Novemberheft 1978, Merkur # 366

Ein Mystiker der russischen Revolution

von Werner Helwig
Ihnen stehen 30% des Beitrags kostenlos zur Verfügung

An wen doch erinnert, physiognomisch gewertet, dieses weiche längliche Kinn und der sinnliche Mund darüber mit den herzförmig aufgeworfenen Lippen? An Römisches etwa? Die Portraitbüste des jugendlichen Tiberius? An die Frauen der Präraffaeliten? Am meisten, scheint mir, an die Kinnpartie Oscar Wildes. Nur die Augen, ein wenig sengend im Ausdruck, und die Stirn, klar und gebieterisch, zeigen den Widerspruch an, in dem sich dieser Charakter einzurichten hatte. Wessen Charakter? Der von dem russischen Dichter Alexander Block, geboren am 16. November 1880 als Sohn großbürgerlicher Eltern in Petersburg − sein Vater war Professor für Staatsrecht in Warschau, die Mutter, Tochter des Botanikers Beketov, als Schriftstellerin und Übersetzerin bekannt. Sohn Alexander lebte nach der Scheidung seiner Eltern wintersüber im Universitätsmilieu von Petersburg, im Sommer auf einem familieneigenen Landgut bei Moskau. Intellektuell anspruchsvoll, mit einem Flor universaler Interessen, studierte er Geisteswissenschaften (im Werk des werdenden Dichters und Essayisten spürbar), heiratete mit 23 Jahren seine Jugendliebe, eine Schönheit, die später als Schauspielerin bekannt werden sollte, und gewann sich früh − obschon empfindsam, scheu, launisch, einzelgängerisch − einen Kreis von jungen Schwärmern, die seine Verskunst priesen und seine junge Frau als Muse verehrten. Ein Kult, dem er Vorschub leistete, da er seiner Liebesphilosophie (ein wenig an Novalis gemahnend, der seine jugendliche Geliebte Sophie als Sophia, Weisheit des Eros, feierte) und seiner Mentalität schlechthin entsprach. Blocks Œuvre ist überwiegend dem Liebesgedicht − man spricht von 800 − zugeeignet, darunter Meisterstücke einer feinnervigen Melancholie, denen Verlaine Beifall gezollt hätte. Während des Ersten Weltkriegs diente er als Offizier in der zaristischen Armee, geriet nach dem Zusammenbruch in die Wallungen der Revolution (nicht unvertraut mit den vorangegangenen Studentenaufständen, die seine Sympathie besaßen) und wurde damit zum ekstatischen Verkünder eines neuen Glaubens an die Wunderkraft der »Volksseele«. So mündete seine Dichtung im Politischen, wie er es verstand, erhob sich hier zu letzter Reife und ermüdete zugleich in den physischen Anstrengungen, die der aktive Dienst an der neuen Idee mit sich brachte. »Was ist das, Volksseele«, hörte man neulich Michel Butor fragen, und es spricht sich darin aus, was wir alle inzwischen abgebucht haben. Es war ein Wunschtraum, dem Block sich opferte. Und er ahnte es. Knapp 41jährig, ein erstaunliches literarisches Werk hinter sich lassend, starb er in Moskau, mitten aus seinen politischen Tätigkeiten heraus, an Überanstrengung. Das Herz wollte nicht mehr. Ich stieß zum ersten mal auf seinen Namen, als ich anfangs der Zwanzigerjahr ein Franz Pfemferts kulturpolitischer Zeitschrift »Die Aktion« ein episches Gedicht fand: »Die Zwölf«. Strophen, scheinbar schlicht und doch von hinreißender Gewalt. Ich lernte es auswendig, man konnte gar nicht anders. Ein zweites Gedicht, eigentlich eine Ballade (»Die Skythen«) schlug mich gleichermaßen in Bann. Beide Gedichte waren 1918, im Januar, geschrieben worden und spiegelten die Revolution der Bolschewiki, erfaßt durch ein Denken und Empfinden von mystischer Beschaffenheit. Ihr Geheimnis: Sie konnten sowohl als Verherrlichung der Revolution wie auch als deren Negierung verstanden werden. [WS, 15.09.2019]


Weitere Artikel von Werner Helwig