Augustheft 2000, Merkur # 616

Geschichte. Eine Kolumne −Das Papsttum

von Gustav Seibt
Ihnen stehen 35% des Beitrags kostenlos zur Verfügung

Es gibt nur eine Institution, für die das dritte Jahrtausend mehr ist als eine große, rekordträchtige Zahl: die katholische Kirche und ihre Leitung, das römische Papsttum. Nicht die Kirche, wohl aber das Papsttum steht heute besser da als vor hundert Jahren, als es, umgeben von kraftstrotzenden Nationen und einer immer noch fortschrittsgläubigen Kultur, im Vatikan eingeschlossen lebte − in unversöhnlichem Zwist mit Italien, das soeben am Kapitol ein Nationaldenkmal errichtete, welches die Peterskuppel an Höhe übertreffen sollte. Im Jahr 2000 ist Rom wieder eine universale Stadt, der Altar des Vaterlandes ist längst zu einer Peinlichkeit geworden, und der Papst zieht die Summe der Jahrhunderte glaubwürdiger als jeder weltliche Staatsmann. Als Johannes Paul II. vor der Klagemauer in Jerusalem stand, da mußte jeder spüren, daß dies nicht einfach ein Fernsehereignis nach amerikanischem Muster war, sondern einer jener grundlegenden kirchenhistorischen Akte, die einst in den Apsismosaiken der großen Basiliken dargestellt wurden. Es gibt kein Ereignis der Weltgeschichte, das Heilsgeschichte so dementiert und zugleich das Bedürfnis nach ihr so fühlbar macht wie der Holocaust. Dieser extremen theologischen Herausforderung hat sich erst der polnische Papst gestellt, in dessen Heimatdiözese Auschwitz liegt. Ohne Auschwitz wäre es, so muß man vermuten, nicht nur nicht zur Bitte um Vergebung gegenüber den Juden gekommen, sondern zu überhaupt keinem Mea culpa, nicht zur Revision des Prozesses gegen Galilei, nicht zur Entschuldigung gegenüber Hussiten, Protestanten und Frauen, nicht zum Bedauern über die Untaten der Inquisition und die gewaltsame Missionierung zumal der Indianer.

