Juniheft 1992, Merkur # 519

Die Ordnung der Geschichte. Über Hayden White

von Patrick Bahners
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»Der neue Monarch von Rom, der erste Herrscher über das ganze Gebiet römisch-hellenischer Zivilisation, Gaius Iulius Caesar, stand im sechsundfünfzigsten Lebensjahr (geb. 12. Juli 652?), als die Schlacht bei Thapsus, das letzte Glied einer langen Kette folgenschwerer Siege, die Entscheidung über die Zukunft der Welt in seine Hände legte.« Dieser Satz eröffnet das elfte Kapitel des fünften Buches der Römischen Geschichte von Theodor Mommsen, »Die alte Republik und die neue Monarchie«. Was hier erzählt wird, scheint klar. Daß von Wirklichem die Rede ist, ist kaum zu bezweifeln; der Autor sichert sich mit zwei Zahlen ab, versieht eine sogar ehrlicherweise mit einem Fragezeichen, um anzuzeigen, daß seine Rekonstruktion die Realität nie einholen und immer Fragen offen lassen wird. Nüchterner konnte Geschichtsschreibung wahrscheinlich im 19. Jahrhundert den Ausgang der Schlacht von Thapsus nicht vermelden, mit dem im Gedächtnis der Gebildeten der Freitod des Cato verbunden war. Wo liegt dann die Kunst, die dem Autor den Nobelpreis für Literatur eintrug? Als was wird die Auflösung der römischen Republik, der Griff der Stadt nach der Weltmacht, die Verdrängung des Alten durch das Neue hier dargestellt? Alle diese Vorgänge bildet im Text eine Substitution von Begriffen ab. Der Begriff »Gaius Iulius Caesar« steht im folgenden für den Begriff »Rom« und sogar für den Begriff »Welt«. Das ist die Bedeutung der Geschichte, die Mommsens Satz erzählt: Das Schicksal Roms und die Zukunft der Welt hängen fürderhin von Caesar ab. Die Ersetzung des weiteren Begriffs durch den engeren heißt in der Rhetorik Synekdoche.

Die Synekdoche ist die dritte der vier Redefiguren, die laut Hayden White das Feld möglicher Geschichten abstecken, das die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts bestellt hat: Metapher, Metonymie, Synekdoche und Ironie. Die Synekdoche unterstellt die Entsprechung von Teil und Ganzem, suggeriert Harmonie von Mikrokosmos und Makrokosmos. Mommsens Leser sieht Caesar als das Zentrum dreier konzentrischer Kreise: Rom, das ganze Gebiet römisch-hellenischer Zivilisation, die Welt. Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, daß der Begriff »Caesar« selbst in einer weiteren Synekdoche durch »seine Hände« ersetzt wird. Diese Synekdoche charakterisiert Caesar als Tatmenschen, öffnet das statische, geradezu astronomische Bild wieder für die Möglichkeit von Bewegung, für Geschichte. Die Geschichte, die Mommsen erzählt, hat selbst die Form einer Synekdoche. Hätte er eine andere Redefigur gewählt, hätte er eine andere Geschichte erzählt. Caesar ist das Zentrum von Mommsens Römischer Geschichte. Die Geschichte, die Sir Ronald Syme von Rom erzählt, hat kein Zentrum. Ihr Subjekt sind die aristokratischen Faktionen, die sich ständig neu gruppieren, immer neue Fassaden ihres Willens zur Macht errichten. Mommsens Caesar taugt zum Paradigma jenes autonomen Individuums, das auf Napoleons Pferd durch die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts ritt. Syme hat das Individuum Caesar in einem immer wieder gehaltenen Vortrag zerteilt, aufgelöst in Legenden, Gerüchte und Lügen. (Ronald Syme, Caesar: Drama, Legend, History. In: Roman Papers. Bd. 5. Oxford: Clarendon Press 1987.) Symes Trope war die Ironie.

