Januarheft 1996, Merkur # 562

Geschichte. Eine Kolumne − Vita brevis

von Patrick Bahners
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Was bleibt? Mancher mag dieses schwermütige Chanson, den Ohrwurm des Jahres 1989, nicht mehr hören. Es geht nicht ohne Peinlichkeit ab, wenn die Parteileute des Fortschritts sich um die bleibenden Werte sorgen. Mit gleichem Recht könnte der Vorstandsvorsitzende von McDonald’s den Verfall der Eßkultur bedauern. Bisweilen meint man, die Linken hätten die Veränderung nie so leidenschaftlich gefordert, wie sie sie heute beklagen. Eric Hobsbawm dürfte nicht so schnell in den Verdacht geraten, er sei ein Trittbrettfahrer auf dem Omnibus der Melancholie (Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München: Hanser 1995). Als seine Kollegen in der legendären Historikergruppe der Kommunistischen Partei Großbritanniens die romantische Tradition der englischen Arbeiterbewegung erneuerten, beharrte er auf der Strenge des Begriffs. Christopher Hill mochte in seinen Visionen wie ein Bußprediger des Bürgerkriegs das Unterste zuoberst kehren, E. P. Thompson mochte in seinen Träumen Hand anlegen beim Maschinensturm − Hobsbawms Interesse an den »primitiven Rebellen« in italienischen Bergen und südamerikanischen Schluchten war wissenschaftlicher Natur. (Die Hagiographie der ketzerischen Scholastik tat sich mit Hobsbawms unbelasteter Orthodoxie schwer. Siehe Harvey J. Kaye, The British Marxist Historians. An introductory analysis. Oxford: Polity Press 1984) Rebellionen mußten niedergeschlagen werden, sonst würde die Revolution niemals siegen. Der Marxist hat die Partei aller Sieger in der Geschichte genommen, weil er der letzte sein wollte. Er hat nie Mitleid gespendet und darf sich auch kein Selbstmitleid erlauben. Hobsbawm fragt endlich einmal ohne Larmoyanz: Was bleibt? In seiner Geschichte des 20. Jahrhunderts hat die Frage zwei Seiten. Sie betrifft zum einen den Gegenstand, zum anderen die Methode. Was bleibt vom 20. Jahrhundert, nach dem Niedergang und Fall der Weltreiche, nach der Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen, nach dem Absturz in die Barbarei des industrialisierten Völkermords? Was ist aus den Hoffnungen geworden, den Träumen von internationaler Verständigung, den Projekten makroökonomischer Planung, den Parolen der künstlerischen Avantgarde? Begleitet wird die Prüfung der Epoche durch eine Selbstprüfung ihres Zeugen. Die Aussagen zur Sache sind gleichsam nur der Überbau der Untersuchung. Ihre Basis, das geheime Erkenntnisinteresse, ist eine andere Frage: Was bleibt von der marxistischen Interpretation der Geschichte? Eric Hobsbawm wurde 1917 geboren, im Jahr einer Revolution, die ihre Parteigänger zum Anfang einer neuen Weltära ausriefen. Hobsbawm, der aus dem jüdischen Bürgertum Mitteleuropas stammt und 1933 von Berlin nach England floh, schloß sich als Student dieser Partei an. Wer Kommunist war, übernahm nicht nur einen Entwurf der kommenden Epoche, sondern auch einen Aufriß des eigenen Lebens. Wann immer er geboren sein mochte, die Oktoberrevolution wurde zum wichtigsten Datum der eigenen Biographie. 1917 war das Versprechen eines künftigen Ereignisses, der Weltrevolution; ihr Eintreten würde bestätigen, daß das Leben des Revolutionärs einen Sinn gehabt hatte. Der Sieg der Konterrevolution in Rußland im Jahre 1991 enttäuschte dieses Versprechen. Jeder, der sein Leben auf die Verheißung von 1917 setzte, hat die Wette mit der Weltgeschichte verloren (Sechs Fälle seziert Heinz Bude, Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938−1948. Frankfurt: Suhrkamp 1995). Der Sinn seiner Existenz war ein Wechsel auf die Zukunft; nun ist der Wechsel geplatzt. Jedes menschliche Leben ist der Entwurf einer Biographie, den die Geschichte durchkreuzt. Aber der Kommunist durfte glauben, daß sein Entwurf wissenschaftlich verbürgt und daher gegen Widerlegung geschützt war. Er war nicht nur ein Versuch, der sich als Irrtum entpuppen konnte, wie in der frivolen Existenzform der Lebenskünstler aus der Schule Karl Poppers. Entweder rechtfertigte die Geschichte die eigene Entscheidung, oder das Leben hatte nie einen Sinn gehabt. Für die Rechtgläubigen gab es auch hier keinen dritten Weg. Mit der Auflösung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ging strenggenommen auch das Leben jedes Kommunisten zu Ende. Manchem mag es verfrüht erscheinen, daß Hobsbawm schon jetzt eine Geschichte unseres Jahrhunderts vorlegt. Hätte er sich nicht noch ein halbes Jahrzehnt gedulden können, um vom Scheitern der europäischen Währungsunion und von den Weltuntergangsstimmungen in der Silvesternacht 1999 zu berichten? Für Hobsbawm hat das Säkulum sein Ende gefunden, für das Lenin einen Hundertjahresplan geschrieben hatte. Das Ende kam überraschend und machte jeden Plan zunichte. Daher nennt Hobsbawm das Jahrhundert ein kurzes. Man muß die tiefe Melancholie in dieser lakonischen Formulierung hören. Scheinbar wird nur ein chronologischer Sachverhalt festgestellt. In Wahrheit nimmt Hobsbawm die eschatologische