Juliheft 1978, Merkur # 362

Die Kopfkissenbücher von Anaïs Nin und Claire Goll

von Werner Helwig
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Anaïs Nin, Dr. h. c. der Liebeskünste, intellektuelle Hetäre und als solche vieler namhafter Männer lenkende, leitende, einflußnehmende Freundin, dabei selber unter Einfluß genommen, in Phasen verändert durch jene, denen sie sich zuhielt, immer aber und in erster Linie weiblichen Wesens − sogar darin, daß sie, die lange gut aussah, Begehren stiftend, vom Umworbensein zehrend, ihr Geburtsdatum in Schwebe ließ. 1914? Die Literaturgeschichten versahen das Datum mit einem Fragezeichen. 1906? Auch das war nicht sicher. Jetzt, nach ihrem Tod, sie starb am 14. Januar 1977 in einer amerikanischen Klinik an Krebs, wird 1903 offiziell angegeben. Anaïs hatte eine dänische Mutter und einen spanischen Vater, den Pianisten und Komponisten Joaquin Nin. Dänische Frauen, wenn sie so nach dem Süden hin heiraten und dann noch in die Kunst hinein − da ist immer ein wenig Jens-Peter-Jakobsen-Problematik mit drin. Gauguins dänische Gattin, Rilkes dänische Verfangenheiten, Benns schönes Gedicht »Die Dänin« ... man kennt und ahnt, wie das spielt. Ihr Vater verließ 1915 plötzlich − man kennt, man ahnt − die Familie. Da war sie 12, ein frühreifes Kind, und früh machte sie sich frei, verließ die Schule (in den USA), verdiente sich als Malermodell und Tänzerin ihren Unterhalt und konnte darüber hinaus sogar noch ihre in Not geratene Familie unterstützen. In den Zwanzigerjahren fand sie in Paris den ihrer Selbstentfaltung angemessenen Boden. Entdeckte sich in ihrer Fähigkeit, Menschen, vor allem Männer an sich zu fesseln, und schuf sich einen Kreis von Zustimmenden, mit häufig wechselnder Besetzung. Ungefähr von hier ab datieren ihre Beziehungen zu Henry Miller, der sich willig in ihre Hände gab, zu D. H. Lawrence, dem sie 1930 eine ihrer besten Charakterstudien widmete, um fortan ihr Leben schreibend zu fristen. Maler wie Max Ernst, Dalí, Breton, Miró, Schriftsteller wie Artaud, Williams und Saroyan, später auch der amerikanische Essayist und Literaturkritiker Edmund Wilson, der sie im Romanschreiben unterweisen wollte und hoffte, von ihr geheiratet zu werden: Es gab kaum jemand, der sich damals in den Künsten übte und nicht in den Bann ihrer geistigen und körperlichen Unmittelbarkeit geriet. Nur jene Autoren, die auf ihren immer berühmter werdenden Partys fehlten, bezeichnen ein wenig die Grenzen ihrer Erfassungskraft, etwa Montherlant, Gide, Jouhandeau; sogar der agile Cocteau scheint sie gemieden zu haben. Trotzdem war ihr die Ausdeutung der Homosexualität ein dringendes und sehr gescheit gehandhabtes Anliegen. Zum Durchbruch kamen ihre Tagebücher, man spricht von 130 Manuskriptbänden, aus denen dann seit 1966 Auszüge erschienen, beginnend mit den Jahren 1931−1934, dann 1934−1939 und 1940−1944; der vierte Band, die Jahre 1944−1947 umfassend, erschien letztes Jahr (Nymphenburger Verlagshandlung 1977). Sie stellen Bearbeitungen dar. Mögen sie auch dem Kunstverstand der Autorin als gerechtfertigt erschienen sein − sie war ja im Orchestrieren eine Meisterin − so bleibt dem Leser doch der Wunsch, wenigstens ein paar Abschnitte im Original zu kennen. Das aber scheint sich nicht ergeben zu wollen, oder ist unerwünscht. Denn kaum läßt sich annehmen, daß z. B. die lange Zeit ihres schmerzhaften Ringens mit dem Krebsgeschwür unbeschrieben geblieben sein sollte. Empfand sie 1947 als den Schlußpunkt und was danach kam als fraglich, nicht mehr zugehörig? Oder gar als Widerruf ihrer Lehre vom schrankenlos ausgelebten Eros? Immerhin fehlen bis 1977 runde 30 Jahre, deren Erlebnisinhalt offen bleibt. Mit ihren Romanen freilich hatte Anaïs Nin kein Glück. In privater Werkstatt gesetzt, im Selbstverlag herausgegeben, stiftete sie zwar Debatten im Kreis ihrer Freunde − aber zum Durchbruch kam es nie. Sie selbst beklagte es in ihren gleichlaufend durchgeführten Tagebüchern. Publikationen wie »The House of Incest« (1931), »Under a Glas Bell« (1944), »Childrens of the Albatros« (1947), »A Spy in the House of Love« (1954) waren und blieben Sorgenkinder ihrer Erfolgssucht. Ein bekanntes Wort Rilkes möchte das Malaise andeutungsweise bezeichnen: »Denn irgendwo ist eine alte Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit«. Und das selbstgenießerische Ertragen des Lebens galt Anaïs als Hauptarbeit. Nun liegt uns heute, dank der Aufmerksamkeit eines schweizerischen Verlags, ein Prosawerk aus dem Nachlaß der Autorin auf Deutsch vor: »Das Delta der Venus« (Scherz 1978).

[WS, 15.09.2019] Kurz vorihrem Tod hat sie dem Manuskript nochein Postscriptum mit auf den Weg in diekünftige Öffentlichkeit gegeben. Darinheißt es unter anderem: »Diese Erotika...schrieb ich unter dem Eindruck einervon Männern verfaßten Literatur«. Dasmeint die frühe Zeit ihrer Intim-Bezie-hung zu Henry Miller, bezeichnet alsodie dreißiger Jahre als Entstehungsfrist.Wer es ins Deutsche übertrug, wirdnicht verraten. Und damit ergibt sichschon einer der Einwände, die hier fälligsind. Es ist nämlich ganz dem Stil heuti-ger deutscher Pornoliteratur angeglichen,der ja zur Zeit der Entstehung des Bu-ches noch gamicht gegeben war. Undwir dürfen vermuten, daß Anais damitunrecht getan wurde. Die Erzählprosader decameron-ähnlichen Einzelstückegerät damit in falsche Geleise. Sie wirktwie eine lilarosa Alabasterimitation, auf


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