Daß Form und Inhalt sich in der Geschichtsschreibung nicht trennen lassen, ist die Einsicht von Hayden Whites großer Studie Metahistory, die mit fast zwanzigjähriger Verspätung auf deutsch erschienen ist. Nachdem die späteren Aufsatzbände schon früher übersetzt worden sind, ist die Anschlußfähigkeit für die deutsche geschichtstheoretische Debatte nun voll hergestellt.« Diskussionsbedarf besteht fürwahr. Wenn die Kraft des historischen »Realismus« aus sprachlichen Leistungen erklärt wird, kommt der Historie dann die Wirklichkeit abhanden? Wird der Inhalt von der Form verschluckt? Die Form der Historie zu diskutieren galt den stolzen Disziplinen der deutschen Wissenschaft lange Zeit als unfein. Wo amerikanische literary critics im Wettlauf mit französischen Strukturalisten Grenzen überschritten, da wurden in Deutschland Reviere verteidigt. Die Literaturwissenschaft fühlte sich seit je zu Höherem berufen, und die Geschichtstheorie las die Klassiker nicht, sondern steckte sie ins Korsett der »disziplinären Matrix«. Was sagt Ranke in seinen Vorreden zu Objektivität und Parteilichkeit, Theorie und Erzählung, Teil und Ganzem? Diese Gegensätze, deren heftige Erörterung Sammelband auf Sammelband füllte, hatte White schon früh als Topoi enthüllt, die der Historiker so oder so akzentuieren kann, abhängig von dem, was er erzählen möchte. Ironischerweise beschränkte sich die Rezeption Whites in Deutschland meist darauf, daß er als Gewährsmann für einen solchen Topos bemüht wurde: Geschichte sei nicht nur Wissenschaft, sondern auch Kunst. So war sein Name immer häufiger zu hören, als die Gewitter der Paradigmenwechsel sich verzogen hatten, man Lesbarkeit schon wieder für Literarität hielt und Chronologie für Erzählung. Auch der Autor von Metahistory ist freilich an der verspäteten Rezeption nicht unschuldig. Das Werk ist als Organon der rhetorischen Analyse von Geschichtsschreibung angelegt, aber nicht ausgeführt. Die Studien zu den Geschichtsschreibern Michelet, Tocqueville, Ranke und Burckhardt und den Geschichtsphilosophen Hegel, Marx, Nietzsche und Croce sind bei aller Brillanz keine Musteranalysen. Sie fügen sich der Architektonik des Werks zwar bemerkenswert genau ein, das monumental und eklektizistisch ist wie eine Industriekathedrale des 19. Jahrhunderts, doch das Fundament des Ganzen, die Theorie der Tropen, stabilisieren sie nicht. (Hayden White, Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Frankfurt: Fischer 1991. Bei Klett-Cotta in Stuttgart ist 1986 Auch Klio dichtet oder Die Fiktion des Faktischen erschienen, bei Fischer 1990 Die Bedeutung der Form.)

White klassifiziert die Geschichtsschreibung anhand von vier Typologien, sortiert nach Verfahren »narrativer Modellierung«, »formaler Schlußfolgerung«, »ideologischer Implikation« und eben nach den Tropen. Die Wahl einer leitenden Trope ist eine Vorentscheidung, die aller Modellierung, Argumentation und Ideologie vorausgeht. In einer »Wahlverwandtschaft«, wie White mit einem undeutlichen Bild sagt, ist jede Trope mit einer erzählerischen Großform, einem Erklärungsverfahren und einer ideologischen Farbe verbunden. Die Metapher identifiziert etwas mit einem anderen, sie ist die Trope der Ähnlichkeit. Die Metonymie führt etwas auf ein anderes zurück, sie ist die Trope der Unterscheidung. Die Synekdoche fügt etwas einem anderen ein, sie ist die Trope der Zusammenfassung. Die Ironie enthüllt, daß nichts einem anderen gleicht, sie ist die Trope der Tropen, die als Schein entlarvt, was ihre Cousinen als Sein vorstellen. »Die Metapher ist wesentlich darstellend, die Metonymie reduktionistisch, die Synekdoche integrativ, die Ironie negatorisch.