Verheißung der marxistischen Geschichtsphilosophie zurück. Die kommunistische Partei verkündete ihren Mitgliedern eine irdische Unsterblichkeit. Mochte auch der einzelne im Kampf untergehen, er würde doch weiterleben in der siegreichen Gruppe. Der Kommunist nach dem Ende des Kommunismus ist zurückgeworfen auf die eigene Lebenszeit. Sein Leben ist schon fast vorüber; er blickt sich um und sieht, daß es kurz war. So ist dieses Buch eine Autobiographie; es ist die einzige Art von Autobiographie, die ein marxistischer Historiker schreiben darf: Das individuelle Leben wird in den kollektiven Zusammenhang eingerückt. Der Gang der Weltgeschichte verdeutlicht, weshalb der Historiker sie so gedeutet hat, wie er sie gedeutet hat. Zwar begegnet uns der Autor auch auf oder besser vor der Bühne des Geschehens: Er betrachtet den einbalsamierten Stalin und wundert sich, daß er so klein ist, er hört eine endlose Rede des siegreichen Castro und wundert sich nicht, daß sie so wirr ist. Aber das eigentliche Subjekt der Autobiographie ist der Historiker. Hobsbawm erklärt, weshalb ein junger Intellektueller in den dreißiger Jahren die marxistische Welterklärung plausibel finden konnte. Er geht sogar noch weiter und will demonstrieren, warum jemand in seiner Lage das marxistische Szenario für schlüssig halten mußte. Aber dieser Determinismus ist ja selbst eine marxistische Prämisse; restlos wird Hobsbawm im Ernst nicht erklären wollen, warum jemand sich entscheidet, Marxist zu werden, sonst könnte man von einer Entscheidung gar nicht mehr sprechen. Eric Hobsbawm entschied sich schon als Schüler für das Gute und gegen das Böse, für die Zukunft und gegen die  Vergangenheit. Der Historiker erläutert, daß diese manichäische Wahrnehmung der Welt in einer Zeit realistisch erschien, als alle kapitalistischen Staaten Symptome ökonomischer, politischer und geistiger Krisen zeigten und nur die Sowjetunion eine Alternative bot. Das Erlebnis des Spanischen Bürgerkriegs machte die Schwarzweißmalerei moralisch zwingend. Mit dem Ende der bipolaren Welt ist zweifelhaft geworden, ob man die bisherige Geschichte immer noch als Geschichte von Klassenkämpfen betrachten kann. Die Frage, was vom kommunistischen Jahrhundert bleibt, führt von selbst auf die Frage, was von der marxistischen Geschichtsauffassung bleibt. »Der Natur seiner Ideologie nach hatte der Kommunismus gefordert, an seinen Erfolgen gemessen zu werden.« Jetzt muß sich zeigen, ob die Wissenschaft mehr war als Ideologie. Dieser Zusammenhang von Gegenstand und Methode macht das Buch zu einem historischen Dokument, zu einer Probe auf Reinhart Kosellecks These, daß die Besiegten die besseren Historiker sind, weil die Enttäuschung ihrer Erwartungen sie zur Prüfung ihrer Prämissen zwingt (Reinhart Koselleck, Erfahrungswandel und Methodenwechsel. Eine historisch-anthropologische Skizze. In: Christian Meier/ Jörn Rüsen (Hrsg.), Historische Methode. T'heorie der Geschichte. Band 5. München: dtv 1988). Wie Thukydides nach der Niederlage Athens die Geschichte des Krieges schrieb, in dem er selbst zu den geschlagenen Feldherrn gehört hatte, so fragt Hobsbawm, warum das kommunistische Sparta, das erfolgreich an die Askesebereitschaft junger Intellektueller appelliert hatte, dem verweichlichten Westen unterlag. Marx verachtete den Sozialismus der Tränendrüse. [WS, 18.09.2019] Auch für diesen marxisti-schen Gelehrten gilt die Losung: Nurkeine Sentimentalitäten! Rezensentender englischen Originalausgabe habenEmpathie mit den Opfern des Stalinis-mus vermißt. Das ist insofern nicht ganzfair, als Hobsbawm auch das Leiden derOpfer des Nationalsozialismus nichtmitfühlend schildert, zu denen er selbstbeinahe gehört hätte. Vom Marxismusist hier ein Humanismus geblieben, dersich mehr für die Menschheit als für dieMenschen interessiert. Bisweilen, wennHobsbawm den Kampf zwischen Mäch-tigen und Machtlosen als Zusammen-stoß physikalischer Massen beschreibt,weht den Leser ein Eiseshauch an. Mitdieser Objektivität hat man in Deutsch-land einmal Staatengeschichte geschrie-ben und Machtpolitik getrieben, als wä-re der Globus ein Labor des Machiavellis-mus. Als Gefühllosigkeit wäre Hobs-bawms Haltung mißverstanden. Viel-mehr ist sie das Resultat der ungeheurenAnstrengung, sich von den Gefühlennicht überwältigen zu lassen. Das 20.Jahrhundert gibt allen Grund zur mora-lischen Entrüstung. Hobsbawm aberwill nicht moralisch urteilen, ohne histo-risch zu verstehen. Der historische Mate-rialismus nimmt für sich in Anspruch,als einzige Weltanschauung eine Wis-senschaft zu sein. Ob er diesen Anspruchzu Recht erhebt, entscheidet sich in letz-ter Instanz nicht an der Richtigkeit sei-ner Prognosen, sondern am Ethos desForschers.In seinen wissenschaftlichen Haupt-werken hat Hobsbawm die materialisti-sche Methode auf die Epoche angewen-det, für die sie entwickelt worden war:auf Marx’ eigene Lebenszeit. Das 19.Jahrhundert war ein langes, es begannschon 1789, mit dem herrlichen Sonnen-aufgang der Französischen Revolution,


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