Juliheft 1970, Merkur # 267

Erinnerung an James Joyce

von Werner Helwig
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Den berühmten Mann, der sich selbst in bisher nicht wieder erreichter Vollständigkeit zum Thema seiner Wortkunst hatte werden lassen, erlebte ich in Zürich, im Dezember 1940. Mitten aus dem sich etablierenden Krieg heraus hatte er mit seiner Familie Paris verlassen, um in der Stadt an der Limmat − ihm von vielen Aufenthalten her vertraut − ein vorläufiges Unterkommen zu suchen. Das weltgeschichtliche Unwetter hatte ihn aus seinem Tun und Planen aufgestört. Und in keinem anderen Sinne empfand er es. Anfänglich noch guten Mutes, flanierte er in der Stadt umher, mit seinem Spazierstock, der wie eine gerade gerichtete Wirbelsäule wirkte, tändelnd − oder ihn im Kreis herumschwingend, wobei ein Ton wie von einem Schwirrholz entstand, an dem er, amüsiert horchend, teilnahm. Er liebte die belebten Straßen, konsumierte die Vorgänge, die der Zufall bescherte, mit etwas seitwärts nach hinten gelehntem Kopf. Eine Haltung, die dandyhaft scheinen konnte, aber seinem Bestreben entsprang, an seiner Sehstörung vorbei zu spähen. Denn anscheinend war auch das gesunde Auge nicht mehr intakt. Er mußte aus dem Winkel linsen, um noch etwas zu erfassen. In den Cafes, die er schätzte, wählte er den Fensterplatz, hätte auch wohl lieber draußen gesessen, aber das Wetter erlaubte es nicht. Er war der geborene Bistro-Hocker, in Schweigen versackend, wobei er seine langen dünnen Beine korkenzieherartig umeinander wickelte und dann den rechten Fuß noch um das Stuhlbein schlang. In dieser Haltung faltete er seine Hände um den Stock, den er an seine Schulter lehnte. Es konnte auch geschehen, daß er mit seinen gelenkigen dünnen Fingern (auffällige Schmuckringe an der Linken) flötespielende Bewegungen machte, innerlich vernommenen Melodien Ausdruck gebend. Nur bei dem Clochard-Poeten Jakob Haringer, der auch nach Zürich geflohen war, um dort seinen Lebensrest aufzugeben, habe ich ähnlich beringte Hände gesehen. Mit seinem merkwürdig konkaven, ausgenüchterten Gesicht verriet Joyce eher das Wesen eines Berufsillusionisten, der über neue Tricks nachsinnt, als das eines Genies. Sein Schweigen war sprechender als die wenigen Worte, die er von sich gab. Zwei Wochen später, am 13. Januar 1941, hat er in der Klinik, in die er unerwartet eilig überführt werden mußte, die Augen für immer geschlossen. Nicht älter als 58 Jahre, hatte ihn ein Darmgeschwür zu Fall gebracht. Was Joyce hinterließ, war zu dieser Frist ausgeformt bis zum letzten Wort. Es gibt nichts Unvollendetes aus der Spätzeit dieses Schaffens. Leserneugier aber beherrschte ihn bis zuletzt. In seinem Zimmer, in der »Pension Delphin«, nahm der Bücherkoffer die Mitte ein. [WS, 15.09.2019] Auf seinem Nachttisch lag einwissenschaftliches Werk über die Ge-rüche. Seine letzte Handlung, als er dortschon bettlägerig war: Er kroch, dieSchlüssel vor sich herstreckend, zu jenemBücherkoffer hin. Was er ihm entnehmenwollte, weiß man nicht mehr. Die Auf-wartefrau mußte über ihn hinwegsteigen,um ihre Arbeit machen zu können. EinVorgang von maliziöser Bedeutung.Zürich hatte er, der blauweißen Farbenim Stadtwappen halber, mit Hellas gleich-gesetzt, Ithaka-Heimkehr erhoffend. Wiealle, die eine geheime (oder verdrängte)Beziehung zum Glauben besitzen, warer zum »Aberglauben« übergetreten. Wasder Christ Fügung nennt, leitete er vonVorzeichen ab, die er als »geweihte Ko-inzidenzen« bezeichnete.Der amerikanische Dichter Ezra Pound,Förderer, Freund und Widerpart aus denersten Pariser Jahren des Ulysses-Autors,besuchte das Grab, sobald sich das nachÜberstehen bitterster Prüfungen (beidebefanden sich ja in einer Konfliktsituationzu ihren Vaterländern) als Möglichkeitergab. Beide hatten das Exil gewählt. FürPound brachte das Konsequenzen mitsich, die ihn, als Dichter, zum Verstum-men brachten. Sein Hauptwerk, die Can-tos, dürfte kaum mehr abgeschlossen wer-den. Anders Joyce. Er verbannte sichselbst aus der Heimat, um ganz der um-getriebene Dulder sein zu können, alswelcher ihm die schöpferischen Ressenti-ments zufallen mußten, die sein Schrei-ben speisten.*In Band I der Briefe (letzten Herbst beiSuhrkamp erschienen) können wir esnachlesen. Da sind die Daten seiner Selbst-und Weltbestimmung von 1890 bis 1916(weitere Bände werden folgen) auf 600Seiten aus einer Vielzahl von privaten bisintimen Zeugnissen zu entwickeln. EinWerk mehr in der Reihe seiner so merk-würdig geschlossenen Leistungen. Durchwelche Hindernisse hindurch wurden sieans Licht gezerrt? Heute unvorstellbareGeldnöte, es gab damals keine Förder-preise für Aufstrebende. In einem Alter,wo unsere jungen Leute, der Zivilisations-bequemlichkeiten müde, ihre Universitä-ten zerstören, gab er täglich bis zu achtStunden englischen Sprachunterricht undergänzte dabei sein Deutsch. Sein zweitesKind kam im Armenhaus zur Welt. Trunk-sucht aus Verzweiflung, in Rom wurde erbesinnungslos in der Gosse aufgelesen.Wann schrieb er eigentlich? Den bösenUmständen noch nachhelfend, stiftete ersich Zerwürfnisse, die schon in den frühenGedichten, in den Dubliner Novellen, im»Jugendbildnis«, dann mit mythischemTiefgang im Labyrinth seines Ulyssesfixiert und einer schicksalhaften Unaus-weichlichkeit einverleibt wurden. EinMensch pausenlos tätigen Willens also?Dabei war er ein Familien-Narr ohne-gleichen. Nichts schien ihm wichtiger, alsseinen Clan zusammenzuhalten. Trotz-dem: Alle verließen ihn nach und nach,Sie flohen dem Zwang, Rollen zu spielen,die seinem »Werktheater« dienten. Zuerstsein Bruder Stanislaus, und als er erwach-sen war, der Sohn Giorgio. Die TochterLucia brach, fünfundzwanzigjährig, insIrresein aus, um von ihm loszukommen.Ihre Worte nach seinem Tod: »Was machter denn da unter der Erde, der Idiot. Erbeobachtet uns die ganze Zeit.« NurNora, die bis zuletzt durchhaltende Gat-tin, klagte: »Es ist jetzt alles sehr lang-weilig geworden. Solange er da war, warimmer etwas los.«Wie brauchte und genoß er seinenKonflikt mit der Kirche. Und blieb dochin seiner Sprache, im Aufbau seines Den-kens, ihr treuer Sohn: Ein Zögling Loyo-las auch noch in seinen »sozialistischen«Ambitionen. Einem solchen Leben konn-te in der Tat der Zufall nichts anhaben.


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