Septemberheft 1985, Merkur # 439

Rückkehr zur Metaphysik. Eine Tendenz in der deutschen Philosophie?

von Jürgen Habermas
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Als Dieter Henrich 1981 in München seine philosophische Lehrtätigkeit aufnahm, beschwor er − dem Regierungswechsel um einiges voraus − die Wende. Über Jahrzehnte hätten sich die wahren Philosophen, die sich nicht mit kraftlosen Rettungsunternehmen für eine nur noch historisierend gegenwärtig gehaltene Tradition abfinden wollten, rezeptiv verhalten müssen − nämlich lernend gegenüber der analytischen Philosophie: »Es scheint, daß diese Epoche hinter uns liegt, daß die Wende jetzt eingetreten ist, die sich seit einem Jahrzehnt abgezeichnet hat.« Und mit dem Blick auf München, das sich ja in der Philosophie seit den Tagen des alten Schelling nicht ebendurch rätedemokratische Umtriebe verdächtig gemacht hat, fügte der Philosoph hinzu: »Ich bin dankbar dafür, zu einer Zeit, in der die Philosophie zu einem neuen Beginn zu finden scheint, an diese Universität berufen worden zu sein.«

Dieter Henrich ist wie kaum ein zweiter in der Bundesrepublik den Denkbewegungen zwischen Kant und Hegel skrupulös gefolgt; wie kaum einer hat er die Anstöße dieses klassischen, also unüberholten Denkens souverän verarbeitet. Wenn er, der eigene Gedanken bisher an großen Texten entwickelte, nun den Stil seines Denkens mit einem Ruck ändert; wenn er die Verhaltenheit im Pathos abwirft, die Umständlichkeit im methodischen Zugriff aufgibt, alles Zögerliche und Indirekte fahren läßt, um der Philosophie einen neuen Anfang zu verheißen und bündig den Anspruch der Metaphysik zu erneuern − dann muß man die Prätention wohl ernst nehmen. (In einer Philosophie-Kolumne, Merkur, Nr. 430, Dezember 1984, kommt diese Intention verhaltener zum Ausdruck; aber ein Autor hat ein Anrecht darauf, mit seinen monographischen Publikationen ernst genommen zu werden.) So sehr diese den Regungen des Zeitgeistes entspringen mag, so wenig darf Henrichs Unternehmen mit anderen Tendenzen, die sich bloß im Schatten des Zeitgeistes ausbreiten, verwechselt werden. In seiner brillanten, für die Cambridge University Press angefertigten Geschichte der deutschen Philosophie seit Hegels Tod hat Herbert Schnädelbach die Motive einer von den großen Außenseitern Marx, Kierkegaard, Nietzsche und Freud in den Schatten gestellten Schulphilosophie herausgearbeitet. (Herbert Schnädelbach, Philosophie in Deutschland 1831−1933, Frankfurt: Suhrkamp 1983.) Mit Gelehrsamkeit und systematischem Sinn ordnet Schnädelbach sein reiches Material zugleich zupackend und sensibel nach Stichworten für die wichtigsten Diskussionszusammenhänge (Geschichte, Wissenschaft, Verstehen, Werte, Sein). So erfahren wir im Kapitel über »Wissenschaft«, wie sich damals, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, das Selbstverständnis der Philosophie verändert hat, vor allem in Konfrontation mit den noch unter dem Dach der philosophischen Fakultät versammelten Natur- und Geisteswissenschaften. Das auf die Welt im ganzen gerichtete Systemdenken sah sich zum ersten Mal von der Verfahrensrationalität einer durch ihre Forschungsmethoden ausgezeichneten Erfahrungswissenschaft herausgefordert, ja in eine Identitätskrise gestürzt. Schnädelbach unterscheidet vier Bewältigungsversuche von seiten einer Philosophie, die sich Hegels Logik und Enzyklopädie nicht mehr