Bedeutsam und gewichtig konnten all diese Akte aber nur werden, weil die katholische Kirche und das Papsttum eine so überaus konservative Institution bilden, zementiert in ihrenÜberlieferungen, ihrem Rechtssystem, ihrer starrsinnigen Dogmatik. Die Kirche lebt als einzige geschichtliche Einrichtung der Menschheit wirklich in Jahrtausenden, und in ihren Fundamenten sind immer noch Steine vom Tempel in Jerusalem und vom Jupitertempel auf dem Kapitol eingemauert; noch immer heißt der Priesterkönig an ihrer Spitze Pontifex maximus, wie der Oberpriester des alten Rom.Und all das ist nicht einfach Tradition, sondern es ist geltende Doktrin. Kirche ist in dieser Doktrin ein »Heilsinstrument des heiligen Gottes ... Deshalb ist sie unzerstörbar im Bekenntnis der Heilstaten Gottes, in ihrem Glauben, ihrer Lehre und in den sakralen Lebensvollzügen, die Christus ihr eingestiftet hat.« So hat es soeben noch einmal die internationale theologische Kommission des Vatikans eingeschärft, die das Mea culpa des Papstes mit einer Kommentarschrift begleitete. »Aber die Kirche des dreieinigen Gottes besteht auch aus Menschen, die auf dem Weg ihres Glaubens immer versagen und der Versuchung zur Sünde verfallen können.« Die Kirche ist beides: der mystische Leib Christi und eine geschichtliche Erscheinung, sie steht an der Schnittstelle von Ewigkeit und Zeitlichkeit wie jene Civitas Dei, die nach Augustinus zunächst unerkennbar inmitten der Civitas terrena lebt. Die Kirche ist das, was die Nationen immer nur mühsam postulierten und meist gewaltsam und künstlich durchsetzen mußten: eine Gemeinschaft der Lebenden und der Toten, jener Sterblichen, deren Fleisch einst auferstehen soll. Deshalb kann die Kirche sich viel glaubwürdiger als jede Nation für Taten entschuldigen, die viele Generationen zurückliegen. Daß es ihr schwerfiel, diesen Schritt zu tun, ist das Signum ihrer Einheit durch die Jahrhunderte. Diese Einheit vermißte die Papstkirche des 19. Jahrhunderts bei den Regimen des revolutionären Zeitalters, und schon deshalb weigerte sich der Papst, mit dem italienischen Nationalstaat in Rom zusammenzuleben und dessen Garantien für seine Unabhängigkeit zu akzeptieren. Wie sollte eine mit Jahrhunderten rechnende Institution sich auf Verträge mit einem Staat einlassen, der in einem revolutionären Sturmlauf soeben ein Dutzend legitimer Kleinstaaten von der Landkarte gefegt hatte, der sich regelmäßig eine neue Regierung wählte, seine Eroberungen durch Plebiszite sanktionierte und sich nicht scheute, immer wieder seine Verfassung zu ändern? In der Enzyklika »Ubi nos« vom 15. Mai1871 wies Pius IX. das italienische Garantiegesetz zurück, denn der Papst dürfe nicht von einem Herrscher abhängig werden, »der sogar ein Irrgläubiger oderKirchenverfolger oder im Kriege oder im Kriegszustande mit anderen Fürsten sein könnte«. Diese Sorge war nicht vorgeschoben, denn sie resümierte eine Erfahrung am Beginn des Pontifikats von Pius IX. Dieser hatte dem Kirchenstaat 1846 eine der liberalsten Verfassungen Italiens gegeben und Sympathien für die patriotischen Bestrebungen, die sich vor allem gegen die österreichische Fremdherrschaft richteten, erkennen lassen, mit der Folge, daß das ganze Land ihn als nationalen Vorkämpfer bejubelte; Pius hatte Mitbestimmung in seinem Staat gewährt, und Italien erwartete daraufhin den gewaltsamen Befreiungskampf gegen Österreich. Als der Papst dies ablehnte mit der Begründung, auch die Österreicher seien Schafe des römischen Oberhirten, verfiel er umgehend dem wütenden Haß des nationalen Lagers [Internationale Theologische Kommission (Hrsg.), Erinnern und Versöhnen. Die Kirche und dieVerfehlungen in ihrer Vergangenheit. Freiburg: Johannes Verlag 2000.] [WS, 13.09.2019]


Weitere Artikel von Gustav Seibt

Historien der Deutschen. Ein Literaturbericht − Geschichte der Geschichtsschreibung

Im Sommer 1985 erschien im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel der DDR eine vielsagende Äußerung über ein ehrgeiziges Verlagsunternehmen in der Bundesrepublik. Das ostdeutsche Organ lobte das im Siedler-Verlag in West-Berlin erscheinende Sammelwerk Die Deutschen und ihre Nation. Hierliege nun endlich, so hieß es, die Nationalgeschichte der BRD vor, so wie im VEB Deutscher Verlag (… lesen)

Heft 526, Januar 1993

Geschichte. Eine Kolumne − Kapitalismus als Lebensform

In seinem Buch über den Bourgeois diagnostizierte der Nationalökonom Werner Sombart 1913, die beiden Formen, die das Liebesleben des modernen Wirtschaftsmenschen annehme, seien »entweder die völlige Apathie oder der kurze äußerliche Sinnenrausch«. Exakt diese beiden Möglichkeiten hat der französische Erzähler Michel Houellebecq im Jahre 1998 auf die beiden Helden seines zeitkritischen Romans Elementarteilchen, die Halbbrüder (… lesen)

Heft 611, März 2000