Novemberheft 1987, Merkur # 465

Ein gentiler Herr. Über die Bücher und das Leben von Ror Wolf

von Eckhard Henscheid
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Also, mir ist bis zum heutigen Tag nicht ganz klar, was mir eigentlich teurer ist: das niedergeschriebene Werk oder die lebende Person des Ror Wolf, welche letztere, kurz nach der ersten Berührung mit dem Werk, ich in den Vorfeldstagen der Fußballweltmeisterschaft 1974 kennenlernte und schon nach zwei Stunden ziemlich maßlos liebgewann. Über den Dächern von ausgerechnet Mainz-Lerchenberg, jawohl, Mainz-Lerchenberg mußte es sein, im dumm-macherischen Kreativitätsgerumpel des nahen Frankfurt wäre die Sympathie womöglich nicht sogleich erblüht. Seitdem zog Ror Wolf erst einmal nach Wiesbaden um, dann nach dem südlicheren Zornheim (davon später), jetzt wieder zurück nach Wiesbaden − damals aber saßen wir noch im, ich glaube, 10. Stockwerk eines wohl als hypermodern geltenden Neubau-Hochhauses nahe dem Lerchenberger ZDF und bastelten sofort ziemlich kongenial an einem literarisch-fußballkundlich-komischen Pseudo-Interview; das dann, schwer zu glauben, tatsächlich und sogar als Leit-Text im FAZ-Feuilleton erschien; naja, damals wirkte noch Greiner dort und das Regiment unseres Lautesten konnte derlei schräg Hanebüchenes noch nicht schreiend verhindern (Ror Wolf erinnert sich heute anders: Reich-Ranicki sei im Urlaub gewesen und habe erst nachher aufbrüllen können) − es ging uns aber, meine ich mich wiederum zu entsinnen, bald nur noch sekundär um diesen Unfugs-Text über die optimale Besetzung des deutschen Mittelfelds mit der Hö-Gruppe (Höttges, Hoeneß, Hölzenbein) usw. − sondern, wenn mich nicht alles täuscht, um das Erspüren und Bekunden von − ich hoffe − wechselseitigem Großwohlwollen. Jedenfalls meinerseits um das Vergnügen, die Freude: mit diesem leicht nervösen, fast schüchtern sich gerierenden, freundlichen, angenehm gentilen, ja (doch doch, das ahnte ich damals schon) lieblichen, jawohl lieblichen Manne zusammensitzen, rauchen und als bald Tee trinken zu dürfen, seelensympathetisch seiner hochsonoren, tief melodischen Stimme lauschend. Später kam wohl irgendwie Cognac dazu und ich redete sicherlich zu viel. Wolf gleichwohl lauschte gnädig, ja fast virtuos mir zu. Suhrkamp-Autor war er damals noch und noch ziemlich lange, immer noch »hochgehandelt« und von Durchblickern wie zuweilen auch von eher odiosen Feingeistern als solcher weit höher taxiert als die freilich ungleich handsameren, d.h. verkäuflicheren Suhrkamp-Bannerträger Martin Walser, Weiss, Handke, Achternbusch usw. Ror Wolf war damals längst ein Autor, der die Kritiker (und leider nicht immer die richtigen) sozusagen serienweise zu Lobsprüchen beflügelte − und der damals leider schon kein Publikum hatte, nie ein nennenswertes hatte, bis heute nicht − von sehr hoch geschätzt 1500 Treuehaltern abgesehen, die ihm auch über die relativ unproduktive Zeit der Jahre zwischen 1973 und 1983 hinweg unverbrüchlich die Bücher weggelesen haben. Und das wiederum: daß er weder je achtbare Auflagen noch je einen ihm gewachsenen Verleger hatte noch, war ihm endlich ein einleuchtender, Gerd Haffmans, zugewachsen, mit diesem ein dauerhaftes Auskommen fand; eben dies führt uns spornstracks in die, gleichwertig neben