Aprilheft 1997, Merkur # 577

Geschichte. Eine Kolumne − Diesseits des Lustprinzips

von Patrick Bahners
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Von Peter Gays vielbändiger Geschichte der bürgerlichen Erfahrung im 19. Jahrhundert liegen im Original vier, in deutscher Übersetzung drei Bände vor (Peter Gay, The Bourgeois Experience: Victoria to Freud. Bd. 1: Education of the Senses (1984); Bd. 2: The Tender Passion (1986) bei Oxford University Press in New York; Bd. 3: The Cultivation of Hatred (1993); Bd. 4: The Naked Heart (1995) bei W. W. Norton in New York. Bei Beck in München liegen vor Erziehung der Sinne (1986), Die zarte Leidenschaft (1987), Kult der Gewalt 1996). Je weiter das Unternehmen fortschreitet, desto lauter dürften die kritischen Fragen werden, die schon die ersten beiden Bände, die von der Sexualität und der Liebe handeln, begrüßt haben (Siehe Manfred Schneider, Zahlen und Sozialgeschichten der Intimität. In: Merkur, Nr. 455, Januar 1987). Gay hat einen großzügigen Begriff des 19. Jahrhunderts. Es endete 1914. In den ersten Bänden setzte es erst um 1820 ein, aber das hatte nur pragmatische Gründe der Stoffbeschränkung. Im dritten und vierten Teil erörtert der Autor die Aggression und das Selbstbewußtsein, da kann er von der Französischen Revolution und von der Romantik nicht schweigen. Mithin begann das Säkulum schon 1789, es ist jenes lange 19. Jahrhundert, das man auch von Eric Hobsbawm kennt. In Gays Augen ist es aber noch nicht lang genug.

