Novemberheft 1953, Merkur # 69

Die Kunst der Eiszeitjäger

von Werner Helwig
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Vor sieben Jahrzehnten wurde in Nordspanien ım Gebiet des Dorfes Santillana del Mar jene große Bilderhöhle entdeckt, deren Auswertung das Gefälle der prähistorischen Forschung in der Folge entscheidend verändern sollte. Die Anfänge einer bedeutenden menschlichen Kunstübung, nämlich der Malerei, durften in der Eiszeit vermutet werden und somit eine zwanzigtausendjährige Tradition behaupten. Seither häufen sich die Publikationen, die sich mit diesen Urtexten der bildenden Kunst beschäftigen, geistern Features mit Abbildungen und sensationellen Nachrichten durch die Illustrierten und bezeugen ein immer noch zunehmendes Interesse für die so unerwartet zutage getretene Hinterlassenschaft unserer Ur-Ur-Ahnen. Warum erst jetzt, fragt man sich einigermaßen erstaunt. Die prähistorische Forschung blickt auf ein ehrwürdiges Alter zurück, aber von Felsmalereien wußte sie nie zu berichten. Wie erklärt sich das? Nun, sie hatte sie nie vermutet, daher nie gesucht, und das, was ihr zufällig begegnete, nicht ernst genommen. Wodurch änderte sich also ihr Kurs? – Es geschah im Jahre 1880, daß ein spanischer Landedelmann, Herr Marcellinode Sautuola, auf dem Gelände Altamira, das zu seinen Liegenschaften gehörte, nach prähistorischen Artefakten suchte. Es gab da so etwas wie eine verschüttete Höhle, an deren Eingang er Werkzeuge des Magdalenien aus einer Schicht von fettig schwarzer Asche hervorgestochert hatte. Die Sache ließ ihm keine Ruh! Er kam auf den Einfall, den Schutt weggraben zu lassen. Seine Vermutung bestätigte sich. Hinter dem Schutt tat sich eine weit verzweigte Höhle auf. An der einen Hand sein fünfjähriges Töchterchen Maria, in der andern Hand eine Laterne, schickte er sich zu einem gemächlichen Höhlenforscherspaziergang an. Bei dieser Gelegenheit schob er den Vorhang beiseite vor 20000 Jahren menschlicher Vergangenheit. Das heißt − um der Wahrheit die Ehre zu geben − sein Töchterchen tat es. Er selbst hatte die Nase am Boden und suchte, was ihm am Eingang schon begegnet war: Hirschgeweihstücke, die Spuren von Bearbeitung aufwiesen, oder steinzeitliche Küchenabfälle, als da sind Muschelschalen und aufgeschlagene Markknochen. Das Töchterchen also, ziellos und frei der Umwelt zugewandt, entdeckte, was der Vater, zielgebunden, zielblind möchte man fast sagen, beinahe übersehen hätte: die Höhlenmalerei der Eiszeitjäger. Eine Fülle von Tierbildnissen, gemalt in steppengelben, roten, braunen, schwarzen und weißen Tönungen war in ordnungsloser Willkür über Decke und Wände der fast 40 Meter langen und 10 Meterbreiten Haupthalle der Höhle verteilt.

 