« Wenn der Historiker seine Geschichten im Modus der Synekdoche entwirft, sich die Bewegung der Geschichte also als Integration von Teilen ins Ganze vorstellt, dann wird er dazu neigen, den Geschichten die Form der Komödie zu geben, die die Gegensätze am Ende versöhnt. Dazu passen organizistische Erklärungen und konservative Lehren. Es fällt nicht schwer, Rankes Geschichten als Komödien zu lesen. Rankes Auffassung von der Entwicklung historischer Individualitäten läßt − bei aller Skepsis Rankes gegenüber Naturanalogien − eine Deutung als organizistisch zu. Seine konservativen Ansichten sind bekannt. Vor allem der Begriff der Komödie erbringt eine erhebliche Präzisierung gegenüber der älteren Literatur. Ältere Erklärungen von Rankes viel kritisiertem Optimismus, psychologische wie ideologiekritische, erscheinen nun als reduktionistisch, lassen sich aber in die rhetorische Analyse integrieren. Unklar ist, was der Begriff der Synekdoche leistet. Jedenfalls unterbleibt der Nachweis, daß Ranke diese Trope mit Vorliebe verwendet. Gelegentlich bemerkt White denn auch, er gebrauche die Begriffe Metapher, Metonymie, Synekdoche und Ironie selbst als Metaphern. Was sollte aber heißen, daß es »nur« metaphorisch zu verstehen ist, wenn Michelet seine Geschichte im Modus der Metapher schreibt? Das ist genauso unsinnig, wie Michelets Geschichte »nur« als Metaphernkette zu lesen und davon zu abstrahieren, daß sie von wirklichen Ereignissen spricht. Selten also untersucht White die tatsächliche Verwendung der Tropen, öfter identifiziert er formale Strukturen als Abbilder der Tropen. Eine besonders wirksame Waffe ist die Tropologie im Falle von Autoren, die wähnen, nur nackte Wahrheit ohne allen Schmuck zu bieten, wie es etwa in der englischen Geschichtsschreibung trotz ihrer hoch ausgebildeten literarischen Kultur verbreitet ist. So gelingt White in dem Aufsatzband Auch Klio dichtet der Nachweis, daß die Überzeugungskraft eines Absatzes über das Ende der Weimarer Republikaus A.J.P. Taylors The Course of German History dem ironischen Gestus geschuldet ist, dem beherrschten Spiel mit Schein und Sein, Oberfläche und Tiefe. Und in den Stufen von E.P. Thompsons Making of the English Working Class erkennt White die Abfolge der Tropen wieder, wie er sie bei Vico als Bewußtseinsstufen des historischen Kreislaufs vorgefunden hat: Die englischen Arbeiter nehmen zunächst vage »metaphorisch« ihre Ähnlichkeit wahr, unterscheiden sich dann »metonymisch« von den Besitzenden, schließen sich »synekdochisch« zu einer Klasse zusammen und erkennen am Ende »ironisch«, daß ihre Klasse künstlich, nur »gemacht«, ist. Theodor Mommsen taugt zum Testfall für die Übertragbarkeit von Whites Analyse − nicht nur wegen seiner formalen Brillanz, sondern auch wegen seines Erfolgs beim Publikum. Die Verbindung zwischen einem Historiker und seinen Lesern wird laut White »vortheoretisch, nämlich im Sprachgestus des Bewußtseins kurzgeschlossen«. Was folgt daraus, daß Mommsens Caesarporträt im elften Kapitel des fünften Buches sich nicht nur als eine einzige Synekdoche lesen läßt, sondern wirklich aus lauter Synekdochen besteht? Im Mittelpunkt steht Caesars Herz, als hätte Mommsen das Lehrbuchbeispiel für die Synekdoche memoriert: »Er ist ganz Herz.« Werden aber nicht alle Historisten grau, wenn man Mommsen in die gleiche Schublade stecken muß wie Ranke? Ist die Römische Geschichte eine Komödie? Rom dient Mommsen als Modell des Nationalstaats, und tatsächlich ist die Nationalstaatsbildung der klassische Komödienstoff der Historiker des19. Jahrhunderts, auch Rankes. Die Nation, die sich als Staat organisiert, vermittelt die gesellschaftlichen Gegensätze. Organizistisch ist in solchen Geschichten die teleologische Struktur. Die Versöhnung ist das letzte Glied einer langen Kette folgenschwerer Ereignisse, aber von Anfang an angelegt. Droysens Preußen hatte einen deutschen Beruf, Mommsens Caesar einen römischen: »Von früher Jugend an war denn auch Caesar ein Staatsmann im tiefsten Sinne des Wortes und sein Ziel das höchste, das dem Menschen gestattet ist sich zu stecken«: die Wiedergeburt seiner Nation. Die Mittel änderten sich, »das Ziel blieb ihm dasselbe«. Die Schale wandelt sich, der Kern bleibt sich gleich: Synekdoche. »Alle zu den verschiedensten Zeiten von ihm ausgegangenen Maßregeln bleibender Art ordnen in den großen Bauplanzweckmäßig sich ein.