zutraute. Die Philosophie verwandelte sich entweder in eine philologisch arbeitende Philosophiegeschichte, assimilierte sich also an die Geisteswissenschaften; oder sie brachte positivistisch die Wissenschaft als privilegiertes Wissen zur Geltung, überlebte also in den Gestalten des philosophischen Materialismus und der Wissenschaftstheorie; oder sie nahm explizit Abschied von ihrer eigenen Tradition und verwandelte sich in Kritik, vornehmlich in Metaphysikkritik. Ein viertes Reaktionsmuster ergab schließlich der Versuch, die Philosophie in ihrem klassischen Anspruch zu rehabilitieren. Dies ist schon eine Reaktion auf die Reaktionen auf die Krise im Selbstverständnis der Philosophie. Rehabilitierungsversuche gibt es also nicht erst seit gestern. Schnädelbach erinnert an einige Buchtitel: 1907 verkündet Karl Stumpf Die Wiedergeburt der Philosophie. D. H. Kerler spricht 1921 von der Auferstandenen Metaphysik, Peter Wust 1925 von der Auferstehung der Metaphysik. Ein »Wiedererwachen der Metaphysik« stellt Nicolai Hartmann mit seiner 1935 erscheinenden Grundlegung der Ontologie in Aussicht. Die neuontologische Wende erhielt Auftrieb durch die erste Generation der Phänomenologen und erfaßte noch den alten Rickert. Aber nicht alles, was unter dem Namen »Ontologie« auftritt, lebt von diesem Rehabilitierungsimpuls − weder damals noch heute. Wenn bei Hector-Neri Castañeda oder bei Wolfgang Künne von Ontologie die Rede ist, handelt es sich um die semantische Explikation von allgemeinsten, unser Weltverständnis bestimmenden sprachlichen Strukturen. (Hector-Neri Castañeda, Sprache und Erfahrung. Texte zu einer neuen Ontologie. Frankfurt: Suhrkamp 1982; Wolfgang Künne, Abstrakte Gegenstände. Ontologie und Semantik. Frankfurt: Suhrkamp 1983.) Die Wittgensteinʼsche Prämisse dieser Art von Untersuchungen erklärt Donald Davidson einfach so: »In sharing a language ... we share a picture of the world that must, in its large features, be true. It follows that in making manifest the large features of our language, we make manifest the large features of reality. One way of pursuing metaphysics is therefore to study the general structure of our language.« Allein, was heißt hier noch »Metaphysik«? Semantische Erklärungen unseres grammatisch geregelten Vorverständnisses von Realität überhaupt können das Bedürfnis nach einer normativ gehaltvollen Selbst- und Weltdeutung, nach einer »Lebensdeutung«, wie Henrich sagt, nicht befriedigen. Natürlich sind auch diese im strengen Sinne nach-metaphysischen Untersuchungen trotz ihres »fachphilosophischen« Zuschnittes mit bestimmten Weltperspektiven verwoben. Das gilt beispielsweise für die scharfsinnige und originelle Einleitung, die Ursula Wolf ihrer vorzüglichen Dokumentation der seit Russell geführten Diskussion über Eigennamen voranstellt.« (Ursula Wolf (Hrsg.), Eigennamen. Frankfurt: Suhrkamp 1985.) Darin verbindet sie die von Saul A. Kripke am Modell der Taufe − und der historischen Überlieferung des Taufnamens − entwickelte Theorie der Eigennamen mit dem Grundgedanken von Ernst Tugendhats Theorie singulärer Termini und gelangt so zu einer ontologischen These, die keineswegs mit beliebigen Personenbegriffen vereinbar ist. Aber von einer solchen semantischen Erklärung bis zur metaphysischen Weisheitslehre ist die Entfernung so groß geworden, daß Henrich einen Anschluß an Arbeiten dieser Art anscheinend nicht mehr sucht.

