Augustheft 1959, Merkur # 138

Die Steine der Freiheit

von Hans Magnus Enzensberger
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Wo wohnen heute die Dichter? Tusculum ist zur Spielwiese der Touristen geworden, die Villen am Tegernsee und am Lago Maggiore beherbergen Schlagerkomponisten und Filmstars. Aber auch der Traum der Bohème ist ausgeträumt. Die Absinthkneipen sind blitzblanken Espressos gewichen, die Landstraßen von der Funkstreife kontrolliert. Wo alle maudits sind, gibt es keine verdammten Dichter mehr. Die wenigen, auf die es ankommt, wohnen irgendwo, in der Nähe von überall. In einem großen düstern Haus des sechzehnten Arondissements von Paris, wo das Großbürgertum der Welt seine Hochburg hat, wo eine verfaulte jeunesse dorée in ihren teuern Cabriolets hupende Triumphzüge zur höheren Ehre der algerischen Folterknechte veranstaltet, lebt in äußerster Zurückgezogenheit der deutsche Dichter Paul Celan. Zwischen Packhöfen und Trödlerläden, in einer grauen Fabrikstraße im Norden von London, bewohnt der deutsche Dichter Erich Fried ein kleines, von fröhlichen Untermietern und seltsamen Büchern erfülltes Haus. Im Zentrum von Stockholm erhebt sich über der alten Schleuse, zwischen Alt- und Südstadt, die modernste Straßenkreuzung Europas, ein brausendes Kleeblatt aus Rampen, Brücken und Treppen. An einem kalten, sonnigen Wintertag ist es erfrischend, am Südufer des Mälaren, dessen Eisdecke hinüberglitzert bis zum Stadshuset und zu den Fabriken und Lagerhäusern am Nordufer, eine halbe Stunde lang spazieren zu gehen. Dieser Weg führt bald in stillere Viertel. Wer das Land nicht kennt, mag die großen Wohnhäuser am Strand für bürgerliche Reservate halten. In Wirklichkeit gerät der Fremde in eine ausgesprochene Arbeiterwohngegend: Selbstbewußtsein und Komfort hat sich das schwedische Proletariat schon in den zwanziger und dreißiger Jahren erobert. Dort, zwischen dem ordentlichen Paalsundspark und den kleinen Lebensmittelgeschäften gegenüber könnte der Besucher, wenn er es darauf abgesehen hätte, zu gewissen Stunden des Vormittags einer zierlichen, freundlichen, scheuen älteren Dame begegnen: der größten Dichterin, die heute in deutscher Sprache schreibt. Sprich ihn nicht aus, den Superlativ! Geh vorbei, Fremder! Denn die kleine Wohnung im dritten Stock, deren Fenster auf den weiten See hinausblicken, ist eine Zuflucht, die Freistatt einer Verfolgten. Es ist nicht viel, was die Lexikographen vom Leben der Dichterin Nelly Sachs zu berichten wissen. Sie ist im Jahre 1891 als Tochter jüdischer Eltern in Berlin geboren. Ihre frühen Werke, zum kleinsten Teil in Zeitschriften und Anthologien aus den zwanziger Jahren gedruckt, sind verschollen. Nach 1933 senkte sich ein Schweigen über ihren Namen, das heute noch in jeder Zeile, die sie schreibt, zu vernehmen ist. Ihre Angehörigen und Freunde verschwanden einer nach dem andern. Kurz vor Ausbruch des Krieges gelang ihre Flucht nach Schweden. Die greise Selma Lagerlöf war ihre Fürsprecherin; ein Mitglied des schwedischen Königshauses hat sich für sie eingesetzt. Seitdem hat sie deutschen Boden nicht mehr betreten. Von der Härte und der Not der Kriegs- und Nachkriegszeiten in der fremden Heimat weiß niemand zu berichten. Sie selbst spricht nur von dem Glück, auf den uralten Steinen Schwedens auszuruhen. Mochten sie hart sein: es waren die Steine der Freiheit.

In dieser Zeit schrieb Nelly Sachs das Gedicht: »An euch, die das neue Haus bauen« Wenn du dir deine Wände neu aufrichtest − Deinen Herd, Schlafstatt, Tisch und Stuhl − Hänge nicht deine Tränen um sie, die dahingegangen, Die nicht mehr mit dir wohnen werden, An den Stein, Nicht an das Holz − Es weint sonst in deinen Schlaf hinein, Den kurzen, den du noch tun mußt. Seufze nicht, wenn du dein Laken bettest, Es mischen sich sonst deine Träume, Mit dem Schweiß der Toten. Ach, es sind die Wände und die Geräte, Wie die Windharfen empfänglich, Und wie ein Acker darin dein Leid wächst, Und spüren das Staubverwandte in dir. Baue, wenn die Stundenuhr rieselt. Aber weine nicht die Minuten fort, Mit dem Staub zusammen, Der das Licht verdeckt.


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