Dezemberheft 1997, Merkur # 585

Geschichte. Eine Kolumne − Die Entstehung des Historismus

von Patrick Bahners
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Historismus ist ein Unbegriff. Das Wort stellt sich seinem eigenen Gebrauch in den Weg. Man kann es nicht in den Mund nehmen, ohne es sogleich historisch zu erläutern. Der Historismusbegriff teilt sich in viele Begriffe und illustriert das Problem, das er beschreiben soll. Die verschiedenen Bestimmungen des Historismus − Historisierung der Welterfahrung, Emanzipation der autonomen Geschichtswissenschaft, Faktenpositivismus, Wertrelativismus etc. − kann man nach Belieben zusammenknoten. Der Historismusforscher, der in dieser Spätphase der Debatte über ein Spätzeitphänomen etwas Neues sagen will, muß den Mut haben, das Schwert Alexanders zu ziehen. Daniel Fuldas Untersuchung Wissenschaft aus Kunst über die Entstehung der klassischen deutschen Historiographie führt in kühl kalkulierter Beschränkung ein einziges Argument durch (Daniel Fulda, Wissenschaft aus Kunst. Die Entstehung der modernen deutschen Geschichtsschreibung 1760-1860. Berlin: de Gruyter 1996). Die bezwingende Form soll den Besserwissern die Sprache verschlagen, die jeden Schritt des Autors mit der relativistischen Einrede blockieren könnten, zur selben Zeit sei auch anderes gedacht worden beziehungsweise zu anderer Zeit dasselbe. Fulda beruft sich auf die frühromantische Identifikation von Gegenstand und Form der Erkenntnis: Wie für Friedrich Schlegel eine Theorie des Romans selbst ein Roman sein mußte, so fielen für den Historismus der Text des Historikers und der Text der Geschichte idealerweise zusammen. Und so entspricht auch Fuldas Geschichte der deutschen Geschichtsschreibung dem Modell der historischen Erzählung, von dessen Triumph er berichtet. Dieses Modell sieht der Autor durch eine Modernität bestimmt, die die Wissenschaft von der Kunst gelernt habe: Kohärenzbildung, Konstruktivität und Autonomie kennzeichnen die moderne Literatur, die schöne wie die gelehrte. Die Kohärenz von Fuldas Darstellung dürfte schwer zu steigern sein. Jedes Detail steht im Dienst des Ganzen, der Autor versagt sich alle Digressionen. Die strenge Ökonomie erzeugt den Effekt einer Sachlichkeit, die freilich die Person des Verfassers nicht zum Verschwinden bringt. Der Historiker stellt den Vorgängern seine, nicht ihre Fragen; er arrangiert die Stationen des Geschehens so, daß sie sich als Stufen einer Entwicklung darstellen; er deutet im Aufriß der Probleme die Lösungen schon an. Das Resultat ist kein Abbild der Wirklichkeit, sondern ihre Konstruktion aus einer bestimmten Perspektive: Einheit unter Zweckgesichtspunkten. Der Zweck der Darstellung regiert die Wahl der Mittel; Absichten, die über den Text hinausgehen, zeichnen sich nicht ab.

