Juniheft 1995, Merkur # 555

Geschichte. Eine Kolumne − Wissenschaft als Beruf

von Patrick Bahners
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Die Wissenschaftsgeschichte ist ein schaffender Spiegel. Das Bild, das die Geisteswissenschaften von ihrer Vergangenheit geben, ist ein Entwurf ihrer Zukunft. Die Ahnengalerie besteht aus Selbstporträts. Auch wer den Spiegel zerschmettert, hinterläßt seine Signatur. Die gegenwärtige Konjunktur der Gelehrtenbiographie markiert eine Rückkehr zum Realismus im historischen Stil, den Abschied von den Illusionen der Abstraktion. Jüngere Historiker sind skeptisch geworden gegenüber dem idealistischen Glauben an die Strukturen hinter den Ereignissen, auch gegenüber den Schulstreitigkeiten ihrer Lehrer. Sie kultivieren einen fröhlichen Eklektizismus. Die Theorien des sozialen Wandels zitieren sie effektvoll; aber sie relativieren die Herrschaftsansprüche der Begriffe, indem sie Geschichten erzählen. Das Bilderverbot der theoriegeleiteten Sozialgeschichte, der Bannfluch gegen die Naivität der Narration, schreckt sie nicht mehr, da sie darin den Ausdruck einer anderen, tiefer sitzenden Naivität vermuten, die der Geschichtswissenschaft beiderseits des Historismus eigen ist: des Glaubens an die Erhabenheit der Methode. Das geschichtstheoretische Projekt, Parteilichkeit und Objektivität methodisch zu versöhnen, überwand den Objektivismus nicht, sondern vollendete ihn. Der Wissenssoziologe erkennt die Parallelen zwischen dem Kult der Quellenkritik im Historismus und der Verehrung der Theorie in Bielefeld. In beiden Fällen demonstriert der Gebrauch einer Fachsprache die Beherrschung technischer Verfahren. Der Fachmann distanziert sich vom Laien; die neue Richtung definiert die Regeln des alten Spiels.

Wie jede Revolution ist auch die wissenschaftliche Variante ein Kampf um Macht und Status: Souverän ist, wer über die Lehrbücher gebietet. Die nachgeborene Generation, die die Früchte des Sieges genießt, kann sich den ironischen Blick auf die heroischen Fiktionen der Väter erlauben. So enthüllte der Rankeverehrer Ottokar Lorenz 1891 in Die Geschichtswissenschaft in Hauptrichtungen und Aufgaben kritisch erörtert, einem amüsanten Überblick über die historischen Schulen, daß es gar keine Regeln der Quellenkritik gibt, die sich für einen erfahrenen Leser nicht von selbst verstehen. Und so sind es heute Dissertationen aus der Schule von Jürgen Kocka, die mit bewährter Gründlichkeit die These vom Sonderweg des deutschen Bürgertums widerlegen (Gunilla-Friederike Budde, Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien 1840−1914. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1994). Eine künftige Geschichte der Geschichtswissenschaft wird im Geiste von Paul Veyne die Frage stellen: Glaubten die Bielefelder an ihre Mythen? Die neue Beliebtheit der Gelehrtenbiographie bezeichnet eine Epoche disziplinärer Selbstreflexion, in der auf die Erkenntnis wissenschaftlicher Defizite nicht mehr der Ruf nach noch mehr Wissenschaft antwortet. Die Empiriker wünschten ihr Selbst gleichsam auszulöschen. Die Theoretiker zogen die Absichten ihrer Vorgänger unter der Rhetorik der Absichtslosigkeit hervor, nur um ihr eigenes Selbst hinter den potemkinschen Aufbauten der Methodologie umso gründlicher verschwinden zu lassen. Die Eklektiker verschmähen die erste Person Singular nicht. Wenn sie das Leben der Gründerfiguren ihrer Fächer beschreiben, zeigen sie, daß schon die Erfinder der Methode improvisierten, bei allen Autoritäten Anleihen machten und immer auch sich selber meinten, wenn sie von der Sache sprachen.

