Juniheft 1997, Merkur # 579

Ernste Kommunikation. Die Schwierigkeit, es ernst zu meinen

von Dirk Baecker
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Sollte man sich dereinst fragen, worin die unverwechselbaren Kennzeichen der Epoche der europäischen Moderne bestanden haben (Aber wer wird das fragen? Und wann?), dann darf ein Kennzeichen nicht fehlen: Die europäische Moderne pflegt ein äußerst eigentümliches Verhältnis zum Ernst. In gewisser Weise ist er ihr abhanden gekommen. Es gibt ihn nur noch als Ernst der Verhältnisse, und in diesen Verhältnissen tendiert er mal zum Katastrophalen, mal zum Absurden, mal zum Hilf- und Ratlosen. Aber es gibt ihn nicht mehr als Ernst eines Gespräches. Wer ernst miteinander spricht, macht sich auf eine eigentümliche Weise entweder verdächtig oder lächerlich.

Es ist nicht einmal so, daß der Ernst nicht geglaubt würde. Man glaubt, daß es jemand ernst meint. Aber man kommt nicht umhin, jemandem, der etwas ernst meint, zu unterstellen, bestimmte wesentliche Dinge nicht begriffen zu haben. Wer es ernst meint, dem fehlt etwas. Darum muß, wer es ernst meint, dies mit einem augenzwinkernden Verweis auf die Verhältnisse kommunizieren. Er muß zeigen, daß er es auch nicht ernst meinen könnte. Sonst wird er nicht ernst genommen. Die Verhältnisse jedoch sind so ernst wie selten. Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur verhandeln unlösbare Probleme. Die Geschichte erinnert sich des Unvergeßbaren. Die Kunst ahnt das Schlimmste. In den Städten und Dörfern herrscht die Bedrückung. In unseren Träumen gibt es schon lange nichts mehr zu lachen. Aber kaum treffen wir aufeinander, suchen wir den Witz, die Heiterkeit, die Ironie, den Spaß und das Alberne. Die Berliner Love Parade ist das Großereignis einer Kommunikation, die die Freude sucht und die Freude kommuniziert. »It’s fun« ist bei unserem amerikanischen Bruder und Vorbild die stereotype Begründung für jedes Ereignis, zu dem man zusammenkommt, sei es das Kino, der Sport oder die Party. Die Einheit der Nation hierzulande findet »Samstag Nacht« statt, in einer Apotheose des Albernen, die an diagnostischer Schärfe sowohl des Ernstes der Verhältnisse wie unserer Unmöglichkeit, mit diesem Ernst ernst umzugehen, ihresgleichen sucht. Und eines der wenigen originären Ereignisse in der Kunst der achtziger und neunziger Jahre ist das Auftreten von Helge Schneider, der wie kein zweiter den Ernst des Albernen auf den Punkt und den Begriff bringt. Es wird nach wie vor ernst kommuniziert. Aber wo immer möglich überläßt man diesen Ernst den Verhältnissen und der Einsicht in die Verhältnisse. Das Geld und die Macht, die Liebe und die Wahrheit, das Schöne oder Häßliche und der Glaube müssen herhalten, wenn Ernstes ernst kommuniziert werden soll. Aber der Ernst trägt nur, solange allenfalls auf ihn verwiesen wird. Es ist ein Ernst, auf den man anspielt. Es ist ein Ernst, an den man glaubt und nicht mehr glaubt zugleich. Man testet ihn an den Einstellungen des anderen, am Verhalten des anderen. Spricht man ihn jedoch aus, zerfällt er. Fordert man ihn ein, löst er sich auf. Beruft man sich auf ihn, weicht er aus. Fragt man nach ihm, ist es niemand gewesen. Der Ernst ist das Gespenst der Moderne: Du fühlst, daß dich jemand anschaut, aber du weißt nicht, wer oder was das ist.

Man muß gesellschaftliche Institutionen aufbieten, will man ernste Kommunikation möglich machen. Niemand wird bezweifeln, daß vor Gericht, in der Arztpraxis, in einem wissenschaftlichen Seminar, in der Seelsorge, im Klassenzimmer und in der geschäftlichen Verhandlung ernst kommuniziert wird. Jeder meint dort, was er sagt, und sagt, was er meint. Schaut man jedoch genauer hin, sieht man, daß das Sagen und das Meinen und vor allem die Übereinstimmung von Sagen und Meinen in diesen Zusammenhängen vorreguliert ist. Es ist diese Vorregulierung, die ernst genommen wird. Und umgekehrt funktioniert der Ernst nur, weil er vorreguliert ist. Nichts wird in diesen Zusammenhängen schneller geoutet als der Witz, die Ironie, die Albernheit. Sie gehören nicht dazu, sie machen keinen Eindruck, sie ändern nichts. Sie bleiben einem im Halse stecken. In diesen Situationen übernimmt man Rollen. Und den Ernst der Rollen verletzt man nur um den Preis der Mißachtung der Situation. Man ist Angeklagter oder Richter, Arzt oder Patient, Professor oder Student, Lehrer oder Schüler, Käufer oder Verkäufer. Daran ist nichts zu deuteln. Darüber macht man keine Witze. Darüber gibt es nichts zu lachen. Das ist ernst zu nehmen. Aber kaum verläßt man die Situation, wird man ihren Ernst nur vermitteln können, wenn man ihn nicht ganz ernst nimmt. Man verläßt die Situation und die Rolle, die man darin spielt. Man kann versuchen, den Ernst der Situation mit hinauszunehmen und sich in diesem Ernst des Ernstes der eigenen Rolle zu vergewissern. Man kann demonstrieren, daß man über die Rolle hinaus auch als Person ernst genommen werden will. Aber das reicht immer nur so weit, wie es reicht. Irgendwann stößt man auf jemanden, und seien es Kind und Ehefrau, die freundlich abwinken und den Ernst Ernst sein lassen. Was dann? Wo steht man dann? Worauf wird man zurückgeworfen? Worauf soll man sich verlassen, wenn nicht auf den Ernst der Situation, der über die Situation herausreicht? Man stößt auf sich selbst und darauf, daß man sich ernst nehmen will, aber nicht ganz, nicht nur, nicht immer ernst nehmen kann. Nimmt man sich ernst, verfehlt man den Witz.

