Januarheft 1959, Merkur # 131

Die Hauptstadt der Erinnerung

von Hans Magnus Enzensberger
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Die Lektüre eines unbekannten Buches ist, genau betrachtet, ein rätselhafter Vorgang. Beherzt tritt der Leserin ein Labyrinth ein, dessen Ausgang ihm unbekannt ist. Wie soll er sich darin zurechtfinden? Jedes literarische Werk ist ein Ganzes, dessen Anfang nur begreifen kann, wer das Ende vorweg kennt. Demnach bestünde das denkbare Publikum, das es ganz versteht, alleinaus dem Autor. Das Dilemma ist philosophisch als der hermeneutische Zirkel bekannt. Der Roman ist ein trompe-l’œil, dem der unbefangene Leser notwendig zum Opfer fällt − ein Opfer, von dem erst der Prüfstein der Wiederholung erweisen kann, ob es, wie meistens, vergeblich war. Der Roman »Justine« des Engländers Lawrence Durrell (Faber, London 1957. Deutsch von E. Kaiser, H. Braem und M. Carlsson, im Rowohlt Verlag, 1958) ist einer derartigen Prüfung gewachsen, ja, er besteht sie auf exemplarische Weise. Für sich betrachtet, stellt er sich als geschlossenes Prosawerk dar. Vom Autor her gesehen ist er jedoch nur der erste Teil eines auf vier Bände angelegten Planes, der sich seiner Vollendung nähert. Davon sind außer »Justine« bereits zwei weitere Bände auf englischerschienen (Faber, London 1958). Sie heißen »Balthazar« und »Mountolive«. Der abschließende Band »Clea« steht zur Stunde noch aus. Was vom Ganzen vorliegt, läßt jedoch bereits wichtige Schlüsse zu, darunter den, daß Durrell das Problem des hermeneutischen Zirkels nicht nur erkannt hat, sondern aus ihm auch eine höchst überraschende Konsequenz zu ziehen wußte. Durrell war bisher einer der großen Unbekannten der englischen Literatur. Er schreibt und publiziert seit den frühen dreißiger Jahren. Von den zehn Titeln, die »Justine« vorangingen, sind die meisten verschollen; Beachtung fanden allein drei Inselbücher über Korfu, Rhodos und Zypern, wo Durrell lange Zeit gelebt hat. In ihnen bewies der Autor eine außerordentliche Begabung zur Landschaft im prägnanten Sinn des Wortes, ein Vermögen, das in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts − ebenso wie in seiner Malerei − recht selten geworden ist. Das Erscheinen von »Justine« hat Durrell über Nacht zu einem Autor ersten Ranges erhoben. Auch dieser Roman ist in mancher Hinsicht ein topographisches Werk. Die Landschaft, die er gibt, ist die Stadt Alexandria. »Die in diesem Roman geschilderten Gestalten sind imaginär... Nur die Stadt ist wirklich«, erklärt Durrell in seiner Vorbemerkung. In der Vielfalt ihrer Rassen, Religionen, Farben und Klassen wirkt sie wie eine babylonische Chimäre, der Inbegriff einer synkretistischen Zivilisation, in der sich Frühestes und Spätes, Nahes und Fernes mengt. Denn soweit wir uns auch vom exotischen Schauplatz im Nildelta entfernt wissen, so bedrohlich sucht uns diese Landschaft heim, wo wir uns auch aufhalten mögen. Der griechische Dichter Konstantin Kavafis, der in Durrells Buch zwar nicht auftritt, es aber unsichtbar allenthalben durchgeistert, hat ein Gedicht geschrieben, das diese Erfahrung ausspricht: »Du sprachst: ›Ich will in ein andres Land, ich will zu andrem Meere gehn, Zu finden eine andre Stadt von bessrer Art als die! Gezeichnet ist der Urteilsspruch für all mein Streben hie: Mein Herz ist − wie ein Leichnam − grab umfangen. Wie lang noch soll mein Geist gebannt in dieser Fäulnis hangen? Wohin mein Auge kreisen mag, wohin ich schau: Zu schwarzen Trümmern meines Lebens ward der Bau, Wo ich so viele Jahre ließ verderben und ins Leere gehn.