Augustheft 1965, Merkur # 209

Erinnerung an Klaus Mann

von Werner Helwig
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»Er ist ein wenig morbid«, sagte Thomas Mann. Die Rede ging von seinem Sohn Klaus, der damals mit einem ersten Novellenbuch »Vor dem Leben« seinen Eintritt in die Öffentlichkeit vollzog. Ich hatte Klaus 1926 in Hamburg kennengelernt. Gründgens hatte sein erstes Theaterstück − »Anja und Esther« − in Erich Ziegels »Kammerspielen« durchgesetzt. Erika Mann und Pamela Wedekind waren unter den Schauspielern; Klaus spielte die Hauptrolle. Für Hamburg bedeutete es eine Sensation, lauter Kinder von berühmten Vätern sich selber spielen zu sehen. Denn das taten sie wirklich. Klaus hatte ihnen allen, voran sich selbst, die Rollen auf den Leib geschrieben. »Ein wenig morbid«... meine Unterhaltung mit Thomas Mann war auf eine wenig konventionelle Art zustande gekommen. Nachdem ich Klaus in Hamburg erlebt hatte (ich sehe ihn noch in seinem Zimmer in einer Alsterpension vor dem Frisiertisch sitzen, der überladen war mit Flacons, Salbennäpfchen, Puderschachteln, und ein neues Make-up für die Abendvorstellung probieren), war ich auf literarische Vagabondage gezogen. Zu Fuß, mit Rucksack und Teekessel pilgerte ich von Dichter zu Dichter, der Fährte meiner Begeisterung folgend. Thomas Mann hatte ich ohne Voranmeldung, einfach so, in seinem eleganten Münchner Heim aufgesucht. Die Dienstmagd sah mich etwas erstaunt an, meldete mich aber doch, da ich etwas von Klaus stotterte. Der Vater kam mir scharfgebügelten Schrittes im Vestibül entgegen, sehr urban, scheinbar nicht distant. Und dann saß ich an einem runden Tisch, der vor einer Eckbank stand, und es gab Kaffee und Kuchen. Frau Katja fütterte mich leutselig; man sah, daß ich Appetit hatte. Hernach ging Thomas Mann ein wenig im Zimmer auf und ab und ich war eingeladen, mich zu ihm zu gesellen. »Etwas morbid...«, er äußerte es mit zarter Sorge. Er wünschte sich, daß seines Sohnes und meine Bekanntschaft sich zur Freundschaft entwickle. Und da Klaus Manns erster Roman in Sicht war, »Der fromme Tanz«, besaß er die Gewogenheit, meinem Scherz beizustimmen, als ich − Protestant, der damals eben zum ersten Male (in Augsburg war es) einem katholischen Gottesdienst beigewohnt hatte − die mir unbegreiflichen Vorgänge am Altar, die Meßknaben, die das heilige Buch hin- und hertragen, die segnenden Gebärden des Priesters, mit dem schönen Titeleinfall seines Sohnes verglich. »Ja«, sagte Thomas Mann, »das ist der fromme Tanz.«[WS, 17.10.2019] Er lachte. Esklang auf schwermütige, gleichsamgepflegte Art sarkastisch. Ich ahnte,daß ich ihn nie wieder aufsuchenwürde. Mir lagen damals Pathetikerwie Däubler oder Wolfskehl mehr.Auch die Beziehung zu Klaus verdich-tete sich nicht zu Freundschaft. Abergeblieben ist bis heute ein wachesInteresse für alles, was er geschriebenhat.In diesem, nun doch ziemlich um-fangreichen Oeuvre (mehr als zehnBände liegen vor) haben die Jugend-arbeiten den höchsten Platz. Diewunderbare Herman-Bang-Bangnis inder »Kindernovelle« (NymphenburgerVerlagshandlung 1964), die Ergän-zungsbeziehung, die sie zu »Unord-nung und frühes Leid« aus der Mei-sterfeder des Vaters hat, machen mirdieses anmutige Stück Prosa immerzum schönsten Ereignis jenes »mor-biden« Beginns. Maeterlinck empfindeich darin, die drückend-süße Ahnungdes Endes, den Beigeschmack vonparfümiertem Tod - alles Dinge, die


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