Die Rückkehr zur Metaphysik vollzieht sich auf anderen Wegen. Für diese Bewegung hatten die bedeutenden Studien von Gadamer, auch die stärker aufs Politische zugeschnittenen Arbeiten von Joachim Ritter gewiß ein günstiges Klima geschaffen. Dieser hermeneutisch gebrochene Neoaristotelismus, der mit neohegelianischen Gedanken zusammenfließt, blieb indessen auf halbem Wege stehen: eher suggerierte er die Ergänzungsbedürftigkeit des modernen Denkens, als daß er selber die Wende zum metaphysischen Denken und zum klassischen Selbstverständnis der Philosophie vollzogen hätte. Das gilt auch noch für die Jüngeren, die, wie Rüdiger Bubner, unter Gadamers Einfluß den aristotelischen Handlungsbegriff oder Hegels Konzept der Sittlichkeit systematisch erneuern möchten. Eine Wendung ins Affirmative ist nur bei einigen der profilierteren Ritter-Schüler zu beobachten. Diese entwickeln, was sie bei Ritter gelernt haben, in sehr verschiedene Richtungen. Beflügelt vom Zeitgeist halten sie aber einmütig an Ritters Zeitdiagnose fest, vor allem an der Vorstellung von der Kompensationsbedürftigkeit der modernen Gesellschaft. Sie sind überzeugt, daß die subjektive Freiheit, die wir als Mitglieder einer unvermeidlich entfremdenden Gesellschaft genießen, in den geschichtlichen Horizont schützender Mächte eingebunden werden muß. Da die Moderne den sinnstiftenden und tröstenden Gegenhalt nicht aus sich selber produzieren kann, bedarf sie der haltenden, gegenwirkenden Traditionen − ob nun als Religion fürs Volk oder als Metaphysik für die Gebildeten. Für diese Überzeugung streiten sie − philosophisch und politisch. Der eine mag nur noch funktionalistisch argumentieren, daß das gute Alte zu fördern sei, weil es Gutes bewirke. Der andere breitet skeptische Argumente aus, um durch die Hintertür doch wieder zu dem Schluß zu gelangen, daß es für Normallagen gar nicht genug Metaphysik geben könne. Dem dritten ist beides zu instrumentell gedacht; er begibt sich ohne Umstände auf den Königsweg der prima philosophia, um den objektiven Sinn im Seienden selbst wieder zu finden. Dabei sollte man den Beitrag der Ritter-Schule zur politischen Kultur der Bundesrepublik nicht unterschätzen. Dieser Typus von Philosoph will sich nicht mehr nur auf seine Argumente verlassen, er läßt sich von den Institutionen des Staates und der Kirche auch als philosophischer Experte in die Pflicht nehmen. [WS, 25.09.2019] Er reist als intel-lektueller Verfassungsschützer durch dieLande, liefert in der Staatskanzlei seineDossiers über den geistig-moralischenZustand der Nation ab oder stellt für denPapst einen Stab von Krisenberatern zu-sammen. Kurzum, die Reaktionsperiodeder letzten Dekade hat den zeitdiagnosti-schen Kräften des Rechtshegelianismuszu einer überraschenden neokonservati-ven Nachblüte verholfen. Dabei ist eingünstiges Klima entstanden für Erwar-tungen, die sich auf eine Erneuerung desmetaphysischen Denkens richten. Aberein günstiges Klima schafft noch keineveränderte Argumentationslage.Die interessantesten und fruchtbarstenAnstrengungen auf dem direkten Rück-weg zur Metaphysik unternimmt seit Jah-ren Robert Spaemann.® Noch vermag ich6 Als Förderer und Vermittler der Sprachanalyse hat sich Henrich große Verdienste erwor-ben; die zuletzt genannten Titel stammen allesamt aus einer von ihm herausgegebenenBuchreihe.7 Rüdiger Bubner, Geschichtsprozesse und Handlungsnormen. Frankfurt: Suhrkamp 1984.$ Robert Spaemann/Reinhard Löw, Die Frage Wozu. Geschichte und Wiederentdeckung desteleologischen Denkens. München: Piper 1981.


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Heft 243, Juli 1968