‹ Denk nicht, daß du in neuen Raum, daß du an andre Meere gingst! [WS, 24.09.2019] Die Stadt wird ziehn auf deinen Zug.Dieselben Straßen schleichstEinher du, wo du bei denselben Nach-barn bleichst,Wankst in denselben Häusern zu denToten.Stets kommst du an in dieser Stadt.Nie — Hoffnung ist verboten —Beut Schiff noch Weg zum Anderswosich dir.Darum, wo du verdarbst dein Leben,hierDurch dieses kleine Loch du zu derganzen Erde Leere gingst.“!)Von dieser Art ist Durrells Alexan-dria, eine metaphysische Landschaft,„teils Fleisch, teils Stein, teils Verbre-chen, teils Phantasmagorie oder Mythe“(Henry Miller). Alexandria ist eineStadt, die in unserem Herzen liegt; undwenn sich Darley, der Erzähler, denDurrell in „Justine“ vorschiebt, „ander eisernen Kette der Erinnerung,Glied für Glied, vortastet“, so tut er esan unserer Stelle. Denn die Erinnerungist es, die zu den Landschaften desmenschlichen Herzens führt.Literarisch ausgedrückt bedeutet das:„Justine“ ist ein analytischer Roman,eine Prosa auf der Suche nach der ver-lorenen Zeit, nach dem verlorenenRaum der „Hauptstadt der Erinnerung“.Radikaler als Proust hebt Durrell dieZeitfolge auf, radikaler ahmt er denlabyrinthischen Gang des Gedächtnissesnach. Die Zeit hört auf, Kitt, Konsti-tuens der Geschehnisse zu sein. Nichtder Fortgang von Ursache zu Wirkungmacht die innere Spannung der Erzäh-lung aus, sondern die Vervollständigungdes Bildes, das sich der Erinnernde vomVergangenen macht. Dabei erläutertjedes hinzugewonnene Teilstück daslückenhafte Ganze, welches er bereitsbesitzt. Der hermeneutische Zirkel wie-derholt sich so im Kleinen mit jedemeinzelnen Fragment. Der englische Kri-tiker Hilary Corke hat sehr richtig be-merkt, daß die Erregung, die „Justine“hervorruft, von der reißenden Spannungeines Films grundverschieden ist. Sieähnelt derjenigen, welche ein Puzzle-spiel erzeugen kann.In der Komposition entspricht einersolchen Erzählhaltung die Verteilungdes Stoffes auf scharf ausgeschnitteneEpisoden, stilistisch seine Bewältigungmit manieristischen Mitteln. Durrellschreibt eine zutiefst alexandrinischeProsa. Es ist seltsam, zu sehen, wiedieser poetologische Begriff hier in seineHeimat zurückversetzt wird: schon inder Antike galt ja Alexandria als derOrt einer äußerst späten, gefährdetenKultur, die sich künstlerisch im Manie-rismus ausgedrückt hat. Zu seinen Mög-lichkeiten gehört von jeher das Zitatals Kunstgriff zur Verfremdung derSprache, und Durrell verwendet es alsepisches Mittel, um die erzählerischeDimension zu erweitern. So zitiert Dar-ley, dem „Justine“ in dem Mund gelegtist, seine ehemaligen Freunde, wie manGeister zitiert, und zieht ihre Notizenund Tagebücher zu Rate.Der Titel „Justine“ verweist — auchdies ein echt manieristischer Trick —auf das zentrale Thema des Romans,indem er den eines berühmten Werkesaus dem 18. Jahrhundert wiederholt.Die „Justine“ des Marquis de Sade,1791 erschienen, war eine rücksichtsloseBefragung der Liebe im Licht einerAufklärung, die vor der Nachtseite desMenschen keineswegs haltmachte. Dur-rell läßt die Figuren seines Romans indem magnetischen Feld von Alexan-dria, dem keine Seele mehr entkommt,die es eingefangen hat, die Pantomimeihrer Leidenschaften bis zu Ende spie-len. Die Choreographie ist äußerst ver-wickelt. Die Figuren verfolgen, ein jederden andern, mit den Augen, so wie ge-wisse Porträts den Betrachter zu be-obachten scheinen. Der Schriftstelle,meistert dieses erschreckende Spiel mitı) „Die Stadt“ in: Gedichte. Deutsch von Helmut von den Steinen. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1953


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