. Aufgewachsen ist er als der Jüngste von elf Geschwistern im Hause seines Vaters, der ein geringer Verwaltungsbeamter war. Dort war das Leben arm, patriarchalisch, nüchtern, doch nicht ohne Anstand und Wärme. So, zwischen Entbehrung und Würde, Ehrbarkeit und Bedrückung hat das vorindustrielle Kleinbürgertum, bevor es aufgeschwemmt oder zermalmt wurde, überall, auch in den peruanischen Anden, gelebt.

Himmel und Staub

Wer hat keinen blauen Anzug im Schrank? Wer nimmt kein Frühstück und keine Trambahn, die ewige Zigarette im Mund, in der Brieftasche seinen Gram? Ich, der geboren ist und sonst nichts! Ich, der geboren ist und sonst nichts! Wer schreibt nicht dann und wann einen Brief? Wer hat keine dringende Sache im Kopf? Wer stirbt nicht aus Gewohnheit, heulend vor dem was er hört? Ich, der einzig und allein geboren ist! Ich, der einzig und allein geboren ist! Wer heißt nicht Carlos oder sonst wie Sonst wie? Wer nennt die Katze anders als Katze Katze? Ach, ich, der geboren ist einzig und allein und sonst nichts! Ach, ich, der geboren ist einzig und allein und sonst nichts!

Mit neunzehn Jahren tauchte er in den Städten auf. »Er glich einem entblätterten Baum«, sagen seine Freunde, und auf alten Photographien sieht man einen melancholischen jungen Mann, mager, sehr dunkelhäutig, dunkel gekleidet, über dem steifen weißen Kragen eine weiche, pechschwarze, riesige Mähne, das Profil stark und hieratisch, die Hände groß, kalt und knotig, das Gesicht beherrscht von großen schwarzen Augen, glänzend wie Tollkirschen. Erst in Trujillo, dann in Lima studiert er Literatur und Jurisprudenz. Er zieht in das erste jener elenden Hotels ein, in denen er bis zu seinem Tod leben wird; sein Anzug glänzt, er ist zu oft gebügelt worden; er hat kein Geld. Sein Brot verdient er sich als Volksschullehrer, ab und zu hilft er in einer Zuckerfabrik. Die Salons öffnen sich ihm nicht. Hinter den zauberhaften Fassaden aus der Kolonialzeit ist die triste Arroganz einer anachronistischen Aristokratie zuhause; der schöne Wappen- und Gitterschmuck der Stadthäuser deckt den bornierten Feudalismus, der Peru regiert. Der Provinzler aus Santiago kommt in die Hauptstadt und findet die Provinz noch einmal, matter und unbarmherziger. Die Universität: ein Museum der kulturellen Verzögerung. Descartes gilt als die avancierteste Position des Rationalismus, Auguste Comte als Ausbund der Gewagtheit und Proudhon als satanischer Ketzer. Hoffnungslos wie die Verhältnisse ist der Widerspruch, der sich gegen sie erhebt: die Bohème von Trujillo und von Lima. Wie ein skandalöses Gerücht vernehmen die akademischen Proletarier des Landes die Stimmen Verlaines und Baudelaires. Sie lesen Whitman, Julio Herrera Reissig und den Propheten der modernen lateinamerikanischen Poesie, Ruben Dario aus Nicaragua, an dessen Iyrische Schattenschwäne, Gold- und Elfenbeintöne mancher Vers in Vallejos erstem Buch erinnert. Bohème aus zweiter Hand, unfruchtbar und ohne Ausweg... Nichts erinnert an ihre vergessenen literarischen Duelle, an ihre betrunkenen Eskapaden, ihre erotischen Abenteuer und ihre Selbstmordversuche. Nur ein Smith & Watson-Revolver, der sein Ziel verfehlt hat, geistert durch die Erinnerungen seiner Zeitgenossen an Vallejos traurige Jugend.


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