Maiheft 1996, Merkur # 566

Geschichte. Eine Kolumne − Denkformen im Mittelalter

von Patrick Bahners
Ihnen stehen 26% des Beitrags kostenlos zur Verfügung

Edward Gibbon nennt den älteren Plinius »a writer of an inquisitive but censorious temper«. Man kann diesen Titel auf den Autor übertragen, der die Schicksale des antiken Naturhistorikers im christlichen Mittelalter verfolgt hat (Arno Borst, Das Buch der Naturgeschichte. Plinius und seine Leser im Zeitalter des Pergaments. Zweite, verbesserte Auflage. Heidelberg: C. Winter 1995). Den Forscherfleiß bezeugen nicht allein die Fußnoten: kein Turmbau zu Babel aus Meinungen und Gegenmeinungen, sondern Fundamente aus Fundstellen. Die Tragfähigkeit beweist ein Anhang, der 307 Handschriften der Naturalis historia aufzählt. Diese gewaltige Bibliothek ist aber nur ein kleiner Teil des Materials. Wer im Mittelalter Plinius gelesen hat, hat auch geschrieben. Und er hat nicht nur Plinius gelesen. Wer die Spuren entziffern will, die die Lektüre des Plinius hinterlassen hat, kann die gesamte mittelalterliche Literatur heranziehen und ihre antiken Quellen. Denn Plinius hat über alles geschrieben, über Fabeltiere, die noch kein Mensch gesehen hat, und über alltägliche Verrichtungen, die jeder kennt. Man kann nie wissen, wem er nützlich gewesen ist. Der Laie bewundert den Schatz der Gelehrsamkeit, den der Autor ausbreitet. Der Fachmann staunt gewiß noch mehr. Er wird die Tiefen kennen, aus denen die Funde gehoben wurden. Er wird die kunstvollen Fassungen der Argumente schätzen, ihre täuschend schlichten Umrisse und ihr fein ziseliertes Detail. Er wird überrascht sein, daß Schriftsteller glänzen, die für matt galten. Und er wird wissen, welches Falschgold der Autor ausgesondert hat. Wie die Hoheit der Natur sich nach Plinius im kleinsten Edelstein aufs höchste verdichtet, so funkelt die Philologie, wenn sie ein Iota ändert. Auf die kleinen Differenzen kommt es an: Nach dieser Regel ging Hermann der Lahme vor, der Reichenauer Mönch, als er den von Plinius angegebenen siderischen Mondmonat nach eigenen, gründlicheren Forschungen um eine Viertelstunde verkürzte. Die Gelehrsamkeit schüchtert den Laien ein, aber sie schreckt ihn nicht ab. Denn dieses Buch ist nicht nur für Fachleute und nicht in erster Linie für Fachleute geschrieben. Es präsentiert Plinius als Kritiker eines Spezialistentums, das dem modernen Wissenschaftsbetrieb zum Verwechseln ähnlich sieht. Private Verschwendung natürlichen Reichtums belastete die Staatsfinanzen. »Helfen konnten jetzt weder gigantische Forschungsstätten wie die alexandrinische Bibliothek, noch Werkstätten für phantastische Erfindungen wie unzerbrechliches Glas, sondern pragmatisches Augenmaß, persönliche Sparsamkeit und öffentliche Großzügigkeit.« Diese Überblendung von antiker und moderner Welt hat Methode. Nicht allein der Inhalt, auch die Form der impliziten Analogie läuft auf eine Kritik der Fachwissenschaft hinaus. Denn ein Gründungsmythos der Geisteswissenschaften war die These von der irreduziblen Individualität der Epochen, deren jede ihr eigenes Expertenkorps fordert. Zunächst meint man ein Buch in Händen zu halten, das die historistische Differenzierung auf die Spitze treibt. Das Überlieferungsgeschehen ist eine Kette von Mißverständnissen.

Jede Zeit liest Plinius neu, jeder Autor liest ihn anders, und schafft sich am Ende nicht jeder Autor seine eigene Zeit? Aber das überraschende Bild vergegenwärtigt das Vergangene in der glücklichen Moment-aufnahme. Aulus Gellius fand um 170 in der Naturgeschichte keinen Leitgedanken, nur krauses Zeug wie in »Groschenheftchen aus Griechenland«, die er am Hafen von Brindisi kaufte. Manches wiederholt sich. Im »Wohlfahrtsstaat der Adoptivkaiser« wurde die Wissenschaft »intellektuellen Spielereien oder emotionalen Bedürfnissen dienstbar gemacht«. Manches bleibt sich gleich. Der Agrarschriftsteller Columella, den Plinius kritisierte, hatte den Großgrundbesitzern den perfekten Einsatz von Arbeitskräften beigebracht und die Rückkehr zu bäuerlicher Tugend gepredigt. »Rationale Organisation der Arbeit, Massenproduktion und extensive Ausbeutung der Natur versprachen konservativen Herren Gewinn und Wohlfahrtwie eh und je.« Gegen den humanwissenschaftlichen Zweifel an der menschlichen Natur geht der Autor zurück zum Ausgangspunkt historischer Erkenntnis: zum duldenden, strebenden und handelnden Menschen, wie er ist und immer war und sein wird. Der Grundriß der Bücher der Naturgeschichte zeigt, daß auch für Plinius der Mensch das Zentrum der Natur darstellte, freilich gerade nicht als Krone der Schöpfung, sondern als Mängelwesen: das einzige Lebewesen, das selbst für seinen Platz in der Welt sorgen muß. Beständig an der menschlichen Lage ist dann ihre Unbeständigkeit. Der Mensch, wie er immer war und sein wird, ist das historische Wesen, das immer wieder anders ist. »Er gewinnt und verliert seine Natur allein durch Geschichte.« Vergänglichkeit und Wiederholung gehören zusammen. Das zeigt sich besonders an der Wissenschaft. Sie hat sich die Ordnung der Zeit vorgenommen und ist eben deshalb der Zeit ausgeliefert. Rechnungen werden korrigiert, Prognosen werden falsifiziert. Neuheiten veralten. Bisweilen geht ein ganzer Wissensbestand der Forschung verloren, so beim Brand der Bibliothek von Alexandria. Einen Schutz »vor ähnlich katastrophalen Paradigmenwechseln« gibt es nicht. Im Wechsel der Moden kehren die Typen wieder. Man kennt ihn, Adalhard von Corbie, den »Großforscher reinsten Wassers«. Als Vetter Karls des Großen »zum Herrschen erzogen«, schwingt er sich »zum Fachmann für Verwaltung und Organisation« auf. Die »Durchsetzungskraft« des schweigsamen und herrischen Mannes läßt seine Abtei zum »Zentrum« der Naturkunde werden. Obwohl sein »persönlicher Beitrag zur Forschung bescheiden« anmutet, feiern ihn »die Sachverständigen als große Kapazität«. Die karolingische Großforschung produzierte im »ersten Teamwork der europäischen Wissenschaftsgeschichte« die Aachener Enzyklopädie, ein Handbuch der Zeitenordnung. Als Fachmann für Zeitrechnung, für Sonnenstände, Mondumläufe und Planetenbahnen, war Plinius dem Mittelalter am nützlichsten. Die Geschichte derer, die ihn abschrieben, ausschrieben und umschrieben, ist daher auch eine Chronik des Umgangs der Gelehrten mit der Zeit, ihrer Verwendung und Verschwendung.


Weitere Artikel von Patrick Bahners