Märzheft 2000, Merkur # 611

Geschichte. Eine Kolumne − Kapitalismus als Lebensform

von Gustav Seibt
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In seinem Buch über den Bourgeois diagnostizierte der Nationalökonom Werner Sombart 1913, die beiden Formen, die das Liebesleben des modernen Wirtschaftsmenschen annehme, seien »entweder die völlige Apathie oder der kurze äußerliche Sinnenrausch«. Exakt diese beiden Möglichkeiten hat der französische Erzähler Michel Houellebecq im Jahre 1998 auf die beiden Helden seines zeitkritischen Romans Elementarteilchen, die Halbbrüder Bruno und Michel, verteilt: Bruno ist sexsüchtig, Michel autistisch und liebesunfähig. Der erotischen Natur gleich fern stehe, so Sombart, »die unsinnliche wie die sinnliche Natur, die beide sich vortrefflich mit der Bürgernatur vertragen. Sinnlichkeit und Erotik sind fast einander ausschließende Gegensätze. Dem Ordnungsbedürfnis des Bürgers fügen sich sinnliche und unsinnliche Naturen, erotische nie ... die erotische Veranlagung widerstrebt allen Unterwerfungen unter eine bürgerliche Lebensordnung, weil sie niemals Ersatzwerte für Liebeswerte annehmen wird.«

Der sarkastische Traum, mit dem Houellebecgs Roman ausklingt, ist die Ersetzung von Sinnlichkeit durch Erotik: Die Fortpflanzung des Menschen wird entsexualisiert, nämlich durch Klonieren im Labor erledigt, dafür wird der ganze Körper dieses genveränderten neuen Menschen mit den Sinnesorganen der erogenen Zonen ausgestattet; die erlöste Erotik ist sexfrei, verspricht aber endlose Lust. Die Frage, ob dieser neue, sexuell gereinigte Mensch noch imstande wäre, das gegenwärtige Wirtschaftssystem der westlichen Welt aufrechtzuerhalten, stellt Houellebecq nicht. Seine morbide Kuschelutopie wurde allerorten als einziger ernstzunehmender Versuch akklamiert, doch noch ein anspruchsvolles Fin de siecle mit standesgemäßer Verzweiflung zustande zu bringen; und zweifellos treffen die Elementarteilchen einen Nerv. Für den deutschen Leser wirken sie wie eine grelle Bebilderung von Panajotis Kondylis’ kulturkritischem Traktat über den Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform aus dem Jahre 1991. Höhnisch hatte der brillante griechische Reaktionär den Emanzipationsbewegungen der sechziger und siebziger Jahre vorgerechnet, daß sie mit dem Abräumen der Reste von bürgerlicher »Repression« das Feld für die Funktionsimperative der Konsumgesellschaft bereinigt hätten; denn massenhafter Hedonismus erweitert die Märkte der Wohlstandsgesellschaft, und die »Emanzipation« vereinzelt die Menschen, die dadurch beliebig verschiebbar und fungibel für die Bedürfnisse einer immer schnelleren und flexibleren Wirtschaft werden. Das hatte Kondylis dargelegt, noch bevor das Internet und der »digitale Kapitalismus« so recht sichtbar geworden waren. Für ihn war die Revolte von 1968 nur eine Vorbereitung für das überschießende Wachstum des tertiären Sektors in jener Freizeitindustrie, die sich nach der primären Bedürfnisbefriedigung im Nachkriegswirtschaftswunder ausbildete. Auch Michel Houellebecq beschreibt die heutige Welt als Supermarkt. Seine Intention ist emanzipationsskeptisch und kapitalismuskritisch zugleich. Die sexuelle Befreiung und das durch sie prämierte Streben nach »Selbstverwirklichung« haben einen deregulierten Sexmarkt geschaffen. Die Menschheit teilt sich in die Schönen und Attraktiven, denen freie, vor allem kostenfreie Lust gegönnt ist, und in die anderen, die Dicken, Depressiven, Unhübschen, die nichts abbekommen und nur für Geld Sex haben können. Die Naturkräfte, namentlich die ungleich verteilte körperliche Ausstattung (nicht nur Attraktivität, sondern auch Schwanzgröße), setzen sich auf dem liberalisierten Sexmarkt mit ungehemmter Brutalität durch. Alle anderen Formen der Liebe − Eros, Kindes- und Elternliebe, Aufopferung für Kranke, Alte und Behinderte − verdorren in diesem grausamen Kosmos. Häßliches und gebrechliches Leben ist wertlos in den Regalen der vollends aufgeklärten und befreiten Welt. Eine erstaunliche Welle von Kulturkritik mit antikapitalistischen Zügen geht derzeit durch die Welt. Der Film Truman Show zeigte ein perfekt normiertes Dasein als Anhängsel der Werbewirtschaft. In Fight Club brechen Angestellte aus ihren Büros, ikeamöblierten Wohnungen und Selbsthilfegruppen aus, um sich mit nietzscheanischem Pathos als Männer beim Prügeln zu erproben; am Ende stürzen die Hochhäuser der New Yorker Banken im Bombenfeuer zusammen. Und Matrix entwickelt eine hoffmanneske Phantasie, die die bunte Oberfläche des Daseins als Epiphänomen einer Maschinenwelt darstellt, die pulsierendes Menschenblut zu Heizzwecken braucht. Keines dieser Motive ist neu; bemerkenswert ist aber, daß die Kultur- und Kapitalismuskritik jetzt im Herzen der Kulturindustrie, in Hollywood, angekommen ist und inzwischen ein Massenpublikum erreicht; auch der Erfolg des Houellebecq-Romans reicht über die Insidersphäre des Literaturbetriebs weithinaus.

