Februarheft 1994, Merkur # 539

Gedichte. Asphodelen

von Hans Magnus Enzensberger
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Komisch, der Gnostikerim vierten Stock ist immer noch wach. Er klopft und klopft an das Heizungsrohr. Vor dem Fenster der Mob ist verschwunden, und jetzt fängt es auch noch zu schneien an. In der ganzen Stadt gibt es keine Schnürsenkel mehr. Das MG-Feuer im Bankenviertel hat nachgelassen. Aber es sind noch ein paar Asphodelen da, im Kühlschrank, für alle Fälle. Nimbus Auch eines von diesen Worten, die sich davongemacht haben, lautlos. »Nebelhülle der Götter auf Erden, Strahlenglanz.« Nur unter Meteorologen fällt es noch, gelegentlich, wenn tiefhängende Regenwolken über die Chemiesteppe ziehen. An solchen Tagen gehe ich gern ins Museum, oder, im Hochsommer, in eine Kirche, wo es kühl ist, und betrachte ungläubig die Heiligenscheine.

Paolo di Dono, genannt Uccello Paolo di Dono, Sohn eines Baders, verlor sich in einer neuen Wissenschaft, einer neuen Zauberei: der Perspektive. »So ermüdet er die Natur«, hieß es, »bis der Geist sich füllt mit Schwierigkeiten und ungelenk wird.« Schlachten, Turniere. Die Krieger undurchdringlich im Augenblick vor dem Tod. Die Genauigkeit im Ungewissen. Hasen, Windhunde, Heuschrecken: Phantasmen unter der Mondsichel, im Orangenhain Wirbelstürme, Hufe und Füße. Einhörner auf den Wimpeln, geflügelte Helme, hohe Hauben aus Weidengeflecht, gepolstert mit Haar, das Futter scharlachrot, und eiserne Reiter von Schalmeien gehetzt, auf gigantischen Holzpferden, grün, weiß und rosa, mit panischen Augen. Jeder glaubt, er sei der Mittelpunkt. Nur der Maler nicht. [WS, 24.09.2019] Er arbeitet »ruhig, sauber,wie die Seidenraupean ihrem Faden«, arm,unnütz, menschenscheu,wild, »wirft erdie Zeit hinter die Zeitund ermüdet die Natur«.


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