Dezemberheft 1988, Merkur # 478

Eine Epoche ohne Humanismus. Nähe und Ferne des Mittelalters im Spiegel von Mode und Wissenschaft

von Gustav Seibt
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Es gibt keine neue Sehnsucht nach dem Mittelalter. Die aktuelle lärmende Anteilnahme an dieser Epoche hat nichts Romantisches. Sie wird nicht von metaphysischer oder sozialer Bedürftigkeit genährt, kein Rückkehrwunsch unter den gewölbten Sternenhimmel eines geschlossenen Weltbilds treibt sie, kein Verlangen nach der Geborgenheit in der Ordnung einer ständisch gestuften Gesellschaft. Die Mittelaltereuphorie des späten 20. Jahrhunderts ist nicht katholisch-autoritär und ihre Vertreter sind keine Naphtas. Gleichwohl gilt noch immer das Gesetz, daß das Hervortreten des Mittelalters die konkurrierenden Nachbarepochen − griechisch-römische Antike und Renaissance und Aufklärung − in den Schatten rückt.

Am Mittelalter fasziniert die postmoderne Gegenwart das Bild einer Epoche ohne Humanismus. Das klassische Altertum verflüchtigt sich ins Schemenhafte, seine ethisch geprägte Kultur langweilt die von Simulationen brutaler Wirklichkeit umstellte Gegenwart ebenso wie ihr die sittlichen und ästhetischen Autonomieansprüche der klassischen Neuzeit lästig sind. Das Mittelalter der Eco-Leser ist nur ein ferner Spiegel der Gegenwart: Er zeigt die grelle, gewaltsame Vitalität eines apokalyptisch erregten Daseins und die gelehrte Spitzfindigkeit einer scholastisch inspirierten Kultur, die das Universum wie einen Text liest. Die Gegenwart erkennt sich wieder in einem Roman, der zwar von Terrorismus und Philologie, von Roten Brigaden und Poststrukturalismus handelt, aber im Mittelalter spielt, in einer Kulissenwelt aus Castel del Monte und Yale, aus Peirce und Buridan, aus Tonio Negri und Fra Dolcino. In Deutschland ist der postmoderne Zeitvertreib mit dem Mittelalter besonders erfolgreich, weil es bei uns keine nationalgeschichtliche Erinnerung an das Mittelalter mehr gibt. Während sich die Engländer an die Anfänge der Balance von Adel, Volk und Monarchie erinnern, die Franzosen an die Ursprünge ihres Nationalstaats und die Italiener an den ersten Höhepunkt ihrer Stadtkultur denken, ist das deutsche Mittelalter im allgemeinen Gedächtnis der letzten Zäsur der deutschen Geschichte zum Opfer gefallen. Dies hat auch mit der physischen Zerstörung unserer großen mittelalterlichen Städte − Nürnberg, Köln und Frankfurt − zu tun, vor allem aber ist es eine Folge der Vereinnahmung des kaiserlichen deutschen Mittelalters durch den deutschen Nationalstaat von 1870. Das Kaisertum der Sachsen, Salier und Staufer erschien wie eine vorweggenommene Erfüllung der Sehnsüchte des 19. Jahrhunderts nach geschlossener Staatlichkeit, nach Weltgeltung, nach national verwurzelter, aber universal ausstrahlender Kultur. Es war der leuchtende Fond hinter den sechshundert Jahren bedrückender Ohnmacht, Zersplitterung und Provinzialität zwischen dem Untergang der Staufer und der Einigung durch Bismarck. Der Streit um die großdeutsche oder kleindeutsche Lösung der deutschen Frage wurde ins Mittelalter zurückverlegt, indem man die Italienpolitik gegen die Ostkolonisation ausspielte. Und der Kaisername der neuen Monarchie sollte eher an die Ottonen und an Barbarossa erinnern als an das späte habsburgische Kaisertum, das Napoleon ausgelöscht hatte. Heinrich der Vogler und Otto der Große, Heinrich der Löwe, Friedrich Barbarossa und Konradin wurden zu Stereotypen nationaler Geschichtserinnerung bis in die Sphäre der Lesebücher, Denkmäler und Geschichtsromane.


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