Juniheft 1973, Merkur # 301

Ein Buch der Selbstversöhnung. Zu Ernst Jüngers Erzählung »Die Zwille«

von Werner Helwig
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Die Bilder, Bücher, Dinge, die einer sammle, gäben Auskunft über den Charakter ihres Eigners, meinte Theodor Däubler, Poet und Kunstinterpret in den Zwanzigerjahren. Aus ihnen ergäbe sich das Geheimporträt des Hausherrn, fügte er hinzu. Mir scheint, man könnte Einwände dazu geltend machen. So den, daß die Gemäldekollektion eines Protzen etwas mit gesicherter Kapitalanlage zu tun habe. Die Sammelobjekte würden dann zwar auch das »Porträt« des Hausherrn ausdrücken, aber auf ironische Art. Auch auf Däubler selbst bezogen, könnten Fehldeutungen unterlaufen. Er hatte nämlich, nach einem Vorlesungsabend, einer begeisterten Dame auf die Frage, was denn nun sein Lieblingsbuch in der Weltliteratur sei, lauthals geantwortet: »Der Struwelpeter, meine Gnädigste«. Das Gesicht der Dame zerfiel vor Schreck. So etwas hatte sie sich vom Präsidenten des PEN, Träger des griechischen Erlöserordens, den man ehrfürchtig mit Exzellenz ansprach, nicht erwartet. Aber als sie unterm Weihnachtsmannbart des Dichters ein verstecktes Lächeln bemerkte, verschwand sie mit beleidigter Miene, ließ sogar die für sie signierten Bücher liegen. – Wer Däubler kannte, wußte, daß es ihm je nach Stimmung durchaus ernst war mit solchen Scherzen. Da mochte er vom Einfluß des Struwelpeter auf das kindliche Gemüt Entscheidendes fürs ganze Leben ableiten.


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