« Wie aber will man den Gegner Bismarcks zu den Konservativen schlagen? Wenn White freilich ideologische Implikationen entziffert, müssen diese mit Parteiloyalitäten nicht übereinstimmen. Und nicht ohne Grund bemerkt das jüngste deutsche Historikerlexikon über Mommsens politisches Engagement: »Als Hist. (im umfassendsten Sinne) wurzelte seine Existenz tiefer.« Gerade daß politische Präferenz des Historikers und ideologische Implikation der Historie auseinandergehen, kann etwas über die Geschichte dieses Historikers verraten: wenn etwa Tocqueville die radikalen Konsequenzen nicht zieht, die seine mechanistische Gesellschaftsanalyse genauso nahelegt wie die von Karl Marx. Man hat vom Drama der Nationalliberalen viel verstanden, wenn man erkennt, daß ihre borussianische Historie zwar inhaltlich von der Verwirklichung der Freiheit erzählte, aber formal eine Geschichte der Herstellung von Ordnung war. Als Oppositionsführer im Reichstag wäre Caesar eine Fehlbesetzung gewesen. Daß liberale Historiker ihrer Geschichte nur noch durch Einführung eines Monarchen als deus ex machina den Komödienschluß der Versöhnung der gesellschaftlichen Gegensätze geben können, läßt sich zur gleichen Zeit auch in England an Macaulay beobachten. Heute hat in Oliver Stones Film JFK der liberale Text einen monarchistischen Subtext: Seit Kennedys Ermordung ist die amerikanische Geschichte keine Komödie mehr. In der Komödie ist das Schicksal eine freundliche Macht, die den einzelnen zwar manchen Irrweg entlangführt, aber allezeit behütet. Gewöhnlich endet die Komödie mit einem Fest, einem Gruppenbild, auf dem jeder seinen Platz findet, weil er sich mit dem Ganzen identifiziert. In Rankes europäischem Konzert vereinigen sich die Staaten zum Schlußakkord: Jeder spielt auf seinem Instrument seinen Ton, das Resultat ist harmonisch, keiner darf fehlen. Auch die Tragödie führt das Schicksal und den einzelnen zusammen, aber unter dem Preis der Unterwerfung des einzelnen. Das Schicksal zerstört seine Pläne, und nur durch Identifikation mit dem Sieger kann der einzelne der Geschichte noch einen Sinn entnehmen, wenn etwa Tocqueville den Sieg der Demokratie, die seine eigene Klasse hinwegfegt, als notwendig erklärt. Tragöden und Komödianten bilden das Justemilieu der Geschichtsschreiber. Wo der Tragöde mittels Metonymien die Welt in Bewegungspartei und Beharrungspartei, Unterdrückte und Unterdrücker, Faschismus und Kommunismus teilt, da herrschen klare Verhältnisse, selbst wenn der Weltbürgerkrieg wütet. Übersichtlichkeit behält auch der Familienstreit, den der Komödiant inszeniert, nur um am Ende synekdochisch zu verkünden, erkenne keine Parteien mehr, er kenne nur noch Deutsche. Komödie und Tragödie sind Mischformen, formale Kompromisse gleichsam als Ideen jener sozialen Kompromisse, von denen sie erzählen; selbst in der Tragödie steckt ein Versöhnungsangebot, indem sie den einzelnen den Gang der Ereignisse wenigstens begreifen läßt, den er nicht billigen kann. Wo der Kompromiß scheitert, wird die Komödie zur Romanze und die Tragödie zur Satire. In der Romanze siegt der einzelne über das Schicksal; der Sieg ist vollkommen, das Schicksal verschwindet; alle Unterschiede, die Komödie und Tragödie mit Metonymien und Synekdochen gesetzt haben, verschwinden in der Metapher, die alles allem ähnlich sehen läßt. Michelet ersetzt in seiner Revolutionsgeschichte den Helden der mittelalterlichen Romanze durch das französische Volk, das seinen Sieg geradezu als mystische Massenhochzeit erlebt. Daß alles wirklich eins wurde, kann Michelet nur