Dezemberheft 1964, Merkur # 201

Die Welt der Sagas

von Werner Helwig
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So wie Europa (England und vor allem Irland inbegriffen) generationenlang seine suspekten Trotzköpfe nach Amerika entließ, ohne zu ahnen, welche weltverwandelnde Widerpartnerschaft es sich damit heraufbeschwor, so verabschiedete Norwegen in der Zeit um 800 n. Chr. seine Unbeugsamen nach Island. Ursache war der Schöpfer der norwegischen Einheit, König Harald Schönhaar, dessen Regierungsstrenge seinem Einigungswerk zwar dienlich war, aber die Eigenmächtigen verschnupfte. So kam es, daß Großbauern, Kleinkönige, königliche Clanhäuptlinge ihre Habe zusammenpackten und gen Island zur Landnahme fuhren. Dadurch wurde Island zwar nicht zur Großmacht, aber es entwickelte sich zu einem »Naturschutzgebiet« des frühen Germanentums. Heute, da die falschen Germanenräusche ausgebrannt sind, kann man den Dingen wieder ihren wahren Rang zuweisen. Er wäre etwa mit den Worten zu umreißen: Die Germanen kannten keinen anderen Ehrgeiz als den der Selbsterfüllung um jeden Preis. Deswegen kam durch sie keine vererbbare Kultur zustande; denn Kultur setzt eine Gemeinschaftsstimmung voraus. Sprache allein genügt nicht. Man muß schon eine allen lesbare Handschrift haben, worunter auch Architektur, die bildenden Künste und ein durch sie offenbar werdender Stil verstanden werden soll. Zeugnisse von der Beschaffenheit des germanischen Wesens besäßen wir überhaupt nicht, wenn nicht das Christentum als Traditionswahrer eingetreten und den Islandgermanen die Kunst des Schreibens aufgenötigt hätte. Durch diesen großartigen Erziehungsakt kamen die Sagas auf uns. Nur durch ihn.


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