Novemberheft 1974, Merkur # 318

Fluss ohne Ufer

von Werner Helwig
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Der Satz aus Das Herz ist ein einsamer Jäger ist allgegenwärtig − in der kontrapunktischen Szenenführung, den liedhaften Dialogen, der betont herausgearbeiteten Coda in Frankie und in der Ballade vom traurigen Cafe, aber auch als eine nie aussetzende Binnenmelodie, die Carson McCullers’ Erzählen das verleiht, was sie selbst als das entscheidende Kriterium jeglicher Prosa gefordert hat, nämlich von »Poesie durchtränkt«, ja, selber Poesie zu sein. Als Hans Henny Jahnn 1959 mit 65 Jahren in seiner Vaterstadt Hamburg einem Herzinfarkt erlag, meinten seine Anhänger und Freunde, daß sich Zeichen und Wunder manifestieren müßten, so stark war er ihnen als ein Lebender eingeprägt. Daß er tot sein konnte, empfanden sie wie einen Verrat der Natur an einem ihrer engagiertesten Söhne. Das großangelegte, auf die Zukunft des Menschengeschlechts übergreifende, immer wieder von Neuem aufgezäumte Planen war mitten im Vollzuge unterbrochen. Vollender seines Werkes, Erben seines Geistes waren nicht in Sicht. Der eine dazu Erkorene, ihm vom Schicksal vermeintlich Zugewiesene, der Pflegesohn mit dem magisch verpflichtenden Namen Jan Yngve, hatte die Last dieses Vermächtnisses abgeschüttelt, um eigene Wege zu gehen. Und »der Raum antwortete nicht«. Dies, sein eigenes Verzweiflungswort noch bei Lebzeiten, war nun auf ihn anzuwenden. Nichts geschah. Kein Sturmwind erhob sich hinter diesem Verlöschen her. Nur, daß die Schöpfung – so konnte es den Jahnn-Gläubigen erscheinen − noch um einiges verlassener sei als zuvor.

Die Schöpfung, so nannte er mit frommer Betonung den Vorgang Welt, dessen leidenschaftlicher Ergründer – und Verkündiger er war. Die Öffentlichkeit ging zu den Angelegenheiten des Moments über, die Literaturgeschichte bemächtigte sich ihres Opfers als eines Stilisten (dichterischer Prosa) und die Musikgeschichte − zögernd und bis heute hin ohne stärkeres Erkennen − als eines Wissenden im Bereich der Töne. Jahnn war damit säkularisiert, handlich geworden in allem, was er hinterließ. Das andere bleibt offen, fraglich, unerledigt. Den Abschluß der von ihm eingeleiteten Gesamtausgaben der Barockkomponisten in seinem Ugrino Verlag hatte er nicht mehr erlebt. Daß außer einer Villa in Flottbek rein nichts von dem Architekten Jahnn zeugt, daß auf der Basis seiner biologischen Forschungen nirgends weitergearbeitet wird, auch daß seine landwirtschaftlichen Erkenntnisse nirgends »angekommen« sind, gehört anscheinend mit zu seinem Lebensverhängnis.


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