Wir alle mögen Zwerge auf den Schultern von Riesen sein. Aber im finsteren Wald der unübersehbaren Wirklichkeit ist auch der Größte ein Winzling, der alle Wendigkeit des kleinen Mannes braucht. Unbegründet ist die Befürchtung, die Renaissance des biographischen Vorgehens werde zu einer Heroisierung der Forscherleben führen. Der moderne Gelehrtenbiograph hat die Augen des Kammerdieners. Friedrich Lenger tritt Werner Sombart so nahe wie möglich (riedrich Lenger, Werner Sombart 1863−1941. Eine Biographie. München: Beck 1994). Er studiert jenes Dokument, das die intimen Geheimnisse des bürgerlichen Haushalts verzeichnet: das Rechnungsbuch. Womit konnte der Professor der Nationalökonomie wirtschaften? Wie ernährte der Extraordinarius seine Familie? Welchen Gewinn versprach der Aufstieg zum Ordinarius? Und wofür gab der Bourgeois das Geld wieder aus? Nur unter Knappheitsbedingungen gibt es Präferenzen und also Individualität. Biographien kann man erst in der Marktwirtschaft schreiben. 1928 mußte Sombart den Großteil seiner Bibliothek nach Japan verkaufen. 1929 erwarb er Goethes Werke in der Ausgabe letzter Hand, sechzig Bände. Indem Lenger den Idealismus der deutschen Professorenschaft auf seine materiellen Grundlagen zurückführt, beugt er dem Risiko vor, ihm zu erliegen. Als Bedingungen der Möglichkeit akademischer Freiheit erweisen sich die Nebeneinnahmen. Der Hasard, den in Kauf nahm, wer Wissenschaft als Beruf betrieb, wurde wenigstens auf kurze Frist dadurch kalkulierbar, daß Beiträge für Fachzeitschriften nicht schlecht bezahlt wurden. Sombart, der als außerordentlicher Professor in Breslau ein Amtseinkommen von 6000 bis 7000 Mark im Jahr bezog, erhielt für eine Serie kurzer Artikel über die sozialen Verhältnisse in Italien, die zwischen 1892 und 1894 im Socialpolitischen Centralblatt erschienen, 650 Mark. Das Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik zahlte pro Bogen 80 Mark. Noch höhere Honorare waren bei Kulturzeitschriften für ein allgemeines Publikum mit Bildern aus der vorkapitalistischen Vergangenheit zu verdienen. Die Nachfrage nach Kulturkritik ermöglichte Sombart auch eine Karriere als Vortragsreisender, der vor 1914 500 Mark pro Abend verlangen konnte. Die Konzertagentur, die seine Tourneen organisierte, warb auf ihren Briefbögen mit seinem Namen − neben dem von Gerhart Hauptmann. Daß die Professoren in der Weimarer Republik ihre marktbeherrschende Stellung auf dem Deutungssektor verloren, hat auch damit zu tun, daß die bürgerlichen Inflationsverlierer keine Eintrittsgelder mehr zahlen konnten (und mußten), um die schädlichen Folgen des modernen Kapitalismus kennenzulernen. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit läßt sich materialistisch erklären. Dem Hochschullehrer bescherten Krieg und Inflation auch einen relativen Einkommensverlust. Als Professor an der von der Kaufmannschaft getragenen Berliner Handelshochschullehre verdiente Sombart 1913 siebenmal so viel wie ein ungelernter Arbeiter. 1922, nachdem er endlich zum Ordinarius an der Berliner Universität berufen worden war, hatte sich der Vorsprung auf den Faktor zwei reduziert. Lengers Rechnungen belegen die schicksalhafte Macht der Ökonomie: Ein Grund für die Anfälligkeit der geistigen Arbeiter für die nationale Revolution war relative Deprivation. In Sombarts Fall verschärfte das Erlebnis der Deklassierung allerdings nur eine Spannung, die seine gesamte Existenz als Wirtschaftssubjekt begleitet hatte: die Differenz zwischen Ansprüchen und Ressourcen. Sein Kollege Ferdinand Tönnies warf ihm vor, sein Sinn sei zu sehr auf »Lebensgenuß« gerichtet; Sombart nahm dem asketischen Freund übel, daß dieser bei einem gemeinsamen Theaterbesuch Karten für die billigen Plätze