der Gentilezza, zentrale Kategorie des Wolfʼschen Schreibens und Lebens: die des Scheiterns und des Unglücks; eines Unglücks, das aber (so, jetzt erfolgt meine Hauptmitteilung an die lesenden Deutschen, ich hoffe, ich täusche mich nicht mit meiner Hauptthese) eben ein quasi werkkorrespondatives, werkkausales und darüber hinaus ein mehr als ambivalent halbfreiwilliges, ja fast freudenvolles ist. Und dabei gar nichts von beschwerlicher Koketterie hat, nein, schon gar nichts. Weder in der Version von ständig hochgehaltenem und spazierengetragenem Genieleid mal Unverstandenheit; noch von wegen etwa der Bedeutungshuberei, die angemessene Leserzahl rekrutiere sich aus der dritten Wurzel aus der nationalen Population und derlei pathischen Unfug mehr. Sondern im Fall des heute 55jährigen Schriftstellers und Menschen und Alltagsvertreters Ror Wolf fließt aus dem Unglück: allzeit purer Charme. Schwer, es zu vermitteln. Die sozusagen freundlich-freudige Affinität mit einem zumindest maßvollen Unglück, im Zweifelsfall auch mit schweren Schicksalsprügeln; das andererseits spielerisch-lustvolle Manövrieren mit dem Unglück, ja notfalls dessen beharrliches Provozieren − ich bin mir sicher, daß aus diesem merkwürdig schillernden »Syndrom« Wolfʼschen Lebens wie auch Dichtens zumindest meine Sympathie, Freundschaft und Verehrung entsprießt, halten zu Gnaden, auch wenn das auf das obsoleteste aller Literaturverständnisse hinaus laufen sollte. Scheitern, Katastrophen, kleine und große Unglücke aller Art sind nicht nur dem gut fünfzehn Bücher starken Gesamtwerk des Autors Wolf innigst integral. Sondern spielen wie romantisch fließend und schwer abgrenzbar ins bürgerliche Leben hinüber, ganz wunderbar, fast in der Manier eines Gesamtkunstwerks zuweilen − und an ein Wunder grenzt für mein Gefühl auch dies: Ich habe im Leben noch nie sonst einen Menschen getroffen, der so selbstverständlich, so annähernd christlich »demütig« und am Ende gleichzeitig koboldisch in den Unglücken des Lebens wie speziell des Schriftstellerlebens sich bewegt und in ihnen sein Auskommen findet bis hin knapp zum Heiligenschein, wie dieser so unglaublich untypische DDR-Mann, der uns da aus Thüringen herübergeschneit ist, vermutlich und genauer bei Schneeregen, versetzt mit einem gefährlichen Wintergewitter − aber erteilen wir hier dem Dichter besser selbst das Wort, mit seinem genialen und werkübergreifend symbolischen Vierzeiler »wetterverhältnisse«; einem, der in gewisser Weise meine Studie überflüssig macht: »es schneit, dann fällt der regen nieder, / dann schneit es, regnet es und schneit, / dann regnet es die ganze Zeit, / es regnet und dann schneit es wieder.« (Ror Wolf, hans waldmanns abenteuer. Zürich: Haffmans 1985.) Der Menschheit ganzer Jammer greift uns ans Herz und in es hinein und macht das Elend des Ror Wolf zu einem subspecie aeternitatis und zu unserem, um alle drei schnurstracks im Gedichte zu erlösen − allerdings habe ich den Autor und Mitbürger Ror Wolf gleichzeitig in dem Verdacht: Unglückswetter der beschriebenen Trostferne ist diesem Manne, anders als uns, auch Hochgefühl, Triumph; unglücklich, verloren fühlt er sich vermutlich bei Temperaturen zwischen 25 und 40 Grad Celsius; erst ab 40 Grad aufwärts wird’s im Sinne seiner Katastropheninklination