Er nimmt für seine Bürger gar nicht in Anspruch, daß sie Erfahrungen gemacht haben, die ihren Vorfahren fremd geblieben sind. Im Band über die Selbsterkundung fehlt ein Kapitel über den Drogenrausch. Die These, mit der Gays erster Band Aufsehen erregte, besagte, daß es den Viktorianismus nicht gegeben hat. Viktoria und ihre Schwestern waren gar nicht prüde. Die Diskretion wurde aus der höfischen Pflicht zur bürgerlichen Tugend; die Trennung von öffentlicher und privater Sphäre sicherte einen Freiraum für erotische Experimente. In Gays Geschichte des Strebens nach Glück gibt es keinen Sündenfall in die sexuelle Unfreiheit und keine Erlösung zum Genuß ohne Reue. Das 19. Jahrhundert hat nicht eigentlich angefangen und anscheinend auch nicht wirklich aufgehört. Gay begann sein Projekt also damit, daß er die Einzigartigkeit der Epoche bestritt, die er zu schildern unternahm. Seine Historikerkollegen mußte dieses Vorgehen im Mißtrauen gegenüber der Methode bestärken, deren Brauchbarkeit er beweisen wollte. Kann man mit Freuds Begriffen erklären, was die Bürger des 19. Jahrhunderts von ihren Großvätern und ihren Enkeln unterscheidet? Oder kennt die Psychoanalyse nur zwei Subjekte, das Individuum und die Menschheit? Den Historiker, der sich vom Priester das Ziel der Weltgeschichte nicht mehrvorschreiben läßt, fasziniert der Psychoanalytiker, weil er unbefangen Geschichten erzählt. Aber ist nicht dem Mythos des Kampfes zwischen Ich und Es wie jeder eschatologischen Erzählung der zeitliche Index am Ende gleichgültig? Gay hätte sich seine Sache leichtmachen können, hätte er behauptet, daß Freuds Theorien die Erfahrung des 19. Jahrhunderts zur Sprache bringen, weil er und seine Patienten Kinder dieses Jahrhunderts waren. Doch an lokalem Wissen ist Gay nicht eigentlich interessiert. Er verspricht sich von der Psychoanalyse einen anthropologischen Generalschlüssel. Sie soll der Kern jener Wissenschaft vom Menschen sein, die die Historiker im Zeitalter der Aufklärung nur postulieren konnten. Wer heute ein historiographisches Großprojekt auf den Weg bringt, sichert sich gewöhnlich mit einem Bekenntnis zum Synkretismus ab. Gay hat dagegen den höchstmöglichen Einsatz gewagt. Er hat sich denn auch genötigt gesehen, gleich zu Anfang seinen besten Trumpf auszuspielen. Der Band über die Sexualität profitiert eben doch davon, daß der Autor Freuds Thesen an Freuds Themen erprobt. In den Betrachtungen über Angriffslust und Selbstliebe kann er die Psychoanalyse nicht mehr als medizinische Lehre, sondern nur noch als Kulturphilosophie zu Rate ziehen. Das aber muß für einen Historiker problematisch sein, der seit seinen frühen Studien zu den Philosophen der Aufklärung immer wieder den Durchbruch zur exakten Wissenschaft als wichtigste Errungenschaft der Neuzeit herausgestellt hat. Die heutige Wissenschaftsgeschichte ist geneigt, den Gegensatz zwischen mittelalterlicher Kindesbefangenheit und modernem Realismus zu relativieren. Sie verweist auf das lange Nachleben okkulter Traditionen im Mantel rationaler Diskurse. Die Kirche der Humanität wird von einem Schisma geplagt. Für manchen kritischen Geist, der sich von Gay im Rationalismus nicht übertreffen läßt, verkörpert gerade die Freudʼsche Doktrin den Typus eines Sonderwissens, das sich gegen empirische Widerlegung immunisiert hat. Indem Gay die Psychoanalyse eine Wissenschaft des Verdachts nennt, markiert er unwillentlich die Nähe von Wahnsinn und Methode. Der Wissenschaftler wird an den Erscheinungen nicht froh; was er sieht, interpretierter als Wirkung einer unsichtbaren Ursache. Im generalisierten Zweifel an den Gewißheiten der Alltagswelt ist er der Doppelgänger des Paranoikers, der sich von Feinden umzingelt glaubt. Es verwundert nicht, daß eine Wissenschaft des Verdachts ihre Ermittlungen mit Vorliebe hinter Schlafzimmertüren vornimmt. Wenn sie von dem redet, worüber man nicht spricht, kann sie allemal ein Geheimnis enthüllen, auch wenn es wie in Gays erstem Band das Geheimnis der Normalität ist. Die Briefe der verwöhnten Gattinnen, die Gay so ausführlich zitiert, sind allesamt Variationen auf den entwendeten Brief aus Poes Erzählung. Die Quellen lagen immer schon da, die Historiker der Sexualität haben sie nur übersehen. Im Ehebett wurden das Bedürfnis des Körpers und die Sehnsucht der Seele gleichermaßen befriedigt. Ungefähr das sagt der Pfarrer auch. Vergleichbare Offenbarungen darf der Leser der neueren Teile nicht erwarten. Wo Gay den Leser der ersten beiden Bände in Schlafgemächer blicken ließ, in denen mehr geschah, als emanzipierte Schulweisheit sich träumen ließ, da legt er im dritten Teil unter der Vielfalt der Phänomene eine einzige Struktur frei. [WS, 18.09.2019] Das Buch ist ungemein figurenreichund dennoch eine Einheit. Der Reigender Priester und Professoren, Politikerund Satiriker ist ein Totentanz. Zwi-schen Bismarck und Heine, Henry Jamesund Theodore Roosevelt schiebt immerwieder Thanatos seinen Schädel insBild.Sollte eine Frauenhistorikerin einmalneben Sombarts Bourgeois die Bourgeoi-se stellen, wird sie Mabel Loomis Toddein Kapitel einräumen. Im Licht ihrervon Gay entdeckten Tagebücher, die insymbolischer Notation ehelichen undaußerehelichen Beischlaf verzeichnen,erscheint die bürgerliche Doppelmoralals Folge der doppelten Buchführung.Ein ähnlicher Archivfund ist Gay nichtmehr geglückt und war wohl auch nichtwahrscheinlich. Im dritten Band gibt erCharles Holmes das Wort, einem Fabri-kanten und Obersten der Nordstaaten,dessen Papiere in Yale verwahrt werden.Die Ermordung Lincolns erschütterteihn so sehr, daß er sich selbst nicht mehrzu kennen glaubte. Er hatte sich für ei-nen friedliebenden Menschen gehalten,der auch dem Feind im Bürgerkrieg ver-geben hatte, »und nun ist ein Fremderda, ein finsterer, strenger, schonungsloserund unversöhnlicher Fremder, und ichbegrüße ihn mit der ganzen Inbrunst, jamit der Zuneigung, mit der ein Lieben-der seine Auserwählte begrüßt, und sei-ner Führung überlasse ich meine Seeleund mein Herz und meine Kraft, solangebis der Tag gekommen ist, da niemandaus dieser Schlangenbrut mehr dasHaupt zu erheben wagt«.Von einer historischen Einordnungdieses Dokuments sieht Gay ab; die Tra-dition puritanischer Bußübungen undBannflüche zieht er nicht heran. Im eng-lischen Original fügt er nicht einmalSatzzeichen in den Text ein. KeineHistorisierung der Sprache soll die Radi-kalität der Selbstanalyse verwischen.Mabel Todd hielt Tatsachen fest; CharlesHolmes schrieb eine Phantasie nieder.Der Historiker der bürgerlichen Erfah-rung steht am Scheideweg von Außen-welt und Innenwelt: Soll er den realenGeliebten von Mrs. Todd verfolgenoder den idealen Begleiter von OberstHolmes?Der dunkle Fremde mit der unwider-stehlichen Stimme zieht Gay stärker anals William Austin Dickinson, Schatz-meister des Amherst College. Er verläßtNeuengland und eine Epoche, in der einesäkularisierte christliche Moral sowohldie Liebe zum verheirateten Nachbarnals auch den Haß auf den politischenGegner begründen konnte. Überhauptläßt er Raum und Zeit hinter sich undbetritt das ewige Land der Seele. In die-sem Paradies der freien Assoziation wirddie Wissenschaft des Verdachts von allenBeweispflichten entlastet. Nicht jedeProfessorengattin begehrt einen Kolle-gen ihres Mannes. Der Fall Mabel Toddläßt sich nicht verallgemeinern. DerSchrecken, der Charles Holmes beimBlick in die eigene Seele ereilte, ist dage-gen universal. Der dunkle Geselle ist je-dem so vertraut wie sein Schatten. Gayzitiert den englischen Essayisten undBankier Walter Bagehot: »Hinter demäußeren Leben jedes Mannes, das er inGesellschaft führt, gibt es ein anderes,das er alleine führt und das er mit sichherumträgt. Wir sehen nur eine Teilan-sicht unseres Nachbarn, wie wir nur eine


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