Es ist für die europäische Moderne typisch, daß sie auch jenseits der gesellschaftlich regulierten Situationen Ernst zu schaffen und zu sichern versucht. Und es ist für sie ebenso typisch, daß ihr dies systematisch nicht gelingt. Aufklärung, Romantik, Psychoanalyse und zuletzt die analytische Philosophie sind Großprojekte, sagen zu können, was man meint, und meinen zu können, was man sagt. Jedes dieser Projekte baut die Ironie des Scheiterns des vorherigen Projektes in sich ein. Schon die Aufklärung hatte schlechte Karten in den Augen all derer, die nicht nur zu reden, sondern sich auch umzuschauen wußten. Wie kann man die Philosophie ernst nehmen, wenn es allerorten drunter und drüber geht? Wie kann die Aufklärung verhindern, daß sie irgendwann selbst nicht mehr ernst genommen wird, wenn sie so respektlos Kirche, Ehe und Adel verspottet? Die Romantik führt die Ironie ein und versucht, zumindest diese ernst zu nehmen. Man braucht nicht mehr zu sagen, was man meint, aber man muß zumindest deutlich machen, daß man zu meinen versteht, was man nicht sagt. Aber das war und das bleibt bis heute zu spät. Die Ironie markiert nur noch den, der zumindest sich selbst ernst nehmen möchte − und das kann man nur ernst nehmen, wenn man Leidensgenosse ist. Die Psychoanalyse geht noch geschickter vor und entdeckt den tiefen Ernst all derer, die glauben, sich belustigen zu können. Sie läßt jede Hoffnung auf eine Übereinstimmung von Sagen und Meinen fahren und sucht den übereinstimmenden Ernst der Verhältnisse und Ernst der Person darin, daß beide unter dem Gesetz der Verkennung stehen. Der Ernst ist der Ernst des Todes. Wer wollte das bestreiten? Aber dieser Ernst war ein zutiefst bürgerlicher Ernst. Die Aristokraten hätten ihn nicht geteilt; und den Bürgern wurde er in den Weltkriegen verleidet. Der Ernst des Todes verlor sich im Zufall des Absurden und im Schrecken des Unverständlichen. Wer sich jetzt noch psychoanalysieren läßt, landet nicht mehr in der Aufklärung seiner selbst, sondern in einer kompletten Dekonstruktion, der es nur noch um den Verlust allen Ernstes ernst sein kann. Die Rückzugsposition angesichts des grassierenden Unernstes hält die analytische Philosophie. Weniger eine Sprachphilosophie als vielmehr eine Philosophie des einzelnen Wortes eruiert sie Möglichkeiten, dieses noch ernst zu nehmen und auf diesen Ernst sich noch verlassen zu können. Ein Wort, das Wort. Man erkennt den ganz alten, den geradezu biblischen Traum. Aber unglücklicherweise weiß diese Philosophie, daß der Ernst eines Wortes nicht in diesem selbst, nicht in dem, was es benennt, liegt, sondern darin, daß es benennt und daß es akzeptiert wird als Stellvertreter dessen, was es benennt. Der Ernst liegt darin, daß es ernst genommen wird. Darum entwickelt sich die analytische Philosophie zu einer Sprach- und Diskursphilosophie, ja sogar zu einer Kulturphilosophie, die nach Situationen, Verfahren und Bedingungen Ausschau hält, in denen gemeint werden kann, was gesagt wird; in denen herrschaftsfrei diskutiert werden kann; in denen die Suche nach dem Wort ernst genommen werden kann. Auch das ist biblisch. Im Kommentar wird der Ernst eines Wortes gesichert, von dem man weiß, daß es die gemeinte Sache verfehlt, verfehlen muß. Man kann sich auf den Ernst verständigen. Man kann den Ernst kommunizieren. Aber es ist ein Ernst, der in sich gebrochen ist. Woher kommt dieser Bruch? Worüber informiert er? Was sagt er uns über die Bedingungen der Kommunikation und über die Verhältnisse der Gesellschaft? Ich werde das Gefühl nicht los, daß der Alberne einen Schritt weiter ist als der Ironiker, sowie der Ironiker einen Schritt weiter ist als der Ernste. Aber Schritte wohin? Handelt es sich um Schritte aus der Aufklärung in die Aufklärung? Können wir die Formen der Einsicht, denn genau darum handelt es sich ja, nicht anders denken als unter dem Gesichtspunkt von Formen der Aufklärung? Und reden wir dann über etwas anderes als über den Ernst des Ernsten, den Ernst des Ironikers und den Ernst des Albernen? [WS, 18.09.2019]


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Heft 442, Dezember 1985