wieder spannend. Andererseits spielen viele Katastrophen, Katastrophendrohungen sich zumeist eben auch lautlos ab, wie verhuscht, auch und gerade im friedvoll Harmlosen. Die Gefährlichkeit der großen Ebene, so 1976 der programmatischste unter den schönen Wolfʼschen Buchtiteln, meint fraglos die maßlos kartoffel- und kohlfelderreiche südlich von Mainz, jene, deren erhabene Nichtigkeit Wolf täglich von seinem Lerchenberger Wohnungsfenster aus zu sehen kriegte; sie meint die harmvoll-harmlose und ebendeshalb viel versteckt-tückische von Deutschland insgesamt; und natürlich meint sie den Flachsinn des allzeit waltenden und walkenden Lebens als realsymbolischen solchen, des Lebens, in dessen etwas verschrumpelter Landesmitte sich’s versteckt und gleichsam kafkaisch sich kleinmachend einer gleichwohl eingerichtet hat: ein sehr normaler, gewaltig freundlicher, ein bißchen nervöser und zuweilen kränkelnder, ein etwas muckenhafter und am Ende doch hochbeschaulicher Herr, ein beinahe mimikriöser Wiesbadener Anonymus, ungeeignet wie sonst keiner zu Ruhm und öffentlicher Repräsentanz und gar Preisvergaben − nein, vom ähnlich großen und ähnlich sich verkrümelnden F. W. Bernstein abgesehen wüßte ich im gegenwärtigen Vaterland keinen, der Karl Kraus’ Postulat so spielerisch-sinnig-schön erfüllt wie er: Nur wirklicher Größe sei gestattet, sich kleinzumachen. [WS, 15.09.2019] Er, Wolf, darf’s - aber ehe ichjetzt endgültig, von warmen Gefühlenhin- und hergeschaukelt, ins galimathiä-isch brummende Spintisieren mich verlie-re, hier wieder ein paar eher sachlicheRelevanzen zu Person und Werk:So ganz unglücklich fuhr, so ganz übelerging es dem Autor Wolf, der ab 1960 ff.zu unseren hoffnungstreibendsten gerech-net wurde und den man heute jüngerenLesern erst wieder bekannt machen muß,nun freilich nie. Zwar hatte er nie viel Le-ser, nicht einmal seine beiden kunstrei-chen Fußballbücher Punkt ist Punkt undDie heiße Luft der Spiele: wurden auchnur annähernd die Volksbücher, zu denensie eigentlich das Zeug gehabt hätten —aber es gab und gibt bis heute mehrereHandvoll Streiter für Wolf, Sympathisan-ten und Stellunghalter. Hermann PeterPiwitt und Peter Iden gehörten wohl vonBeginn an dazu, Ludwig Harig ist eintreuer und kompetenter Wolf-Elogist -Lothar Baier versammelte Mitte der sieb-ziger Jahre einige schöne Aufsätze in demlängst vergriffenen Suhrkamp-BändchenÜber Ror Wolf. Erst dieser Tage erscheintin Buchform und im Rahmen einer Auf-satzsammlung eine schriftliche Werbungder artverwandten Brigitte Kronauer? ausdem Jahr 1975 wieder. Seit ca. 1975 gehö-ren zu Wolfs lautstärksten Verehrern derpoetologisch auch nicht ganz unverwand-te Nonsensartist Robert Gernhardt undich; ich, der sich dann jahrelang einentreuesdienstlichen Spaß draus machte, sogut wie keinen Text über Gott und dieWelt zu Papier zu bringen, ohne an denmöglichsten und unmöglichsten Stellen,zumindest, Andenken zu stiften, WolfsNamen einsickern zu lassen —- und es ist auch keineswegs so, daß inRichtung Ror Wolf nur Akademisch-Ahnungslos-Dümmliches verzapft wor-den wäre (das allerdings auch); sondern,2 1971 bzw. 1980; zusammengefaßt 1982 unter dem Titel Das nächste Spiel ist immer dasschwerste (Königstein: Athenäum).3 Brigitte Kronauer, Aufsätze zur Literatur. Stuttgart: Klett-Cotta 1987.

