Novemberheft 1960, Merkur # 153

Aus dem Italienischen Pitaval: Der Montesi-Prozess II

von Hans Magnus Enzensberger
Ihnen stehen 16% des Beitrags kostenlos zur Verfügung

Inzwischen war der Montesi-Prozeß zu einer Art Industrie geworden, an der sich Unzählige bereicherten. Ein großer Teil der italienischen Journalisten hat vier Jahre lang von diesem Prozeß gelebt. Die Stiefmutter der Wilma Montesi veröffentlichte ihre Erinnerungen. Fast jeder Zeuge – und ihre Zahl belief sich auf etwa dreihundert – publizierte, noch ehe er vor Gericht aussagte, in Zeitungen und Illustrierten seine Bekenntnisse, Tatsachenberichte, Bildreportagen, Denkschriften und offene Briefe. Gewöhnlich folgte einer solchen Veröffentlichung eine Gegendarstellung, ein Dementi, ein Widerruf oder eine Bestätigung und ein Rattenschwanz von Zivilklagen, Strafanzeigen und Vergleichen. Kein zukünftiger Historiker wird je in der Lage sein, diese Wälder von Zeitungspapier zu durchdringen. Der Redezwang, die Sucht, sich in diesem Malstrom von Worten zu stürzen, ergriff auch die Angehörigen des ertrunkenen Mädchens. Besonders ihre Mutter veröffentlichte eine Flut von Artikeln, ja sie drehte sogar einen Film über den Tod ihrer Tochter, der allerdings nie fertiggestellt worden ist, und in dem sie sich selber spielte. Ein Journalist, der selbst fünf- bis sechshundert Artikel über den Fall Montesi geschrieben hat, führte mit ihr das folgende Telefongespräch, das abgehört und später vor Gericht als Beweismaterial verlesen wurde:

Journalist: Hören Sie, es wird Zeit, daß ich Sie auszahle. Wie paßt es Ihnen? Wöchentlich oder am Monatsende?

Montesi: Schon recht, machen Sie es, wie sie wollen.

Journalist: Ich gebe Ihnen 25.000 pro Woche, das macht im Monat 100.000.

Montesi: Ich muß Sie morgen sowieso sehen…

Journalist: Haben Sie nicht noch etwas Pikantes auf Lager? Vielleicht einen Brief von Wilmas Freund?

Montesi: Nein, ich schwöre Ihnen, es ist nichts mehr da.

Journalist: Na gut. Aber was mache ich, wenn die Zeitung etwas Neues verlangt?

Montesi: Ich habe so viel an den »Europeo« gegeben, und nicht einmal mein Geld habe ich bisher bekommen…

Journalist: Wieviel macht es denn aus?

Montesi: 170.000 Lire. Dabei hat mir Fräulein Bergagna vom Incom für einen einzigen kleinen Artikel 150.000 geboten.

Journalist: Also gut, Frau Montesi. Aber Sie müssen mir wirklich einen Aufhänger für einen neuen großen Artikel besorgen.

Montesi: Meinetwegen. Schreiben Sie Ihren Artikel, er kann ruhig ein bisschen gesalzen sein, und dann zeigen Sie ihn mir. Wir werden uns schon einigen.

Ein anderer Journalist sagte während des Prozesses folgendes aus: »Für Geld konnten Sie damals in Rom alles haben. Auf unsere Redaktion (ich arbeitete damals für ›Epoca‹) kamen alle möglichen Leute und boten uns für zwanzig Millionen Lire Photos an, auf denen Wilma Montesi mit Piccioni zu sehen sein sollte. Ein übler Trick! Wir Journalisten liefen damals ständig mit einem Scheckbuch herum, um einzukaufen ... Schließlich beschlossen wir, Schluß zu machen und alles abzulehnen. Aber ehe es soweit kam, hatten fast alle Personen, die vor diesem Gericht aussagen, Geld von uns bekommen, auch die Familie Montesi ...Wilmas Mutter schlug mir vor, einen saftigen Artikel für uns zu schreiben, und die Zeitung sollte dafür für die Kosten der Hochzeit von Wanda (der Schwester Wilmas) aufkommen. Sie schickten uns sogar eine Rechnung über das Trinkgeld für den Mesmer. Als es mir zu dumm wurde, sagte ich zu Frau Montesi: ›Jetzt reicht es aber! Schließlich bin ich nicht der Bräutigam ihrer Tochter!‹ »Dies war die Atmosphäre, in welcher die italienische Justiz die Wahrheit über den Fall Montesi zu ermitteln hatte.

So leidenschaftlich die Öffentlichkeit aber auch auf jede Wendung dieses Falles reagieren mochte, die Erregung, die im Frühjahr 1954 herrschte, konnte nicht jahrelang anhalten. Sie ebbte gleich nach dem Beginn der Voruntersuchung ab und kehrte im weiteren Verlauf der Sache in mehreren großen Wellen wieder. Es ist heute schwer, den Verlauf dieser Fieberkurve genau nachzuzeichnen. Oft genug standen die Anlässe in keinem Verhältnis zu dem Ausschlag der äußerst rasch und heftig reagierenden Stimmung der Öffentlichkeit. Ein zweites Maximum erreichte die nationale Neurose, von der Italien damals befallen war, im September 1954.

