Märzheft 1964, Merkur # 193

Die »Jugendbewegung« in ihrem Widerspruch

von Werner Helwig
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Was wir heute unter dem Begriff »Jugendbewegung« zusammenfassen, entstand in vollendeter Unschuld aus sich selbst, ohne Programm, ohne gedrucktes oder gesprochenes Manifest. Es war da, und plötzlich war es gewaltig, unübersehbar. Aufbrüche von Naturspaziergängern gab es schon vor dem heute als »geschichtlich« angenommenen Entstehungsdatum »Sommer, 1890«. Als ich in Bremen über das Thema Vortrag hielt, meldete sich ein rührender Greis bei mir mit der Behauptung, daß er an »lehrerfreien« Schülerwanderungen mit Kampieren im Wald schon vor 1890 teilgenommen habe. In England waren es die Präraphaeliten, die in kleinen Horden in die Natur ausschwärmten. In Deutschland die ersten Burschenschaftler. So erstaunlich will uns also heute das Phänomen, daß man in die Wälder, auf die Berge zieht, Feuerchen macht, kocht und singt, nicht berühren. Was uns erstaunt, ist vielmehr die literarische Bereitwilligkeit, die mit den deutschen Waldromantikern der Neunzigerjahre aufkam. Auch wenn sie erst ein Jahrzehnt später einsetzte, zu danken ist ihr zweifellos die zunehmende Bedeutungsfülle, mit der die spätere Jugendbewegung sich selbst erlebte. Unzählige Männer setzten sich an ihre mehr oder weniger akademischen Schreibtische und erfanden Gesinnungsformeln, die dann als Schriften, Broschüren, Bücher in die Öffentlichkeit drangen.


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