soweit ich sehe, fielen zu den WolfschenWerken, von der »Collage« zur »Clowne-rie«, von den »Grimassen« zum »Geläch-ter«, von Kafka bis Robert Walser schondie halbwegs richtigen Stichwörter (nichtjeder Autor darf sich dessen freuen; michz.B. traf neulich, ausgesandt vom Tübin-ger Rhetorik-Professor und FAZ-Buch-kritiker der Pfeil der Erkenntnis, daß ichein »Klamaukschriftsteller« sei; stimmtaber nicht ganz, ich sehe mich eher alsKrawallschriftsteller) — aber was icheigentlich sagen wollte: Zu wenig verspü-re ich in all diesen durchaus würdigenWürdigungen eine innerste Entelechieund Wesensbestimmung des LebewesensRor Wolf, möglicherweise in der Nähe je-ner schon anskizzierten und kuriosenunio misteriosissima von Leben undWerk, die nun gerade mich im Fall Wolfam meisten bezaubert — und für die ich,unter allen Verehrern, vielleicht auch amzuständigsten bin.Gefährlich nämlich ist nicht nur die lite-rarische Meta-Ebene südlich von Mainz,und dies nicht nur im Buche. Sondernwenn Wolf mit dem Bielefelder Collo-quium 1982 nach Griechenland Ausfahrthält, um am Strand von Marathon Fußballzu spielen: so zieht dies unweigerlich eineArm-Luxation nach sich, die unserenMann monatelang zur Verletzungspausezwingt. Wolfs Umzüge z.B. sind, wennmich meine Erinnerungen nicht narren,von genau jenen zusammenkrachendenWänden und Schimmelgefahren geprägtwie jene, die in einer »Abenteuerserie«von 1967 namens Pilzer und Pelzer frö-stelnmachend zu lesen sind mit all ihrenKatastrophen und Irritationsbeschwörun-gen. Im Ohr noch habe ich lebhaft Wolf-sche Berichte über Autokarambolagenund Glatteisstürze, die aus Danke schön.Nichts zu danken (1969) geliehen seinkönnten. Im Leben wie in den Bücherngeht es frappierend synchron um Explo-sionen, Schweißausbrüche, feuchte Wind-stöße vom Taunus her, um »wallende Sup-pen« von Unheil und Weltverrottung -nein, hier waltet kein platter Zufall vonKoinzidenz, sondern höheres Telos, Fü-gung, durchaus übergreifendes Schicksal.Hier, im Leben wie im Buch, schreitetallerdings auch nicht das plane Unglück,sondern, hier wie dort, ein mit höherenKorrespondenzen befaßtes. Das PrinzipGefährlichkeit/Unglück läßt sich z.B.auch dann nicht lumpen, wenn ausgerech-net der Fußballpoet Wolf anläßlich einerGeschäftsreise ausgerechnet ins Vorfeldder Fußball-Europacup-Exzesse vonBrüssel 1985 hineingerät; wenn sein fried-licher Name so unverdient wie nur irgendmöglich noch gar in die Baader-Meinhof-Fahndungsaktionen von 1970 ff. hinein-schlingert. Allerdings, im Buch wie im Le-ben, habe ich den Eindruck, kriegt WolfsAngezogenheit vom Unglück und vomUnheil nie etwas ganz Bedrohliches - alldiesen Klein- und Großunheilen eignetauch etwas fast Kalmierendes, »Abgeho-benes«, fast Beseligendes, weil — wir unshier eben schon inmitten der innerstenWolfschen Welt befinden, seiner womög-lich dominantesten Domäne: seiner Hu-moristik. Einer grenzüberschreitenden.Abermals sehe ich nicht, wo genau zwi-schen dem gedruckten und dem vitalenRor Wolf zu scheiden wäre. Wenn mir die-ser Autor aufgewühlt von seinen jüngstenArzt-Konsultationen und Blechschädenerzählt, muß ich heimlich lachen wie ganzoffen bei der Lektüre seiner gruselig schö-nen Bücher.»Die Hitze war tagsüber stark gewesen,und es war jetzt wie soll ich das sagen, käl-ter? ja kälter geworden«. Wolfs Komikzehrt u.a. von dem Ineinander ganz bra-chialer Katastrophen mit fast lautlosen,verhuschten - nein, anders: Das Katastro-phale dieser Welt ist ihr eben ohnehinnigSeiendes — komisch, rührend und gewis-sermaßen die unheilvolle Stagnation vor-wärtsbewegend ist Wolfs anhaltende Ver-wunderung darüber — die Verwunderungdessen, der immer mal wieder geradevom Mond auf die Erde gefallen ist undnach ersten Worten sucht. Derlei signali-siert oft noch Lektürespuren von Beckettund vom frühen Thomas Bernhard her —


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