Herr de Sautoula beeilte sich, seine Entdeckung der Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen. Die ersten Reaktionen der zünftigen Wissenschaft waren beschämend. Daß man schon geraume Zeit mit prähistorischen Knochenschnitzereien, Ritzzeichnungen auf Steinen beschäftigt war, hinderte sie nicht, die Echtheit der Gemälde von Altamira rundweg in Zweifel zu ziehen. Ihr »moderner« Stil wurde als Gegenbeweis genommen. Die Frische und Pracht der Farben schien das behauptete Alter zu leugnen. Der spanische Edelmann starb, ohne den Triumph seiner Kolumbusfahrt in archäologisches Neuland erlebt zu haben. Im Gegenteil: er wurde in verletzender Weise der Fälschung bezichtigt. Erst als sich in Frankreich den inzwischen rege gewordenen Forschern eine Vielzahl von ähnlich bebilderten Höhlen auftat, wurde die Echtheit Altamiras offenbar. Umso unbezweifelbarer, als man Beispiele fand, wo eiszeitliche Malerei teilweise mit Kalksinter übersponnen war, dessen Schichtdicke es den Geologen ermöglichte, ihr Alter genau festzustellen. − Fast jährlich erreichen uns seither Meldungen über neu erschlossene Bildergrotten, als deren bedeutendste und wahrscheinlich vorläufig letzte diejenige von Lascaux, im Departement Dordogne, anzusehen ist. Es darf angenommen werden, daß Frankreich mit Spanien zusammen eine Art Rettungszone, ein Auffangs- und Sammelplatz der vor den Wetter- und Klimakatastrophen flüchtenden Steinzeitjäger darstellte. Die Stürme der Eis- und Nacheiszeit fegten sie von Norden und Osten her in diesem Winkel des Kontinents zusammen. Weiter ging es nicht. Die grollenden Wogen des Atlantik setzten der unsteten Hetze ein Ende. Das Klima schied sich hier. Die unerbittliche Kälte wurde von Süden und Südwesten her zersetzt und ins Erträgliche verwandelt. Die natürlichen Höhlen in den Fels- und Berglandschaften boten den sichersten Schutz. Und wenn mal für längere Zeit die Südwestströmung den nordöstlichen Eisschüben entgegenwirkte, gab es für die Horden der Eiszeitmenschen gleichsam Ferien von der Not, von der Kälte, von den Höhlen. Da entwickelte sich dann ein paradiesisch freies Leben mit Lederzelten, wie wir sie auf ihren Ritzzeichnungen erkennen, und ständigem munteren Wechsel der Jagdgründe, je nach deren Ergiebigkeit, was uns ihre Tierskizzen auf bearbeiteten Geweihstücken, auf Felswänden und auf Schiefersteinen nachweisen. Die erstaunliche Schönheit ihrer geritzten, geschabten und gemalten oder gekneteten Bildwerke, deren auf uns gekommene Menge sich ständig durch neue Funde vermehrt, läßt darauf schließen, daß das Leben dieser Jäger in jedem Moment ihres Daseins kunstbegleitet gewesen sei. Vielleicht entwickelte sich diese Kunst zum Teil auch aus der Notwendigkeit, das persönliche Besitztum unverkennbar und unverwechselbar zu markieren. Ein solches Bestreben mag wiederum den Ehrgeiz gesteigert haben, die schönst verzierte Waffe, das bestgeformte Handwerksgerät zu besitzen. Daraus wiederum entstand die Zierwaffe, das besonders gelungene Steinbeil, dem man Wunderwirkungen zuschrieb, das unter eigenem Namen dann Persönlichkeitswert bekam, zum kultischen Symbol, zum Feldzeichen einer Horde avancierte und damit zum besonders beschützten, weil begehrten Wahrzeichen wurde, dessen Besitz oder Verlust über Ehre und Unehre, Aufgang oder Untergang einer Gemeinschaft entschied. Dieser Brauch, in einer Waffe Daseinshöhe und Wehrfähigkeit zugleich personifiziert zu sehen, durchzieht das ganze ritterkultische Mittelalter unsres Kontinents mit all seinen namhaften, geweihten und verehrten, auffallend schön gearbeiteten Beilen, Schwertern und Speeren. Die geweihte Waffe oder besser weihende Waffe ging dann wiederum ins Ornament ein. Das stand bald stellvertretend für die Wirkung der Waffe selbst. Es erschien auf den Lederdecken der Zelte. Es wurde als Schmuck selbständig. Kurzum, der Begriff des Schönen, des Harmonischen war geboren, bevor die Sprache, bevor die Schrift eine allgemeinverbindliche Fixierung erfahren hatten. Am Anfang der Zivilisation steht also die Kunst. Und von Anfang an zeigt sie den Zug zur Loslösung vom zweckhaft Zweckbedingten. Menschwerdung und der Sinn für das Schöne, für ästhetische Form fallen also in Eins zusammen. Indessen, es wäre uns wenig mehr erhalten geblieben außer Ritzzeichnungen und Knochenschnitzereien, wenn die Wetterschwierigkeiten den Steinzeitler nicht zeitweise zur Höhlenexistenz gezwungen hätten. Das wochenlange, ja monatelange Eingeschlossensein in die Schutzhöhlen (Klimabunker, sind wir versucht zu sagen) entwickelte mächtig die Gabe der Imagination in ihm. Die Kerkerwand wurde ihm zum Spiegel, in den er seine Wunschträume hineinsah. Der nagende Hunger steigerte die Erinnerung an das begehrte Jagdwild zuerst skizzierter, dann immer genauer nachgezeichneter Wirklichkeit. Holzkohle, verschieden gefärbter Sandstein, Rötel, Kalk, Kreide, Manganerde gab die Idee der Pastelltechnik ein. Die Skizzen an den Wänden entwickelten sich zu farbig getönten Bildern, schließlich zu regelrechten Gemälden, die mit Farbstiften (man hat deren gefunden), Federbüscheln, Borstenpinseln, Fellstückchen und mit flüssiger, auf Röhrenknochen abgefüllter Farbpasta, kurzum mit einer bereits jedes Raffinement berücksichtigenden Technik in den rauhen Malgrund hineingearbeitet wurden. Dies scheint zu erweisen, daß die Kunstübung immer und zu allen. Zeiten und Gezeiten unsres kreisenden Planeten mit dem Menschen zugleich dagewesen sei, daß also die Kunst der Vater der Technik und somit vieler Dinge ist und nicht der Streit allein, wie das berühmt gewordene und vielleicht mißverstandene Wort Heraklits behauptet. [WS, 17.10.2019]


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