darstellen, indem er die späteren Ereignisse der Revolution ausblendet. Der Sieg über das Schicksal ist ein Sieg über die Zeit; die Romanze ist keine Geschichte. Wenn die Romanze, insofern sie die ursprüngliche Einheit des Mythos repräsentiert, noch keine Geschichte ist, dann ist die Satire, die alle Einheit negiert, keine Geschichte mehr. Das Schicksal hat über den einzelnen gesiegt; im Sieg verkehrt sich das Schicksal in den Zufall, dem keine hermeneutische Anstrengung mehr Sinn abgewinnen kann; der einzelne kann sich gegenüber dem, was ihm geschieht, nur noch ironisch verhalten. John Pocock hat in Die Dekonstruktion Europas bemerkt, daß noch niemand eine europäische Geschichte geschrieben hat, als deren Verlängerung die politische Union ins Werk gesetzt werden könnte. [WS, 17.10.2019] Eine solche Geschichte Europas müßte eine Komödie sein; sie müßteim Modus der Synekdoche historisch plausibel machen, was die Politikerimmer nur behaupten, daß die Einheit der Garant der Vielheit ist. EinThatchertreuer könnte den gleichen Vorgang als Tragödie erzählen: Englandgeht nicht in Europa auf; das, was einmal England war, wird von Europaausgestoßen. Daß dasselbe Faktenmaterial zur Komödie und zur Tragödiegeordnet, romantisch verschmolzen und satirisch zerstreut werden kann, isteine der Hauptthesen von Metahistory.Adam Smith entwirft die Geschichte des Kapitalismus als Komödie; daßdie Zahlungsbilanz immer wieder ins Gleichgewicht kommt, garantiert dieunsichtbare Hand. Karl Marx formt das gleiche Material zur Geschichte vonKlassenkämpfen. Die Klassen setzen sich metonymisch gegeneinander ab,siegen nur, um selbst besiegt zu werden, tragische Helden im Kollektiv.Auch Marx verpaßt der Weltgeschichte freilich einen Komödienschluß, ver-schiebt ihn allerdings aus der Gegenwart Britanniens in die Zukunft derWelt: Das Proletariat ist die Besonderheit, die sich zur Allgemeinheit er-hebt, der Teil, der synekdochisch das Ganze repräsentiert. Präzise läßt sich inWhites Begriffen auch das Gemeinsame der Geschichtsphilosophien vonMarx und Hegel bestimmen. Hegels tragische Helden sind die »welthistori-schen Individuen«. Tragische Mikrostruktur und komische Makrostrukturbedingen einander: das ist der Gang der Dialektik, wie Hegel ihn in seinerPhilosophie der Geschichte entwickelt. »Es ist das Besondere, das sich aneinan-der abkämpft und wovon ein Teil zugrunde gerichtet wird. Nicht die allge-meine Idee ist es, welche sich in Gegensatz und Kampf, welche sich in Gefahrbegibt; sie hält sich unangegriffen und unbeschädigt im Hintergrund. «Zwei berühmte Sätze aus dem Achtzehnten Brumaire, in denen Marx dasErbe Hegels für sich reklamiert, haben vielleicht für Whites Poetik derGeschichte den Anstoß gegeben: »Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großenweltgeschichtlichen Ereignisse und Personen sich sozusagen zweimal ereig-nen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andereMal als Farce.« Schon Kant hatte bemerkt, daß die Weltgeschichte, als Trau-erspiel aufgefaßt, auf die Dauer zum Possenspiel wird. Theatermetaphern fürGeschichte sind alt, haben aber nach Alexander Demandts Beobachtung erstim deutschen Idealismus Hauptrollen erhalten.? Hier hat wohl die Französi-sche Revolution mit ihrer Erfindung von Tradition in großen Inszenierungenden Text diktiert. Wenn Marx die Geschichte der Revolutionen von 1789 bis1848 als Ablösung der Tragödie durch die Farce beschreibt, dann dreht er dieGeschichte um, die Michelet von der Vorgeschichte der Revolution von1789 erzählt: »die Komödie wurde zur Satire, die Satire zum tragischen Dra-ma«.Metahistory analysiert die konstruktive Energie der klassischen Ge-schichtsphilosophie historisch, will sie aber nicht historistisch neutralisie-ren, sondern in den Hafen der reinen Sprache retten, geschützt vor den Stür-3 Alexander Demandt, Metaphern für Geschichte. München: Beck 1978.