Seit dem Ende des Kommunismus ist der Kapitalismus das Schicksal. Er mag dadurch wieder bedenkenloser geworden sein, aber es läßt sich auch wieder freier über ihn reden. Wer ihn kritisiert, muß sich nicht mehr davor hüten, einem diktatorischen Feind zuzuarbeiten. Längst gibt es eine neue nichtmarxistische ökonomische Literatur, die vor allem die jüngsten Auswüchse des Börsenkapitalismus aufs Korn nimmt; die Globalisierung ist Gegenstand eines besorgten Dauerdiskurses und neuerdings das Ziel gewaltsamer Demonstranten bei Wirtschaftsgipfeln. Aber auch der ganz alte materialistische Antikapitalismus reckt wieder sein Haupt, in Gestalt des Schwarzbuchs Kapitalismus. Robert Kurz kritisiert nicht Auswüchse und Symptome, sondern das System insgesamt und rollt dafür dessen Unheilsgeschichte seit der frühen Neuzeit auf. Das Problem für Kurz ist dabei allerdings, daß der Kapitalismus keine faßbaren Verantwortlichen hat, keine Partei, kein Programm und kein Zentralkomitee; er ist überall und nirgends, er hat nur ungezählte Mitläufer im Wettrennen der Konkurrenz. Zwar hat Kurz einen primären Schuldigen gefunden, den absolutistischen Staat, der gewaltsam die vereinheitlichten Märkte der Neuzeit schuf und so die alte lokale Subsistenzwirtschaft aushebelte. Außerdem beschuldigt er die frühen liberalen Philosophen, Mandeville, Smith, Kant, Bentham, Malthus und den Marquis de Sade, teils der Heuchelei, teils des gewissenlosen Zynismus; doch was die realen Folgen ihrer Lehren gewesen sein sollen, ist noch unklarer als bei den ähnlichen Zurechnungen an die Vordenker des Kommunismus. Der Sündenfall des Kapitalismus besteht für Kurz schlicht darin, daß die »menschliche Kommunikation in gesellschaftlichen Institutionen durch eine paradoxe Kommunikation der Waren und ihrer Preise untereinander auf einem anonymen Markt ersetzt worden ist«. Diesen »nicht verhandelbaren Systemprozeß« will Kurz wieder vergesellschaften, den stummen Preismechanismus allen Ernstes durch die »bewußte Selbstverständigung der Akteure« ersetzen, in einer Revolte der Basis, welche die Abstraktionen der Moderne wieder rückgängig machen müßte und wohl nur in einem Zusammenbruch aller überlokalen Strukturen zu realisieren wäre. Die wüste Materialschlacht von Kurz’ autodidaktisch zusammengeschustertem Werk ist bemerkenswert lediglich als Symptom: dafür, daß eine materialistische Fundamentalkritik am Kapitalismus offenbar nur noch um den Preis des Sektierertums zu haben ist. Daß die Anonymisierung der Wirtschaftsprozesse nicht nur Entfremdung und Ausbeutung bedeutet, sondern − ebenso wie die Arbeitsteilung − vermutlich die dauerhafteste Garantie für die individuellen Freiheiten der Moderne sein könnte, dieser Gedanke kommt Kurz nicht. Die derzeit wiederkehrende antikapitalistische Stimmung ist allerdings vielfach ganz unökonomisch; sie richtet sich gegen den Kapitalismus als Kultur und Lebenswelt. Das gibt ihr einen pessimistischen, ja fatalistischen Zug. Die Gesten der Revolte in den Hollywoodfilmen sind anarchisch, nicht utopisch. Die kulturkritische Zielrichtung teilt der gegenwärtige Antikapitalismus mit der großen deutschen Kapitalismusdebatte vor dem Ersten Weltkrieg. »Der Kapitalismus ist an erster Stelle kein ökonomisches System der Besitzverteilung, sondern ein ganzes Lebens- und Kultursystem«, schrieb Max Scheler 1913. Scheler beobachtete damals allerdings noch mit gewissen Hoffnungen antibourgeoise und kapitalismuskritische Affekte im kulturellen System. Er fand sie im George-Kreis, in den Jugend- und Reformbewegungen, in den Bestrebungen zur Befreiung von Liebe und Frau (Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. Frankfurt am Main: Eichborn 1999; Max Scheler, Ethik und Kapitalismus. Berlin: Philo 1999).


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