Wo Horst Walter Blankes konkurrierende Historiographiegeschichte sich schon im Titel als Historik ausweist und die Vergegenwärtigung der Fachgeschichte in den Dienst ihrer Fortschreibung in die Zukunft stellt, da hält Fulda keine Lektionen parat (Horst Walter Blanke, Historiographiegeschichte als Historik. Stuttgart: Frommann-Holzboog 1991; siehe auch zuletzt Blankes Beitrag in Otto Gerhard Oexle/ Jörn Rüsen (Hrsg.), Historismus in den Kulturwissenschaften. Geschichtskonzepte, historische Einschätzungen, Grundlagenprobleme. Köln: Böhlau 1996). Obwohl er selbst dem Schema folgt, das er entdeckt hat, läßt er offen, ob es für andere Stoffe taugt. Klassisch darf die von ihm entfaltete Handlung schon deshalb heißen, weil sie auf dem Höhepunkt, bei Ranke und Droysen, den Anfang des Niedergangs ahnen läßt. Es lag eine Art von Notwendigkeit darin, daß die Geschichtswissenschaft, als sie einmal ihr Selbstbewußtsein gewonnen hatte, sich von jener Kunst abkehrte, die ihre Lehrmeisterin gewesen war. Diesen vergessenen Ursprung, den Roman der Goethezeit, der den Historikern die geschlossene, sich aus sich selbst erklärende Erzählung vor Augen gestellt hatte, nimmt die Erinnerung in den Blick; einen Weg zurück bahnt sie nicht. Suchte die Geschichtswissenschaft heute nach ästhetischer Inspiration, hätte sie sich an die avancierte Literatur unserer Zeit zu wenden, wo Zusammenklang durch Fragmentierung ersetzt worden ist, die Schöpfung des Autors durch die Autopoiesis des Textes und die Autonomie des Kunstwerks durch die Interferenz der Medien. Ob die Historie diese Verfahren der moderneren Literatur kopieren kann, ob noch einmal Wissenschaft aus Kunst entstehen könnte, ist eine Frage, die Fulda zwar aufwirft, aber nicht beantwortet. Die Analogieschlüsse des exemplarischen Erzählens sind unter historistischen Prämissen fragwürdig geworden, und ein Kunstgriff, der vor zweihundert Jahren glückte, mag heute zwecklos sein. Manche Anwendung von Fuldas Resultaten mag sich dem Leser nahelegen, doch zuerst wird er Kühnheit des Entwurfs und Sorgfalt der Durchführung bewundern: Diese Erkenntnis ist sich selbst genug. Mit Blankes und Fuldas Geschichten der deutschen Geschichtswissenschaft liegen eine aufklärerische und eine historistische Version desselben Stoffes vor: normativ, enzyklopädisch, abwägend die eine, hermeneutisch, auswählend, zuspitzend die andere. Blankes Riesenwerk summiert Forschungen, die der Wunsch ausgelöst hatte, der »kritischen« Historie der Bundesrepublik eine philosophisch respektable und politisch erbauliche Vorgeschichte zu verschaffen. An den Historikern der Aufklärung lobte man theoretische Reflexion, soziologisches Interesse und moralisches Engagement. Im Lichte des wachsenden Wissens mußte dieses Idealbild modifiziert werden, zunehmend betonte man die Kontinuitäten zwischen Aufklärungshistorie und Historismus. Je mehr die Sozialgeschichte sich durchsetzte, desto weniger bedurfte sie der heroischen Legende von den verdrängten Vorläufern. Die historistische Revolution, so mochte man meinen, erlitt das Schicksal jeder Revolution unter den Händen der historistischen Wissenschaft: In dem Maße, wie die Leidenschaft der Parteigänger zurückging, wurde die Bedeutung des Bruchs relativiert. Die Zeit schien reif für den Tocqueville der Tiefenstruktur des historischen Denkens. Fulda aber reißt den Graben zwischen Aufklärung und Historismus wieder auf. Ein apologetisches Interesse an der staatstreu-idealistischen Tradition der Rankeschule kann ihm niemand unterstellen; die Schärfe seines Blicks erklärt gerade ein Standpunkt außerhalb des Fachs. Als Historiograph der Bielefelder Schule mißt Blanke den Fortschritt der Geschichtswissenschaft am Raum der expliziten metahistorischen Selbstreflexion; er deutet die praktische Schwäche der Göttinger Aufklärer, die Geschichte planten, entwarfen und umrissen, aber nur selten schrieben, als theoretische Stärke, als Konsequenz erkenntniskritischer Skrupel. Der Literaturwissenschaftler Fulda dagegen erkennt Schreibprogrammen nur insofern einen Sinn zu, als sie tatsächlich die Textproduktion organisieren.


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