gekauft hatte. Die doppelte Buchführung war für den Autor des Modernen Kapitalismus das Symbol des ökonomischen Rationalismus, weil sie Kapital und wirtschaftende Person trennte. Indem Lenger Soll und Haben in der Sombartschen Haushaltsführung gegenüberstellt, legt er eine »Diskrepanz zwischen Rollenerwartung und aktueller Lebensführung« bloß. Der Ökonom wird zum Exempel für die Grenzen der Rationalisierung des Wirtschaftslebens. Lenger wendet Sombarts Methoden auf Sombart an. Die Leitfrage nach der »Lebensführung« macht aus der Biographie eine Fallstudie zu Sombarts Untersuchungen über den »Bourgeois«. Denn Bilanzsummen allein lassen den Geist des modernen Wirtschaftsmenschen noch nicht erkennen. Als Historiker der deutschen Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert wollte Sombart wissen, »ob Professoren, ohne ›über ihre Verhältnisse‹ zu leben, bei ihren Gesellschaften französischen statt deutschen Champagner geben konnten«. Lenger, der unfehlbare Buchhalter, bleibt die Antwort nicht schuldig. Am 31. Oktober 1891, bei der Tauffeier der ältesten Sombarttochter, wurde zum opulenten neungängigen Menü neben einer Reihe ausgesuchter Weine auch der obligate Pommery gereicht. Die Diskrepanz zwischen Rolle und Person hat der Biograph nicht nur für den Haushaltsvorstand, sondern auch unter anderen Rubriken der Lebensbilanz zu konstatieren. Da ist die Rolle des mönchischen Forschers, der in mystischer Kommunion die Arbeit als »liebe, ewig beglückende Freundin« umfängt. Und da ist die Person des unbefriedigten Gatten, der sich nach dem Urteil Max Webers durch sein Prahlen mit sexuellen Eroberungen die Karriere verdirbt. Da ist die Rolle des strengen Wissenschaftlers, der an Marx den Verzicht auf ethische Sentimentalitäten bewundert. Und da ist die Person des patriotischen Essayisten, der die moderne Wirtschaftsweise als englisches Nationallaster verteufelt. Die Rolle des Wächters über die Volksgesundheit, der den Konsum von Tabak und Alkohol tadelt − und die Person des Zigarrenrauchers und Weinkenners. Schließlich die Rolle des harmonischen Menschen in der Nachfolge Goethes − und die Person des Rollenspielers. [WS, 19.09.2019] Ist am Ende der Buchprüfung nicht derBankrott festzustellen? Steht der Gelehr-te nicht als Geschäftemacher da, der allesangefangen und nichts zu Ende geführthat? Aber die Summe sagt eben für sichgenommen noch nichts aus. Sombarterscheint in Lengers Darstellung als Le-benskünstler, der sich auf Dauer in keineRolle zwängen läßt. Er ist nie um einekühne Idee verlegen, um sich wiederKredit zu verschaffen: der Händler alsHeld. Es macht die Lebendigkeit dieserBiographie aus, daß die Hauptfigur sichimmer wieder der Rollenzuschreibungentzieht - und vielleicht ist das einfachder Inbegriff des Lebens.Als Herausgeber der WochenschriftMorgen trat Sombart 1907 mit einemkulturphilosophischen Manifest hervor.»Das innerste Wesen des Kulturpro-blems ist Tragik: ist der Zwiespalt zwi-schen unserem Drängen nach höchstper-sönlicher freier Gestaltung unseres Le-bens und dem, was uns von außen her alsoft genug verhaßte Notwendigkeit auf-gezwungen wird.« Der Sozialhistorikerbestätigt, daß hier tatsächlich eine gülti-ge Beschreibung der Lebenssituation desGebildeten in der modernen Welt gege-ben wird. Aber er entdramatisiert dieTragik des Kulturproblems: Der Salon-löwe und Don Juan, der Wissenschafts-politiker und Begriffsschöpfer zeigteweit mehr Fähigkeit zur Weltbemächti-gung, als der Kulturpessimist für mög-lich hielt. Lengers Ausgang von der Le-bensführung, dieser denkbar prosaischeAnsatz, erweist sich als geschickter lite-rarischer Kunstgriff. Die Rechenhaftig-keit unterbietet die Flamboyanz der


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