men unseres Jahrhunderts, die die Schiffe der Hegelianer und Marxisten ha-ben sinken lassen. White zieht die Geschichtsphilosophen den Geschichts-schreibern vor. Die berufsmäßigen Historiker muß diese Zurücksetzungnoch stärker kränken als die Gleichbehandlung mit den Romanciers; auf dieUnabhängigkeitserklärung von der Geschichtsphilosophie, unter die Rankeund Burckhardt in seltener Eintracht ihre Namen setzten, sind sie stolz wiedie Amerikaner. White erkennt keinen sachlichen Unterschied zwischen Ge-schichtsphilosophie und Geschichtsschreibung an, weil er keinen formalenUnterschied erkennt: In beiden Genres gibt es Romanzen, Komödien, Tra-gödien und Satiren. Das ungeformte historische Material erzählt gar nichts.Den Sinn von Geschichten versteht White daher allein als formale Leistung;aller empirische Reichtum wissenschaftlicher Geschichtsschreibung ist da-gegen wertlos. Wo aber die Fachwissenschaft in naivem Realismus die Lei-stung ihrer eigenen Formen vor sich selbst verbirgt, da hebt Geschichtsphi-losophie diese Formen ans Licht. Als Theorie der Bewußtseinsentwicklungerzählt sie, so bei Vico und Hegel, die Geschichte ihrer eigenen Ermögli-chung. Die Verteidigung der »practice of history« (Geoffrey Elton) gegen dieTheorie tut White als disziplinären Egoismus ab, der als ideologischer Prag-matismus Macht gewinnt, indem er mit der Gesellschaftstheorie zugleichdie Gesellschaftsveränderung abwehrt.Gewiß überzeugt Whites Demonstration in Die Bedeutung der Form, wiebei Johann Gustav Droysen (der in seiner Historik die wichtigste Selbstdar-stellung der Fachwissenschaft formulierte) die » mittlere Tonlage« der Rhe-torik die »mittlere Ideologie« der Mittelklassen transportierte; die Arbeitdes Historikers sollte Bewegung und Bewahrung ewig neu ins Gleichge-wicht bringen. Der Ideologiekritiker White nimmt aber die theoretischenArgumente gegen einen theoretischen Zugriff auf die Geschichte nicht ernst.Ganze Provinzen der historischen Einbildungskraft im 19. Jahrhundert blei-ben ihm so unzugänglich. Die Grunderfahrung der geistigen Bewegung, dieman Historismus genannt hat, ist vielleicht die Fremdheit der Vergangen-heit gewesen, die sich nach aller hermeneutischen Anstrengung immer nochals inkommensurabel erweist. Ranke und Burckhardt wollten das Eigene derVergangenheit vor der Aneignung durch den Geschichtsphilosophen inSchutz nehmen. Es ist eine Theorie des naiven Realismus möglich, die alsTheorie gegen Theorie paradox sein muß. Solch eine Theorie muß Whiteverwerfen, weil er den positivistischen Standard einer widerspruchsfreienEinheitswissenschaft anlegt, der dem heutigen Leser die Historizität vonWhites eigenem, in den sechziger Jahren verfaßten Werk vor Augen führt.Die Aufklärung hat laut White die historische Erkenntnis nicht als Problembegreifen können, weil sie Vernunft und Phantasie als Gegensätze auffaßteund nicht als Momente eines Kontinuums. Diese Kritik läßt sich gegenWhite selbst wenden. Zwar entdeckt er Vernunft in metaphorischer, meto-nymischer, synekdochischer und ironischer Phantasie. Aber er fragt nicht, obes nicht vernünftig war, daß die Geschichtsschreibung auf die der Phantasieimmanente Vernunft vertraute, anstatt die Geschichte der Phantasie wiedereinem vernünftigen Schema zu unterwerfen.


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