15. September 1954

Untersuchungsrichter Sepe schließt seine Untersuchung ab. Der geheime Bericht über seine Ergebnisse umfaßt nach halbjährigen Ermittlungen zweiundneunzig Bände und wird an die Staatsanwaltschaft abgegeben, die auf Grund des Berichtes die Anklageschrift vorzubereiten hat.

19. September 1954

Der Außenminister Attilio Piccioni, Vater des schwer belasteten Piero Piccioni, kommt zum zweiten Mal um seinen Rücktritt ein; diesmal nimmt der Regierungschef sein Gesuch an.

21. September 1954

In Rom jagen sich die Gerüchte, eine sensationelle Wendung des Montesi-Falles stehe unmittelbar bevor. Um vierzehn Uhr unterzeichnet der Untersuchungsrichter Sepe zwei Haftbefehle und eine Vorladung. Der erste Haftbefehl richtet sich gegen Piero Piccioni, den Sohn des demissionierten Außenministers, der beschuldigt wird, er habe am 11. April 1953 an der Küste von Tor Vaianica den Tod der Wilma Montesi durch Ertrinken verschuldet und ihren Körper in der Meinung, der Tod sei bereits eingetreten, ins Meer geworfen. Der zweite Haftbefehl lautet auf den Namen Ugo Montagna wegen Beihilfe zur fahrlässigen Tötung, begangen von Piero Piccioni, und wegen Verdunkelungsversuchen bei den zuständigen Behörden. Eine gerichtliche Vorladung ergeht schließlich an Saverio Polito, den Polizeipräsidenten von Rom. Er hat sich gegen die Beschuldigung zu verteidigen, er habe als Beihelfer von Montagna die polizeilichen Ermittlungen über den Tod der Wilma Montesi absichtlich in die Irre geführt, um den Eindruck zu erwecken, es hätte sich um einen Unglücksfall gehandelt, und dabei seine Amtsbefugnisse gröblich mißbraucht. Die Maßnahmen Sepes werden erst gegen sechs Uhr in Pressekreisen bekannt. Um acht Uhr gibt die Nachrichtenagentur ANSA eine kurze offizielle Verlautbarung Sepes bekannt. Sofort erscheinen die ersten Extrablätter auf den Straßen. Sie werden den Händlern aus den Händen gerissen. Umsonst verbietet die Sicherheitspolizei den Zeitungsjungen, die Titel auszurufen: die handgroßen Lettern sprechen für sich selbst. Nie sind in Rom an einem Tag so viele Zeitungen verkauft worden wie an diesem Tag. Die Stadt spricht von nichts anderem. In den Restaurants hören die Leute zu essen auf. Die Cafés sind überfüllt. In der Galeria Colonna herrscht ein Gedränge, das halb an eine Revolution, halb an ein Volksfest erinnert. Bis spät in die Nacht hinein erscheinen immer neue Extrablätter, die sich zu 90 Prozent mit der großen Affäre beschäftigen. Aber die glühende Erregung der Öffentlichkeit hat diesmal nichts Drohendes: das Volk von Rom feiert einen Triumph, ein Fest der Gerechtigkeit − oder dessen, was es darunter versteht. Der einzige, der um neun Uhr noch nichts von den Maßnahmen des Untersuchungsrichters weiß, scheint Ugo Montagna zu sein. Während der Haftbefehl gegen Piceioni längst vollstreckt ist, sitzt Montagna in einer Bar an der Via Veneto. Die Polizei sucht ihn in der ganzen Stadt, als er endlich das Extrablatt entfaltet, dessen Titelseite mit seinem Bild geschmückt ist. Er berät sich mit seinen Rechtsanwälten, besteigt sein Auto und fährt mit seinem Rechtsbeistand nach Regina Coeli, dem Zellengefängnis von Rom, um sich der Polizei zustellen. Dort steigt Montagna aus und klopft gegen das verschlossene Eisentor. Der Wachhabende öffnet ein Guckloch und betrachtet die Gruppe ohne Interesse.

Rechtsanwalt: Hier ist Ugo Montagna, um sich der Polizei zu stellen.

Wachtmeister: Einen Moment mal. Wer, sagen Sie, Montagna? Kenne ich nicht. Rechtsanwalt: Aber dieser Herr hier ist der Marchese Ugo Montagna, der von der Polizei gesucht wird. Der Untersuchungsrichter hat einen Haftbefehl gegen ihn erlassen. Er will sich stellen. Sie müssen ihn hereinlassen!

Wachtmeister: Das geht mich nichts an. Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Ich bin da nicht zuständig. Da kann ich auch nichts machen. Ich kann den Herrn nicht aufnehmen, da könnte ja jeder kommen. Zeigen Sie mir erstmal seinen Haftbefehl!


Weitere Artikel von Hans Magnus Enzensberger